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    WÜRZBURG

    Digitalisierung auf dem Land: Alte Probleme und neue Lösungen

    In den Städten ist die Breitbandversorgung mit schnellem Internet nahezu flächendeckend gegeben. Damit Digitalisierung jedoch kein Privileg der Zentren bleibt, möchte die Bayerische Staatsregierung mit einem Investitionsprogramm die Versorgung im ländlichen Raum verbessern: Zehn Ziele wurden dabei definiert, für die bis ins Jahr 2022 drei Milliarden Euro ausgegeben werden. Viele warten schon gespannt darauf.

    Wie die Gemeinde Riedenheim im Landkreis Würzburg. Das Dorf ist mit seinen 720 Einwohnern die kleinste selbstständige Gemeinde im Landkreis Würzburg und wie viele kleine strukturschwache Gemeinden hat auch Riedenheim stark mit dem demographischen Wandel zu kämpfen. In den letzten zehn Jahren ging die Einwohnerzahl um zehn Prozent zurück – vor allem junge Erwachsene. Um zukunftsfähig zu sein, muss die Gemeinde Voraussetzungen schaffen, die vor allem junge Menschen und junge Familien an den Ort binden. Ein wichtiger Standortfaktor ist hier die Breitbandversorgung. Doch die ist alles andere als zukunftsfähig, wie Bürgermeister Edwin Fries erzählt. „Seit 2014 schon befinden wir uns mit Eifel-Net im Kampf und erlangen keinerlei Fortschritte, obwohl wir uns im Förderverfahren befinden“, sagt er. Nach seinen Angaben verhindere der Internetanbieter den Breitbandausbau, da er gegen die Gemeinde auf Treuepflicht klagt. „Was nützen die besten Förderprogramme, wenn regulatorische Hindernisse und undurchschaubare Verträge einen zügigen Ausbau verzögern?“, fragt er sich.

    „Ausgezeichnete“ Rahmenbedingungen

    Denn nach Einordnung der deutschen Telekom seien die Rahmenbedingungen für den Netzausbau derzeit „ausgezeichnet“, wie Pressesprecher Markus Jodl berichtet. „Eigenausbau plus bayerisches Förderprogramm bieten für die bayerischen Kommunen eine Ausgangslage, wie sie kein anderes Bundesland hat.“ Der Breitbandausbau laufe auf Hochtouren, sodass momentan Schwierigkeiten bestünden, der großen Nachfrage Herr zu werden. „Tiefbau, Software, Hardware – alles ist derzeit Mangelware. Wir arbeiten hart daran, den Bedarf zu befriedigen.“

    Dass sich diese Schwierigkeiten auf den Breitbandausbau in ihrer Gemeinde auswirken, musste auch Rosi Schraud, Bürgermeisterin von Estenfeld im unterfränkischen Kürnachtal (Lkr. Würzburg) erfahren. Dem 4700-Seelen-Ort machte die Digitalisierung in den vergangenen Jahren besonders zu schaffen.

    Die Gemeinde hat zwei Gebiete ins Förderverfahren der Bundesregierung gebracht. Der Ausbau war bis Ende April 2017 vertraglich zugesagt. Auch dort hatte die Telekom Schwierigkeiten, für den Tiefbau und späteren Ausbau Firmen zu bekommen. „Das ist bei der jetzigen Wirtschaftslage ein bekanntes Phänomen. Hierdurch hat sich der Ausbau entsprechend in die Länge gezogen. Das war weder für uns, noch für die Kunden, noch für die Telekom eine befriedigende Situation“, sagt die Bürgermeisterin. „Es war auch nicht zu verstehen, dass in Gebieten, in denen die Gemeinde in Eigenleistung bereits Speed Pipes verlegt hatte, nicht schneller der Glasfaser-Anschluss zur Verfügung gestellt werden konnte.“

    Kommunikationsschwierigkeiten mit Anbieter

    Einer, der besonders mit der Situation zu kämpfen hatte, ist Manuel Beck. Der selbstständige Steuerberater wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern seit September 2017 im Estenfelder Neubaugebiet. Wegen seiner Selbstständigkeit sei der 37-Jährige angewiesen auf funktionierendes Internet, andernfalls drohe ihm der Existenzverlust. Neben den herausgezögerten Ausbauarbeiten haben auch Kommunikationsschwierigkeiten mit der Telekom seine Kräfte beansprucht. „Man fühlt sich allein gelassen. Ich war wirklich verzweifelt“, erzählt er, „man sitzt da und weiß nicht, was Sache ist.“

    Nichts weniger als gleichwertige Lebensbedingungen in möglichst allen Ortsteilen haben sich auch Schonungens Bürgermeister Stefan Rottmann und der Gemeinderat für die Zukunft fest vorgenommen. Der Breitbandausbau stellt die flächengrößte Gemeinde des Landkreises Schweinfurt vor enorme Herausforderungen. So gilt es nicht nur, alle neun Ortsteile und vier Weiler mit kilometerlangen Glasfaserstrecken und damit schnellem Internet zu versorgen: Mühlen, Aussiedlerhöfe, Feriensiedlungen und abseits gelegene Vereinsdomizile dürfen ebenfalls nicht abgehängt werden. Gerade dort vermutet Rottmann am ehesten die Gefahr von Leerständen.

