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    HÖCHBERG

    Ein Höchberger ist seit 42 Jahren an der Dialyse

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    Gerhard Ring bei der Dialyse in Würzburg. Dreimal in der Woche muss sich der 60-Jährige dieser sechsstündigen Prozedur unterziehen. Foto: Thomas Obermeier

    Es piept. Drei Männer liegen in Krankenhausbetten in einem hellen Zimmer. Dicke Schläuche führen von den Patienten zu Maschinen, in denen das Blut zirkuliert und von Giftstoffen gereinigt wird. Einer der Herren verschwindet beinahe in dem Krankenhausbett.

    Um den Hals trägt er eine Krause, die sein Genick stützt. „Geraldo Anello!“ Die italienische Krankenschwester lacht. Sie ruft immer Anello. Anello für Ring. Gerhard Ring lächelt zurück – und seine blauen Augen strahlen.

    Gerhard Ring (60) ist Dialysepatient. Seit 42 Jahren. Die Krankheit bricht bei ihm 1971 durch eine immunologische Entzündung aus, drei Jahre später – Ring war damals 18 Jahre alt – ist er auf die Dialyse angewiesen. Bei einem Urintest für die Abschlussuntersuchung der Hauptschule werden Auffälligkeiten festgestellt.

    Seit 1974 vom selben Professor betreut

    Ring wird bei verschiedenen Ärzten vorstellig, bei der Nephrologie im Uniklinikum. Schließlich landet er beim Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V. (KfH) in Würzburg, unweit des Uniklinikums. Dort wird er seit 1974 von Professor Dr. Udo Bahner betreut. Das Schicksal verbindet die beiden Männer, heute sind sie beinahe so etwas wie Freunde. Bahner war auch Gast bei Rings 60.

    Geburtstag, den er vor wenigen Wochen gefeiert hat. „Das ist Teil seines Engagements“, sagt Bettina Süß, Verwaltungsleiterin und Diplompflegewirtin am KfH Nierenzentrum. Doch es ist mehr als Engagement. Bahner hat alle Höhen und Tiefen seines Patienten miterlebt.

    So etwas schweißt zusammen. Der Professor bewundert die Stärke von Gerhard Ring, den er zu den am längsten dialysierten Patienten in Deutschland zählt – wenn nicht gar Europas. „Man denkt erst, er sei schwach“, sagt Bahner über seinen Patienten , „aber wenn man ihn näher kennt, merkt man, wie stark er ist.“

    Geschichte über einen Dialyse-Patienten aus Höchberg, der seit 46 Jahren mit Dialyse behandelt wird. Ort: Kuratorium Würzburg, Hans-Brandmann-Weg 1, Würzburg. Der Patient ist Gerhard Ring, der Arzt Professor Udo Bahner und die Schwester Ursula (Uschi) Porteous Foto: Thomas Obermeier
    Gemeinsam erlebt haben sie auch die Höhen und Tiefen der Nierentransplantation, die Ring 1979 erhalten hat, aber „das ist relativ in die Hose gegangen“, sagt der ewige Patient und lacht. Nach drei Jahren hat sein Körper die Niere abgestoßen, ein nicht seltenes Phänomen. Hoffnungen habe er sich im Vorfeld nicht gemacht.

    Loslösung von Blutwäsche entspannt betrachtet

    Trotz der Aussicht auf eine neue Niere, die die Loslösung vom anstrengenden Ritual der Blutwäsche bedeutet hätte. „Mir ging es damals ja gut“, sagt Ring. „Ich habe mir gedacht: Wenn die Niere kommt, ist es nicht schlecht, wenn sie nicht kommt, ist es auch nicht schlimm.

    “ Irgendwie, so erinnert er sich, „hatte ich sogar eher Angst davor. Und das sollte sich dann ja auch bestätigen“. Zweieinhalb Jahre habe er dank der Spenderniere ohne Dialyse gelebt, aber es hat nicht sollen sein. Heute ist er nicht mehr in der medizinischen Verfassung, um eine neue Niere zu erhalten, sagt Udo Bahner.

    Gerhard Ring führt lange ein mehr oder weniger normales Leben. Nach dem Hauptschulabschluss und trotz Niereninsuffizienz holt er seinen Realschulabschluss nach. Es folgt eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Eine Anstellung findet er nicht. Durch die Dialyse wäre ihm nur eine Halbtagstätigkeit möglich gewesen, als Mann damals unmöglich.

