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    Schöllkrippen / Würzburg

    Ehrenamtliche helfen, damit der letzte Wunsch in Erfüllung geht

    Strand und Meer: Sie werden oft als letztes Reiseziel gewünscht Foto: Barbara Amrhein-Krug

    Wenn die Kräfte schwinden und die Tage, die noch bleiben, immer weniger werden, dann sind Wünsche wichtig, letzte Wünsche. Und oft genug gibt es keinen Weg mehr, sie zu erfüllen. Damit das nicht so bleibt, haben Ehrenamtliche "Wunsch am Horizont" gegründet. Der Verein organisiert, finanziert und realisiert den letzten Herzenswunsch unheilbar erkrankter Menschen. „Erfahrungsgemäß fragen sich Menschen, deren Ende nahe ist, was es noch Unerledigtes in ihrem Leben gibt, oder wonach sie eine tiefe Sehnsucht spüren“, formuliert die Vorsitzende Barbara Amrhein-Krug das Anliegen.

    Manchen Menschen fehlt der Mut, das auszusprechen, oder die Angehörigen haben nicht die Kraft oder das Geld, um solch einen letzten Wunsch zu erfüllen. Sie können sich an den Verein "Wunsch am Horizont" wenden. Er hat seinen Sitz in Schöllkrippen (Lkr. Aschaffenburg) und baut derzeit eine Ansprechstelle in Würzburg auf. Alles geschieht ehrenamtlich. Der Verein hat etwa 40 passive Mitglieder, 15 Aktive und zehn ehrenamtliche Helfer.

    "Das sind heilige Momente. Oft ist es für die Familie das letzte gemeinsame Erlebnis." 
    Barbara Amrhein-Krug, Vorsitzende von Wunsch am Horizont e.V.

    Die Herzenswünsche sind für die Wünschenden kostenlos, zur Finanzierung sammelt der rührige Verein Spenden, organisiert Flohmärkte und Benefizkonzerte. So spielt zum Beispiel das Musikkorps der Bundeswehr am Mittwoch, 16. Oktober, mit dem Chor Ars Antiqua in der Stadthalle Aschaffenburg eins von sieben ausgewählten Konzerten in Deutschland als Benefizkonzert für "Wunsch am Horizont". Einmal im Jahr gibt es einen Spendenmarathon, bei dem es auch heuer ein Kochbuch als Dankeschön für die Spender gibt. „Es ist schon unser drittes Kochbuch.“

    Im Hintergrund dieses Engagements steht eine Erfahrung, die Barbara Amrhein-Krug in ihrer Jugend machen musste, als ein Onkel mit nur 37 Jahren starb. „Wir sind uns sicher: hinterm Horizont geht´s weiter und wir werden alles dafür tun, dass auf dem Weg zum Horizont unerledigte Wünsche erfüllt werden können“, beschreibt der Verein auf seiner Homepage das Motto und den Namen. Seit 2015 wurden weit über 60 Wünsche erfüllt, in diesem Jahr bereits 18 – in Unterfranken und im benachbarten Hessen, aber auch deutschlandweit, zum Beispiel in Hamburg.

    Eigene Fahrzeuge machen es möglich

    Diese Wünsche können ganz kleine oder sehr große Erlebnisse sein: So wollte eine Frau aus Dammbach (Lkr. Aschaffenburg) noch einmal an ihren früheren Arbeitsplatz. Eine andere Frau wollte ihren Halbbruder kennenlernen, zu dem sie ihr Leben lang keinen Kontakt hatte. Eine 92-Jährige wollte sich von ihrem Haus verabschieden. Es gab aber auch einen Italiener, der aus dem Frankfurter Raum kam und lange in Franken gelebt hatte, und in seiner Heimat sterben wollte.

    Der Transport von Personen, die auf den Rollstuhl angewiesen oder bettlägerig sind, stellt Angehörige oft vor große Probleme. "Wunsch am Horizont" hat aber auch zwei eigene Fahrzeuge, die rollstuhlgerecht ausgebaut beziehungsweise für Liegendfahrten geeignet sind. „Der Unterschied ist wichtig: Jemand, der noch sitzen kann, will in der Regel nicht auf eine Trage, das widerstrebt vielen.“ Falls der Verein den Wunsch nicht erfüllen kann, weil ein Auto mit medizinischer Vollausstattung notwendig ist, nimmt man Kontakt mit einer geeigneten Stelle auf.

    Jüngere und ältere Menschen treten oft mit ganz unterschiedlichen Anliegen an den Verein heran, diese Erfahrung hat Barbara Amrhein-Krug gemacht. Für eine junge Frau mit 24 Jahren, die nicht mehr lange zu leben hatte, organisierte der Verein die Hochzeit. Einer 44-Jährigen, die todkrank war, finanzierte er das Brautkleid. Eine andere Frau wollte einmal fliegen, bevor ihr Leben zuende gehen sollte. Das hatte einen ganz besonderen, schmerzlichen Hintergrund: Sie hatte sexuelle Gewalt erlebt, litt an Multipler Sklerose und Krebs. „Ich überwinde meine Angst davor, mit Männern im gleichen Raum zu sein und steige in ein Flugzeug.“ In Begleitung einer Ärztin flog sie nach Portugal und am folgenden Tag wieder zurück.

    Das letzte gemeinsame Erlebnis

    „Das sind heilige Momente“, beschreibt Barbara Amrhein-Krug solche Erfahrungen. "Wunsch am Horizont" holt vor solchen Reisen eine ärztliche Zustimmung ein, sorgt bei Bedarf für medizinische oder pflegerische Begleitung. Die Wunscherfüllungen werden auf der Homepage dokumentiert – mit der gebotenen Diskretion: „Oft ist es für die Familie das letzte gemeinsame Erlebnis.“ Oder eine Erinnerung an den schönsten Tag des Lebens: So wollte ein älterer Mann noch einmal nach Schollbrunn (Lkr. Main-Spessart) – er hatte dort vor 45 Jahren seine Frau kennengelernt.

    Einem Menschen einen letzten Wunsch zu erfüllen, das ist für die Mitglieder des Vereins eine wichtige Erfahrung. Nicht immer ist das möglich, es kann einfach zu spät sein. Aber auch in solchen Fällen hat Barbara Amrhein-Krug beobachtet, dass es Menschen schon geholfen hat, dass sie ihren Wunsch immerhin äußern konnten, dass sie gehört wurden und auf Verständnis trafen. Dann konnten sie in Frieden sterben.

    Ein Formular für Wunschanfragen sowie Informationen über den Verein, Berichte über erfüllte Wünsche und Spendenaktionen finden sich im Internet unter www.wunsch-am-horizont.de

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