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    WÜRZBURG

    Ein Mediziner-Paar und die rettende Luftröhre

    Hauptfiguren: Die Professoren Thorsten und Heike Walles zählen zu den Protagonisten eines neuen Reportagebuches über engagierte und mutige Ärzte, die neue Behandlungswege gehen.PRIVAT Foto: Foto:

    Bioreaktoren, das ist ihr Metier. Heike Walles entwickelt Verfahren, wie aus körpereigenen menschlichen Zellen verschiedenes Gewebe gezüchtet werden kann. Gewebe, das in der Transplantationsmedizin ebenso eingesetzt wird wie für Medikamententests und in der Krebsforschung. Heike Walles lässt in den sogenannten Bioreaktoren Knochengewebe vermehren. Oder Haut, oder Leber. Seit Mitte 2009 leitet die Professorin den damals an der Universität Würzburg neu eingerichteten Lehrstuhl für Tissue Engineering und Regenerative Medizin. Aus Stuttgart war Heike Walles gekommen – und im Januar 2012 folgte ihr ihr Ehemann an den Main: Professor Thorsten Walles ist seit knapp zwei Jahren der Bereichsleiter Thoraxchirurgie am Würzburger Uniklinikum.

    Jetzt erzählt ein Buch ihre gemeinsame Medizin-Geschichte: Im Jahr 2010 war es Heike und Thorsten Walles erstmals gelungen, menschliches Luftröhrengewebe zu züchten und daraus vier Luftröhrenimplantate herzustellen, die erfolgreich übertragen werden konnten. Der „Patient ihres Lebens“ hatte sich bei einem Suizidversuch 2008 starke Verätzungen der Speise- und Luftröhre zugezogen. Damit er auf Dauer überleben konnte, mussten die Ärzte einen Weg finden, die geschädigte Luftröhre zu ersetzen.

    „Patient meines Lebens“ – so heißt ein Reportagebuch, das in diesem Sommer erschienen ist. Wissenschaftsjournalist Bernhard Albrecht bündelt neun Reportagen über Mediziner, die mit hohem Engagement und Mut neue Behandlungswege gegangen sind, um in scheinbar aussichtslosen Fällen das Leben ihrer Patienten zu retten. Eine dieser Geschichten erzählt eben vom Würzburger Forscher-Ehepaar.

    In „Patient meines Lebens“ schildert Arzt und Journalist Bernhard Albrecht neun außergewöhnliche medizinische Fallgeschichten. Den beschriebenen Ärzten ist eines gemeinsam: Statt einen aussichtslosen Patienten aufzugeben, haben sie therapeutisches Neuland betreten und mit ungewöhnlichen Methoden um dessen Gesundheit weitergekämpft.

    Was tun, wenn die Luftröhre irreparabel geschädigt ist? Die einzige Chance für den damals 21-jährigen Patienten von Thorsten Walles war das Züchten einer Ersatzluftröhre aus körpereigenen Zellen. Das Know-how hierfür brachte Heike Walles durch ihre Forschung am Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik mit. Das Verfahren war von ihr und ihrem Mann über Jahre hinweg entwickelt worden, aber bis zu jenem Zeitpunkt nur in Großtierversuchen erfolgreich erprobt worden. Es gelang ihnen, in einem Monat in einem Bioreaktor ein acht Zentimeter langes, künstliches Organ inklusive Blutadern wachsen zu lassen. Basis war eine aus Schweinedarm gewonnene Bindegewebsröhre, die von Körperzellen des Patienten besiedelt wurden.

    Die erfolgreiche Transplantation der Ersatzluftröhre führten Thorsten Walles und seine Kollegen im April 2009 an der Lungenfachklinik Schillerhöhe in Gerlingen bei Stuttgart durch. Das künstliche Organ wurde vom Körper des Patienten ohne Abstoßungsreaktion akzeptiert und ausreichend mit Blut versorgt. Für das Ehepaar Walles eine ermutigende Premiere! Doch seitdem, so erzählen sie, sei die Weiterentwicklung und Verbreitung des Verfahrens wegen europaweiter Änderungen im Arzneimittelgesetz ins Stocken geraten – leider.

    Lesung: Am Donnerstag, 14. November, wird Bernhard Albrecht um 19 Uhr aus „Patient meines Lebens“ im Großen Hörsaal der Uni-Zahnklinik am Pleicherwall 2 lesen. Eintritt ist frei.

    Buch-Tipp: B. Albrecht: Patient meines Lebens. Von Ärzten, die alles wagen. Droemer Verlag, 2013, 272 S., 19,99 €.

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