    „Das hat mich geärgert.“ Er erhält Erwerbsminderungsrente und Unterstützung vom Sozialamt. Heute sieht er die Dialyse als Jobersatz. „Andere müssen arbeiten gehen, das ist auch nicht immer schön“, sagt der 60-Jährige. Ebenso wie Berufstätige, müsse auch er an schönen Tagen wegen der Dialyse den Tag drinnen verbringen.

    Normalität ist Gerhard Ring immer wichtig gewesen. Er hat 20 Jahre lang Tischtennis bei der TG Heidingsfeld gespielt, ist gerne ausgegangen. Seine letzte Beziehung hält ein halbes Jahr und geht noch auf seine Ausbildungszeit zurück. „Das Problem war die Zeit“, sagt Ring – und ein wenig klingt Bedauern mit in seinen Worten.

    Geschichte über einen Dialyse-Patienten aus Höchberg, der seit 46 Jahren mit Dialyse behandelt wird. Ort: Kuratorium Würzburg, Hans-Brandmann-Weg 1, Würzburg. Der Patient ist Gerhard Ring, der Arzt Professor Udo Bahner und die Schwester Ursula (Uschi) Porteous Foto: Thomas Obermeier
    Die Dialyse nimmt viel Zeit in Anspruch. Jeden Montag, jeden Mittwoch, jeden Freitag muss er für knapp sechs Stunden ins Dialysezentrum. Der Tag beginnt gegen halb acht, eine Stunde später bringt ihn der Fahrdienst zur Blutwäsche. Währenddessen hört er Radio, schaut fern, surft im Internet oder unterhält sich mit anderen Patienten und dem Krankenhauspersonal. „Der Dialysetag ist weg“, klagt Ring. Abends ist er dann häufig zu erschöpft für Unternehmungen.

    Nur wenn ihn Freude überreden, rafft er sich manchmal noch auf. So hat er sich fest vorgenommen, an einem Abend Ende März ins „Rock meets Classic“-Konzert in Würzburg zu gehen, „obwohl das auch ein Dialysetag ist“. Aber diese Problematik kennt er: Seit 42 Jahren richtet er sein Leben nach der Krankheit aus.

    Wenn Gerhard Ring nicht dialysiert wird, steht er früh auf und kocht mit seiner Schwester aus Würzburg, die ihn gemeinsam mit ihrer Stieftochter unterstützt. Die Tage verbringt er dann meistens an seinem Computer. Auch bei Dialysen hat er den Laptop stets dabei. Dank ihm kann er sich mühelos durch die virtuelle Welt bewegen, während er in der Realität auf den Rollstuhl angewiesen ist. Das Internet ist sein Fenster zur Welt da draußen.

    In der Freizeit viele Reisen

    Im Sommer unternimmt er viel, „auch weiter weg“, schwärmt er. Bis vor zwei Jahren hat er auch gemeinsam mit dem Dialyseverein Reisen unternommen, in „ganz Südeuropa“, sagt er und zählt die Türkei, Gran Canaria und Italien. Besonders gefallen habe es ihm in Portugal. Selbst als er bereits auf den Rollstuhl angewiesen ist, schieben ihn die anderen Reisenden ins Meer, so dass er das Salzwasser spüren kann.

    Eine andere Leidenschaft von Gerhard Ring ist das Fotografieren. Auf den Reisen ist er der Fotograf der Gruppe, noch heute Mitglied im Fotoclub. Tischtennis spielen kann er schon lange nicht mehr, und auch das Fotografieren ist ihm inzwischen nicht mehr möglich. Die Hände sind bedingt durch eine Störung des Knochenstoffwechsels verkrampft.

    Beim Essen schiebt er die Gabel in eine Halterung, die um seine rechte Hand gewickelt ist. Selbst greifen kann er nicht mehr. Aber seine Zuversicht ist ungebrochen. Er rät Betroffenen: „Man soll sich nicht hängen lassen. Mit der Dialyse ist nicht alles zu Ende.“

    Ursprünglich war ihm von einem Arzt prognostiziert worden, dass er nur 150 Dialysen durchstehen könne. Das entspricht bei den üblichen drei Behandlungen pro Woche etwas weniger als ein Jahr. Es sind schon 42 Jahre geworden. „Ich hatte einfach nur Glück“, sagt Gerhard Ring. Die technologische Entwicklung der Dialyse schreitet weiter voran. Auch in den drei Jahren mit Spenderniere entwickelt sich das Dialyseverfahren weiter. Davon profitiert Ring. „Professor Bahner hat gesagt, wenn es die heutige Technik damals schon gegeben hätte, könnte ich jetzt normal leben.“

