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    VEITSHÖCHHEIM

    Die Freizeitkicker, denen eigentlich nur ein Gegner fehlt

    In Veitshöchheim spielt eine „mehrfach inklusive“ Truppe seit 12 Jahren Woche für Woche zusammen Fußball
    Mannschaftsaufstellung: Die „mehrfach inklusive“ Truppe vor dem Training – am Tag der WM-Niederlage der deutschen Mannschaft – auf dem Sportplatz des Berufsförderungswerks in Veitshöchheim Foto: Daniel Peter

    Endlich Feierabend, rasch alles zusammengepackt – und dann nichts wie weg! Nach Hause oder irgendwohin, wo man von der Arbeit abschalten kann. Die Freizeit dort zu verbringen, wo man den ganzen Tag malocht hat, können sich viele Menschen nicht vorstellen. Marcus Meier und Ernst Heßdörfer hingegen haben damit kein Problem. Sie gründeten an ihrem Arbeitslatz „Berufsförderungswerk Würzburg“ (BFW) vor 14 Jahren eine bunte Truppe „Fußballverrückter“, die sich seither an jedem Mittwochabend trifft.

    Die Truppe ist so bunt – bunter geht?s kaum noch. Da gibt es sehbehinderte Flüchtlinge, die im BFW Deutsch lernen, Ehemalige, die ohne das Kicken am Mittwochabend jeden Kontakt zu ihren früheren Kollegen verloren hätten, und Menschen mit Lernbeeinträchtigung, die im BFW-Internat leben. Letzte Woche kam ein Ex-Zivi vorbei, den alle schon lange nicht mehr gesehen haben. Mit großem Hallo wurde er begrüßt.

    Einer kennt einen, der einen kennt, der . . .

    Manche landen über fünf Ecken hier. Einer kennt einen, der einen kennt, der... „Grundsätzlich ist jeder willkommen“, sagt Meier. Egal, wie gut sein Ballgefühl ist. „Sogar ich darf mitmachen“, lacht Stefan Schauderna, der ein wenig damit kokettiert, dass er wahrlich kein fußballerisches Naturtalent ist. Seine Trefferquote? „Na ja, manchmal reicht?s zum Eigentor.“

    Zwischen den „Spleenigen“ tummeln sich die „Normalos“, die nach wie vor im BFW arbeiten und die Fußballtruppe als Chance sehen, Kollegen außerhalb des Jobs besser kennenzulernen. Und zwar gerade solche, mit denen es auf der Arbeit manchmal ein bisschen schwierig ist. Nach ein, zwei schweißtreibenden Matches ist man einander viel näher, als man es jemals im Job war.

    Weil's noch mehr Spaß macht als mit der Altherrenmannschaft

    Teamgründer Ernst Heßdörfer gehört zu diesen „Normalos“. Er engagiert sich im BFW als Wirtschaftsinformatiker. Das macht er mit großen Erfolg: Der 38-Jährige hat die deutschlandweit erste eLearning-Plattform für Blinde mitentwickelt. Sitzt Heßdörfer nicht am Computer im Büro, liebt er es, sich zu bewegen. Vor allem auf dem Fußballplatz. Heßdörfer gehört den „Alten Herren“ der DJK Retzstadt in Main-Spessart an. Allerdings kickt er da nicht allzu oft. „Die trainieren parallel mit uns“, sagt er. Mit nur einer halben Stunde Zeitunterschied: In Veitshöchheim ist um 18.30 Uhr Anstoß, in Retzstadt um 19 Uhr.

    Ungünstig. Spricht Heßdörfer von „uns“, meint er selbstverständlich die Inklusionsfußballtruppe, für die er sich, rückt der Mittwochabend näher, meist entscheidet. Denn hier zu kicken, macht ihm noch viel mehr Spaß, als mit den Alten Herren dem Ball hinterherzujagen.

    Manchmal nur sechs, manchmal 20

    Wer an den Mittwochabenden kommt, weiß man nicht. „Es gibt Tage, an denen wir nur zu sechst sind“, sagt Marcus Meier, der bei der Gründung der Truppe im BFW arbeitete, inzwischen aber in Marktheidenfeld beschäftigt ist. Immerhin reicht?s für ein Match drei gegen drei. Dann wieder kommen plötzlich 20 Jungs zusammen.

