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    Würzburg

    Die lange, kurze Geschichte der Würzburger Räterepublik

    7. April 1919, 16 Uhr: Der schwäbische Schreiner Anton Waibel ruft auf dem Würzburger Neumünsterplatz vor 3000 Würzburgern die Räterepublik aus.  Foto: Stadtarchiv

    Würzburg am 9. April 1919 um halb Vier in der Nacht: Beim Rechtsrat Hans Löffler klopft wer an die Haustür. Löffler macht auf. Vor ihm stehen Gesandte des Revolutionären Aktionsausschusses (RAA) und erklären auf gut Würzburgerisch: "Wir sollen Ihnen verhaft."

    So klopfen in dieser Nacht Fäuste an 16 Haustüren in der Stadt. Am frühen Morgen kleben rosafarbene Plakate an Häuserwänden, und die Passanten lesen: "Zur Vermeidung von Blutvergießen und zum Niederhalten gegenrevolutionärer Maßnahmen sahen wir uns genötigt bis auf weiteres 16 Geiseln festzunehmen. Wir warnen deshalb vor jedem unüberlegtem Schritt gegen das Proletariat. Wenn Proletarierblut fließt, werden Geiseln erschossen."

    Es ist der dritte Tag der Würzburger Räterepublik. Bald werden Schüsse fallen und Menschen sterben.

    Schwer zu sagen, wann genau der Aufstand begonnen hat. Es ist eine sehr alte Geschichte. Auf der einen Seite stehen zu allen Zeiten und überall die armen Schlucker, die nicht mehr besitzen als ihre Arbeitskraft. Sie ernähren den Adel und den Klerus und seit Beginn der Industrialisierung auch die bürgerlichen Grund- und Fabrikbesitzer.

    1893 zum Beispiel arbeiten Würzburger Holzarbeiter 60 Stunden in der Woche, für einen Wochenlohn von 17,96 Mark. Der wöchentliche Lebensmittelbedarf einer vierköpfigen Familie kostet 18,24 Mark. Schneider arbeiten 85 Stunden pro Woche, Schuhmacher bis zu 96 Stunden, Müller und Metzger bis zu 110 Stunden.

    Sie sind keine Bürger. Wer Bürger Würzburgs sein will, muss männlich, Bayer und selbstständig sein, direkte Steuern zahlen und das Bürgerrecht erwerben, für 82 Mark die Zugezogenen und für 65 Mark die eingesessenen selbstständigen Bürgersöhne. Arbeiter können sich das nicht leisten. Ohne Bürgerrechte aber dürfen sie nicht wählen und sich nicht wählen lassen. 1908, zur Reichstagswahl, besitzen nur 4050 von 95 000 Würzburgern das aktive und passive Wahlrecht.

    Geiseln in der Residenz - und die Gattin des Schlossverwalters macht Frühstück 

    Am Morgen des 9. April 1919 sitzen 16 Bürger unfreiwillig in der Residenz, die Geiseln des Revolutionären Aktionsschusses: eine illustre Runde von Hofräten, höheren Offizieren und Magistratsräten, auch der SPD-Mann Felix Freudenberger ist dabei. Schmachten müssen sie nicht, wird der Kommerzienrat Seißer später notieren: Die Gattin des Schlossverwalters bereitet den Herren ein opulentes Frühstück, tischt sechs Bocksbeutel auf "und auch die Zigarren und Zigaretten haben wir uns sehr gut schmecken lassen und dann noch die würzige Unterhaltung, zu der alle beitrugen, hat uns über die schweren Stunden gut hinweggebracht". Nach dem Frühstück klagt Seißer indes über gesundheitliche Beschwerden, ihm sei nicht wohl -  und die Revolutionäre schicken ihn heim.

    Mit Geschütz vor der Würzburger Residenz: eine Aufnahme aus dem April 1919. Foto: Archiv Frühauf

    Am Morgen macht ein Flugblatt die Runde: "Beamte, Bürger, Arbeiter! Eine Reihe unserer Mitbürger, unter ihnen Führer der Mehrheitssozialisten, sind vom revolutionären Aktionsausschuss verhaftet. Darauf gibt es nur eine Antwort: Der Bürgerstreik. Bürger, Beamte, Arbeit! schließt sofort alle Betriebe und Geschäfte. Post und Eisenbahn stehen still!" Der RAA hat mit der nächtlichen Aktion die Einheitsfront seiner Gegner von Bayerischer Volkspartei (BVP), SPD und Verwaltung gefestigt.