    „Ich glaube schon, dass die Digitalisierung durch die Politik und Förderprogramme gut unterstützt wird. Trotzdem gelten die Mechanismen der Marktwirtschaft, und Konzerne wie die Telekom interessieren sich zuvorderst natürlich erst mal für Bereiche, die dicht besiedelt sind“, meint der Bürgermeister. „Das Problem liegt einerseits an der Auslastung der Konzerne und andererseits an der fehlenden Wirtschaftlichkeit mancher Standorte.“

    Neuer Fördertopf: Höfebonus

    Darauf hoffen oder vertrauen, dass die Marktwirtschaft den flächendeckenden Ausbau richten wird, wollen Bürgermeister und Gemeinderat nicht. Vielmehr macht sich die Gemeinde einen neuen Fördertopf, den sogenannten Höfebonus zu Nutze, der seit dem 1. Juli 2017 zur Verfügung steht, um auch entlegene Bereiche mit Glasfaser zu erschließen. Damit stehen für einen weiteren Breitbandausbau über 1,2 Millionen Euro mit einer Förderquote von 90 Prozent für Schonungen zur Verfügung.

    Die Entscheidungen über eine Förderung im Rahmen des Bundesförderprogramms werden in den jeweiligen Gebietskörperschaften getroffen, wie Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales mitteilt. Falls in den Gemeinden sogenannte weiße NGA-Flecken (unterversorgte Gebiete) bestehen, für die nach einem Markterkundungsverfahren kein privater Ausbau angemeldet wurde, könne die Gebietskörperschaft jederzeit einen Antrag auf Bundesförderung stellen.

    Aktuell befinden sich laut Bär 302 der 308 unterfränkischen Kommunen im Förderverfahren. 236 Gemeinden hätten schon Förderbescheide erhalten. Damit seien bisher insgesamt mehr als 70 Millionen Euro für den Breitbandausbau in die Region geflossen. „Von allen Flächenländern in Deutschland ist Bayern dank seines großzügigen Förderprogramms am weitesten“, meint Bär. „Das ändert aber nichts daran, dass wir noch besser werden können bei der digitalen Infrastruktur. Die Zeit steht ja nicht still, und wo der Freistaat und der Bund bisher den Ausbau auf 30 oder 50 Mbit/s vorangetrieben haben, steht jetzt der Ausbau auf 1 GBit/s an, ganz zu schweigen vom Mobilfunkausbau für 5G.“ Die Herausforderungen bleiben also bestehen, und laut Bär gebe es keinen Grund, sich zu zurückzulehnen.

    Landwirte sind neuen Techniken aufgeschlossen

    Ans Zurücklehnen ist auch bei bayerischen Bauernhöfen nicht zu denken, denn auch vor ihnen macht die digitale Transformation nicht Halt. In einer neuen Studie zeigt der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft, wie die Digitalisierung aktuell und in naher Zukunft die Land- und Forstwirtschaft beeinflusst und welche Chancen sie bietet. Demnach sind viele bayerische Landwirte neuen Techniken gegenüber sehr aufgeschlossen.

    Einer von ihnen ist Sebastian Eyrich. Der Landwirt betreibt einen Ackerbaubetrieb in Urspringen (Lkr. Main-Spessart) und baut unter anderem Weizen, Dinkel, Roggen und Raps an. „Die Digitalisierung ist in der Landwirtschaft in Zukunft nicht mehr wegzudenken“, sagt Eyrich. Der Einsatz von satellitengesteuerten Streumaschinen biete dank des GPS-Einsatzes eine massive Kosteneinsparung, da das Streugut präzise auf dem Acker verteilt werde.

    Der Landwirt arbeitet schon seit längerem mit den neuen Anwendungen. Für ihn steht ein ganz besonderer Aspekt im Vordergrund: die Umwelt. „Wir Landwirte stehen immer mehr in der Kritik, was den Umweltschutz angeht. Doch der Verbraucher weiß gar nicht, was wir alles dafür tun“, sagt er. „Durch das gesteuerte Streuen von Pflanzenschutz- und Düngemitteln kommen die Mittel nur dorthin, wo sie müssen.“

    Derselben Meinung ist auch Mathias Klöffel. Der Landwirt führt einen Ackerbaubetrieb mit Schweinemast in Großbardorf (Lkr. Rhön-Grabfeld). Für ihn ist die Digitalisierung eine enorm große Chance: „Das Auge kann nicht so genau arbeiten wie die neuen Technologien.“ Durch den momentanen Strukturwandel in der Landwirtschaft – die Betriebe werden immer größer und die Belastung umso stärker – biete die Digitalisierung eine enorme Arbeitsentlastung, Zeiteinsparung und gute Unterstützung.

    Angst vor Investitionskosten

    Gleichzeitig besteht unter vielen Landwirten Unsicherheit vor Veränderungen und welche Investitionen in digitale Techniken sich lohnen. Denn besonders die hohen Investitionskosten hemmen der Studie nach derzeit noch die verstärkte Nutzung digitaler Arbeitsunterstützungen. Während kostengünstige und einfach zu handhabende digitale Anwendungen wie Agrar-Apps bereits von drei Vierteln der befragten bayerischen Landwirte genutzt werden, sind teure Arbeitsunterstützungen wie automatische Melksysteme oder Drohnen nur bei etwa vier Prozent im Einsatz.

    Ob Breitbandausbau oder neue Techniken in der Landwirtschaft – eine zunehmende Verflechtung von Produktion und Technologie prägt inzwischen das Leben in vielen Branchen. Auch wenn es in manchen Bereichen noch ausbaufähig ist, ist es doch mit dem richtigen Umgang möglich und auch die Pflicht, diese Entwicklung als Chance zu begreifen.

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