    Zu den regelmäßigen Spielern gehört Yasser Alhusain. Auf dem Spielfeld fällt der junge Syrer im roten Trikot dadurch auf, dass er grundsätzlich barfuß spielt. Das autscht manchmal, prallt der Ball heftig auf den Fuß. Aber Alhusain will keine Fußballschuhe tragen. In Syrien, erzählt der Twen, der 2015 mit zwei Cousins aus seiner Heimat floh, habe er immer barfuß gekickt. Warum soll er es hier ändern.

    Alhusain ist aber nicht nur wegen seines Barfußspielens etwas Besonderes innerhalb der bunten Truppe. Er ist auch derjenige, der am schlechtesten sieht. „Nur noch zwei oder drei Prozent“, sagt er. Das merkt man ihm nicht an. Zuschauer, die sich hin und wieder am Mittwochabend an den Spielfeldrand verirren, sind denn auch bass erstaunt, erfahren sie hinterher: Dieser Spieler ist fast blind. Was an einem genetischen Defekt liegt, erklärt der Flüchtling, der am BFW an einem Deutschkurs für blinde und sehbehinderte Geflüchtete teilnimmt.

    Und hinterher ein Radler . . .

    Noch verbleibt Alhusain so viel Sehkraft, dass er Gegenstände erkennt, die sich bewegen. Von daher trifft er den Ball. Und das meist so souverän, dass seine Mitspieler oft vergessen, wie stark er eingeschränkt ist. Erinnert werden sie nach dem Training daran, wenn?s gemeinsam ans Tippwetten gehen. Da kriegt auch er Zettel und Stift. Und kann damit gar nichts anfangen. Ach so, Yasser sieht ja nichts! Vor allem nicht in der Nähe. „Es ist echt absolut faszinierend, wie gut er dennoch spielt“, sagt Heßdörfer.

    Einen Namen hat die bunte Inklusionstruppe nicht. Nur bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie gegen ein anderes Freizeitteam, fast immer Alte Herren, antritt, muss sie sich einen Namen überlegen. So gehört es sich nun mal bei Turnieren. „Dann hießen wir zum Beispiel schon ,Red Point All-Stars‘“, sagt Ernst Heßdörfer. Der Name verweist auf die Gaststätte „Roter Punkt“ des BFW, wo sich die Spieler hinterher beim Radler erfrischen und miteinander ins Gespräch kommen. Da erfährt man so manches Interessante. Zum Beispiel, dass Fußballplätze in syrischen Dörfern oft nicht frei zugänglich sind. „Die muss man mieten, deshalb haben wir Ärmeren auf der Straße gespielt““, sagt Yasser Alhusain.

    Nach dem Deutschkurs was für die Fitness tun

    Der Syrer ist nicht der einzige Geflüchtete, den die bunte Truppe als Mitspieler gewonnen hat. Auch Shervan Ibrahim kickt seit November begeistert mit. Ibrahim hat ein ähnliches Schicksal wie Alhusain: Sein Augenlicht nimmt aus genetischen Gründen immer weiter ab. Immerhin kann er noch etwa 40 Prozent sehen. Warum er nach dem Deutschkurs am Mittwochabend mitspielt? Der 26-jährige Kurde lacht und zeigt auf seinen nicht vorhandenen Bauch: „Ist ein bisschen Speck da, das muss weg.“ Typisch Shervan. Manchmal nimmt er einfach nichts so richtig ernst.

    Das Kicken ist für Ibrahim eine gute Möglichkeit, sich abzulenken von dem, was ihn insgeheim belastet. Dass er nicht bei seiner Familie sein kann. Dass seine Augen immer schlechter werden. Dass er sich seine beruflichen Wünsche nicht erfüllen kann: Zu gern wäre er in Syrien Mathelehrer geworden.