    Gemeint sind die Folgeerkrankungen, die sich bei früheren Dialysepatienten häufig ergeben haben, bei Ring beispielsweise die Störung des Knochenstoffwechsels. Dadurch ist er auf den Rollstuhl angewiesen und benötigt eine Stütze für die Wirbelsäule in Form einer Halskrause. „Heute hat ein Dialysepatient eine normale Lebenserwartung. Die Folgeerkrankungen sind relativ gut behandelbar“, sagt Professor Udo Bahner. Ring hingegen habe die Entwicklung der Dialyse noch miterlebt. Und mitgemacht.

    „Andererseits, ohne Dialyse hätte ich auch tot sein können“, ist sich Gerhard Ring bewusst. Bis 2002 lebte er mit seiner Mutter in Heidingsfeld. Danach zieht er in eine Wohnung des betreuten Wohnens nach Höchberg (Lkr. Würzburg) um. Seit 2001 sitzt er permanent im Rollstuhl. Zuvor war er auf diesen bereits bei längeren Strecken angewiesen. Da er in einer ebenerdigen Wohnung lebt, könne er aber das schöne Wetter auf der Terrasse genießen. Allerdings sei das Haus „etwas ab vom Schuss“, wie er findet.

    Woher bezieht ein 60-Jähriger nach all den Jahrzehnten solch eine Kraft? „Das ganze Umfeld stimmt“, antwortet Ring. Die Sozialstation, Bekannte aus dem Krankenhaus, seine Familie und Freunde stünden hinter ihm. Als Dialysepatient muss er strenge Ernährungsregeln beachten. Auf dem Speiseplan stehen phosphat-, kalium- und salzarme Mahlzeiten.

    Achtsamkeit beim Essen schwierig

    Die tägliche Trinkmenge darf nur 500 bis 800 Milliliter mehr als die Urinmenge betragen. Während er seinen Flüssigkeitshaushalt gut im Griff hat, fällt ihm die Achtsamkeit beim Essen schwerer. „Wenn andere Dialysepatienten so essen würden wie ich, ginge es ihnen wohl nicht so gut“, sagt Ring – und schmunzelt. Warum? Er kann es nicht erklären.

    150 bis 160 Patienten sind im Würzburger Dialyse-Zentrum registriert, zehn Prozent davon werden zuhause dialysiert. Letztere haben den Vorteil, dass sie kaum Einschränkungen erleiden. Sie müssen zwar täglich dialysieren, jedoch nur für zwei Stunden.

    Die Leidensgeschichten der Patienten ähneln sich. Meist beginnt es mit einer Grunderkrankung, erklärt Professor Bahner. Oft Diabetes mellitus oder Bluthochdruck. Daraus resultiere schließlich das Nierenversagen. Sind nur noch zehn Prozent der Nierenfunktion vorhanden, ist eine Dialyseanwendung unumgänglich. Ziel dabei ist letztlich eine Transplantation. Bis eine passende Spenderniere gefunden wird, dauert es im Schnitt sieben bis acht Jahre, so Bahner.

    Einige warteten auch schon zwölf. Bei einer Transplantation ist der Gesundheitszustand entscheidend. Ist dieser zu schlecht, kann nicht transplantiert werden. Viele Patienten werden zwei, wenige drei Mal transplantiert. Im Fall von Gerhard Ring wurde die Niere abgestoßen. Ständig sei er im Krankenhaus gewesen, zusammengerechnet etwa ein Jahr. Eine erneute Nierentransplantation war nach der Abstoßung für ihn nicht wieder in Frage gekommen. „Ich wollte irgendwann auch nicht mehr“, sagt er.

    Trotz seiner Rückschläge strahlen die blauen Augen von Gerhard Ring eine Stärke aus, die man dem schlanken Körper nicht zugetraut hätte. Immer wieder lacht er mit den Krankenschwestern. Auch sie haben ihre Freude an dem langjährigen Patienten. „Er ist so ein offener, freundlicher Mensch“, sagt Bettina Süß. Das Krankenhauspersonal, Verwaltungsleiterin Süß und Professor Bahner heben uneingeschränkt Rings positive Lebenseinstellung und seinen Humor hervor. Sein Lachen hat Gerhard Ring nie verloren. Auch nach 42 Jahren Dialyse nicht.

    • Bundesverband Niere e.V.

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