    Von Marx, Bebel und Liebknecht getrieben 

    Karl Marx hat den 16 die Geiselhaft eingebrockt. 1867 ist der erste Band seines Hauptwerks "Das Kapital" erschienen. Darin beschreibt Marx kapitalistische Gesellschaften als "Klassengesellschaften". Die herrschende Klasse, die Kapitalisten, Eigentümer der Produktionsmittel, würden ihren Reichtum mittels der Arbeit der Proletarier mehren. Die Kapitalisten beteiligten die Proletarier nur insoweit an ihrem Reichtum, als das Ausbeuten von Arbeitskraft eine Entlohnung notwendig mache.

    1868 stellen Wilhelm Liebknecht und August Bebel fest, "die Emanzipation der arbeitenden Klassen" müsse "durch die arbeitenden Klassen selbst erkämpft werden", ein Jahr später gründen sie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP).

    1914 vergessen die Sozialdemokraten Marx‘ Lehre von der Internationale der Klassen. Sie stürzen sich in nationale Träume und in den Ersten Weltkrieg. 1916 spalten Kriegsgegner sich ab und gründen die Unabhängige sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

    Zermürbt vom Krieg: Ende 1918 beginnt der Aufruhr 

    Das ganze Jahr 1918 lang schon gärt es in Würzburg: Ausbeutung und Rechtlosigkeit, knappe Lebensmittel und großer Hunger, das Sterben im Krieg und eine tödliche Grippe-Epidemie machen die Leute mürbe und zornig.

    Am Morgen des 8. November 1918 sitzen in der Generalkommandatur Würzburg besorgte Herren beisammen. Sie haben Nachricht, in Berlin sei der Kaiser gestürzt und in München hätten linke Revolutionäre in der Nacht den König vertrieben. Der USPD-Mann Kurt Eisner soll Bayern als Republik ausgerufen haben. Jetzt erwarten sie die Umstürzler in Würzburg. Zwei Besorgte, Regierungspräsident Julius von Henle und General Ludwig von Gebsattel, wollen sie zusammenschießen lassen. Daraus wird nichts, auch, weil Gebsattel feststellen muss, dass "eine reine Soldatenmeuterei der ganzen Garnison" ausgebrochen sei und ihm "keine fünf Mann" mehr zur Verfügung stehen.

    Handwerker, Arbeiter und Soldaten gründen einen Rat

    Am Abend gründen Handwerksgesellen und Soldaten, Mehrheits- und Unabhängige Sozialdemokraten einen Arbeiter- und Soldatenrat. In die Geschäftsgänge der Stadtverwaltung greifen sie kaum ein - sie hätten auch kaum Ahnung davon. Vom Arbeiterrat kommt nicht viel. Aktiver ist der 76-köpfige Soldatenrat, der die Rückkehr Tausender Kriegsheimkehrer organisiert und für Sicherheit und Ordnung sorgt.

    "Soviel Altes und Bewährtes ist in einem Jahrtausend nicht zusammengestürzt, als in den letzten acht Tagen", resümiert das "Fränkische Volksblatt" am 15. November 1918.

    Die Arbeiter- und Soldatenräte sollen nach dem Willen der SPD die Bevölkerung vorbereiten auf die Reichstagswahl am 19. Januar 1919 und die Wahl des bayerischen Landtags einen Monat später. Dagegen wollen Teile der USPD, Kommunisten und Anarchisten wie der einflussreiche Dichter Erich Mühsam den Staat in einem basisdemokratischen Rätesystem organisieren, wie sie es in der Sowjetunion am Entstehen wähnen. - Das russische "Sowjet" bedeutet im Deutschen "Rat".

    Überall herrscht Gewalt. In Berlin lässt der Chef der Übergangsregierung, der Sozialdemokrat und spätere Reichspräsident Friedrich Ebert, an Weihnachten 1918 meuternde Soldaten erschießen, und am 10. Januar 1919 über Hundert KPD- und USPD-Leute, die mit der Besetzung von Zeitungshäusern die sozialistische Revolution weitertreiben wollen. Am 15. Januar ermorden Freikorps-Offiziere Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, laut Waldemar Pabst, dem Anführer der Mörder, mit Eberts Wissen.