    Auch der Torhüter der Blindenfußball-Nationalmannschaft spielt mit

    Mit Enrico Göbel hat die bunte Truppe einen professionellen Fußballer gewonnen. Der IT-Fachlehrer am BFW ist Torhüter der deutschen Fußballnationalmannschaft im Blindenfußball. Obwohl er ein Profi ist, lässt er es sich nicht nehmen, an den Mittwochabenden mitzukicken. Die Motivation ist klar: Spaß tanken. Leute kennenlernen. Sich an skurrilen Situationen zu ergötzen.

    Zu diesen Situationen kommt es eben deshalb immer wieder, weil lauter „bunte Hunde“ mitspielen. Unvergessen bleibt ein Sportler mit Autismus, der nicht nur eine extreme Leidenschaft für Planeten und Sterne hatte. Er stand auch auf Gelbe und Rote Karten. Und weil er es so klasse fand, Gelbe und Rote Karten zu zücken, gab man seinem Spleen nach und stattete ihn entsprechend aus. „Normalerweise haben wir keinen Schiedsrichter“, sagt Marcus Meier. Plötzlich gab?s bei jedem Spiel mehrmals Gelb: „Wobei unser Teamkollege Fouls sah, die keiner von uns gesehen hat.“ Egal. Ist ja sowieso Spaß. Dann gibt?s eben einen Freistoß.

    Was fehlt: ein Gegner

    Einen echten, ebenbürtigen Gegner hat die bunte Truppe weit und breit nicht. Es gibt in der Region schlicht keine andere Mannschaft, die derart inklusiv wäre. Zwar existieren Teams, die aus Spielern mit speziellen Handicaps bestehen. Etwa Mannschaften mit lauter blinden Sportlern. Selbst Einbeinige haben Teams gegründet. Aber überall ist man unter sich. Nirgends geht es so inklusiv zu wie beim BFW. Das macht Turniere „auf Augenhöhe“ unmöglich. Ist aber vielleicht auch gut so. Dann sonst wäre man wieder unter Druck, würde sich wieder messen müssen, würde in „Punkten“ und „Toren“ denken. Und der Spaß bliebe am Ende auf der Strecke.

    Jederzeit mitmachen!

    Die bunte Gruppe von Fußballverrückten trifft sich an jedem Mittwoch um 18.30 Uhr auf dem Sportplatz des Berufsförderungswerks in der Helen-Keller-Straße 5 in Veitshöchheim (Lkr. Würzburg). Jeder darf mitkicken, ganz egal, wie leistungsstark jemand ist oder welches Handicap er hat – die Leidenschaft fürs Fußballspielen genügt. Papas können gerne ihre Sprösslinge zum Kicken mitbringen. Auch Frauen sind willkommen. Die gab es früher zwar auch schon, doch seit längerer Zeit hat sich keine Spielerin mehr zu der Truppe verirrt. Dabei bräuchte es genau noch die Mitspielerin(nen), damit das BFW-Team komplett inklusiv ist. PAt
    „Na ja, manchmal reicht?s zum Eigentor.“
    Mitspieler Stefan Schauderna zu seiner Trefferquote
    In Veitshöchheim spielt eine „mehrfach inklusive“ Truppe seit 12 Jahren Woche für Woche zusammen Fußball
    Barfuß oder im deutschen Trikot? Darauf kommt's nicht an, nur Begeisterung zählt. Foto: Daniel Peter
    In Veitshöchheim spielt eine „mehrfach inklusive“ Truppe seit 12 Jahren Woche für Woche zusammen Fußball
    Dribbling, Fehlpass, Kopfballtor: alles möglich auf dem BFW-Rasen Foto: Daniel Peter
    In Veitshöchheim spielt eine „mehrfach inklusive“ Truppe seit 12 Jahren Woche für Woche zusammen Fußball
    Eine „mehrfach inklusive“ Truppe trifft mittwochs auf dem Sportplatz des Berufsförderungswerks (BFW) in Veitshöchheim zum Kicken. Hier trifft der blinde Mensch den Sehenden, der Mensch mit (einem anderen) Handicap den nicht-behinderten Sportler, der Mensch ohne Schulabschluss den Menschen mit guter Bildung, der Asperger-Autist den Flüchtling. Foto: Daniel Peter

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