    Die SPD gewinnt die Reichstagswahl, ihr Vorsitzender Friedrich Ebert wird Reichspräsident. Die USPD geht am 19. Februar in den bayerischen Landtagswahlen unter. Am 21. Februar bringt ein Rechtsradikaler den bayerischen Ministerpräsidenten Eisner um. Die brüchige Allianz aus SPD und USPD zerbricht. Die Linken radikalisieren sich. Anders als die Sozialdemokraten glauben sie, was Liebknecht sagte: Die Befreiung des Proletariats aus der Unterdrückung sei mit parlamentarischen Methoden nicht zu schaffen, "einzig und allein der außerparlamentarische, revolutionäre Kampf" entscheide.

    7. April 1919: Räterepublik in München - und in Würzburg

    Am 7. April 1919 ruft der Revolutionäre Arbeiterrat in München die bayerische Räterepublik aus. Am gleichen Tag tut in Würzburg - gegen 16 Uhr, zwischen Dom und Neumünster - der Revolutionär Anton Waibel, ein Schreiner aus Schwaben, es den Münchnern gleich: Er ruft vom Dach eines Lkw aus vor 3000 Leuten die Würzburger Räterepublik aus. Die Mehrheit der Würzburger aber - sie hält nichts davon.

    Da war die Räterevolution in Würzburg schon wieder vorbei: Nach der Einnahme der Residenz marschieren die Truppen am 9. April 1919 durch die Stadt in die Neunerkaserne. Foto: Stadtarchiv

    Am 9. April, Punkt 12 Uhr, schlagen die Revolutionsgegner zu: Artilleristen, Studenten, Schüler von der Maschinenbauschule, Burschenschafter. Von der Faulenbergkaserne kommen die Angreifer marschiert, in der Residenz erwartet von 300 Revolutionären. Nach einer kurzen Schießerei geben die Räte auf, ihren Geiseln haben sie nichts angetan. Fast zwei Stunden lang dauern die Kämpfe am Hauptbahnhof und auf der Festung, dann ist die Würzburger Räterepublik geschlagen.

    Zwei Dutzend Männer werden getötet, in der Mehrzahl Revolutionäre. Die Sieger stellen ein Freiwilligenkontingent zusammen, das den Aufständischen in Aschaffenburg, Schweinfurt und Lohr zwölf Stunden Zeit gibt zu kapitulieren. Auch sie ergeben sich.

    Was waren die Räte?
    Vom Matrosenaufstand Anfang November 1918 in Kiel ausgehend, gründen revolutionäre Arbeiter, Soldaten und Bauern in fast allen deutschen Städten und in zahlreichen ländlichen Regionen basisdemokratisch organisierte Räte. Sie übernehmen die politische und Ordnungsgewalt auf lokaler Ebene. Obwohl die Mehrzahl ihrer Mitglieder der SPD oder der USPD angehört, agieren sie parteiunabhängig.
    Die Räte haben kein gemeinsames Programm. Sie eint die Gegnerschaft zum monarchistischen Obrigkeitsstaat, die Mehrzahl will eine demokratische sozialistische Republik. Eine Minderheit strebt eine Rätediktatur nach sowjetischem Vorbild an.
    Arbeiterräte werden in Vollversammlungen gewählt, zu denen die Betriebe Delegierte schicken. In der Regel schließen sie sich mit dem örtlichen Soldatenrat zusammen. Auf lokaler Ebene organisieren sie die öffentliche Sicherheit und versuchen, Lebensmittel für die Bevölkerung zu beschaffen. Die Übergangsregierung im Reich, der sechsköpfige Rat der Volksbeauftragen, überträgt im Dezember 1918 dem in Berlin tagenden Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte die Vorbereitung der Nationalwahl vom 19. Januar. Mit der Verabschiedung der Weimarer Verfassung im August 1919 verlieren die Räte ihre Legitimation. Im Spätherbst 1919 lösen die letzten Arbeiterräte sich auf.

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