• aktualisiert:

    Würzburg

    Ein Schlächter bringt die Freiheit

    Vor 250 Jahren wurde ein Mann geboren, der Mainfranken prägte wie kaum ein anderer. Seine Grande Armée löschte im Verein mit den Bayern das Hochstift Würzburg aus: Napoleon.
    Foto von einem berühmten Gemälde: "Bonaparte überquert den Großen St. Bernhard".  Foto: Jörg Carstensen, dpa

    Wolken drücken grau und schwer auf Longwood House, der Wind bläst kalten Regen gegen das eingeschossige Gemäuer. Im Salon siecht Napoleon Bonaparte. Der Krebs frisst sich durch den Magen des gewesenen Kaisers. Holt er Luft, zieht er Arsen in die Lungen.

    Er ahnt, dass er hier nicht überleben wird, verbannt in die unwirtlichste Gegend auf St. Helena im Südatlantik. Napoleon glaubt, seine britischen Aufseher würden ihn vergiften, peu á peu.

    Er irrt. Das Arsen sitzt in den Tapeten von Longwood House. Es ist ein letzter Gruß aus Unterfranken, angerührt in einer Fabrik in Schonungen, im Schweinfurter Grün, einer Farbe, so schön wie tödlich.

    Im sechsten Jahr der Verbannung, am 21. Mai 1821, stirbt er, 51 Jahre alt.

    Vor 250 Jahren, am 15. August 1769, wurde er auf Korsika geboren. Er führte Hunderttausende junger Männer in mörderische Schlachten gegen Hunderttausende junger Männer. Die Zahl der Toten, die auf sein Konto gehen, ist Legion. Er hat Europa verändert. Unterfranken sähe ohne ihn anders aus – wenn es Unterfranken ohne ihn überhaupt gäbe.

    Wollte man einen Tag nehmen, an dem diese Geschichte Fahrt aufnimmt, müsste man den 14. Juli 1789 nehmen, den Auftakt der Französischen Revolution. Die Pariser stürmen die Bastille. In den folgenden Monaten nehmen sie im Kampf um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ihren Unterdrückern – König, Adel und Klerus – erst die Freiheit, dann das Leben. In den Wirren des Umsturzes wächst Napoleon heran, mit wechselnden Standpunkten und militärischem Geschick. Von der Beförderung zum Leutnant im Jahr 1791 bis zum General Ende 1793 braucht er keine zwei Jahre; da ist er 24 Jahre alt.

    Kleiner Gottesstaat nördlich von Bayern

    Zu jener Zeit liegt nördlich von Bayern das Hochstift Würzburg, ein kleiner, selbständiger Gottesstaat zwischen Fladungen im Norden und Burgbernheim im Süden, Rothenfels im Westen und Ebern im Osten. Schweinfurt als freie Reichsstadt gehört nicht dazu. Geistlicher und weltlicher Herrscher über die etwa 250.000 Untertanen im Hochstift ist der Fürstbischof in der Würzburger Residenz. Georg Karl von Fechenbach heißt er und seine Tage als absolutistischer Herrscher sind gezählt. Er und seine Untertanen werden Spielbälle von Herrschern werden, die weitaus mächtiger sind als er.

    Denn Europas Fürsten ahnen, dass ihnen die Revolution der Franzosen schlecht bekommen könnte. Sie schicken ihre Soldaten gegen Frankreich, die Republik zusammenzuschießen. Die Revolutionäre schießen zurück und greifen an.

    Schlacht auf den Feldern um Würzburg

    Am 25. Juli 1796 marschieren französische Soldaten zum ersten Mal ins Würzburgische ein und besetzen die Residenzstadt. Am 3. September stehen sie ihren Altersgenossen aus dem Erzherzogtum Österreich gegenüber, 74.000 meist junge Männer alles in allem, und schlachten einander ab, von Lengfeld und dem Kürnachtal bis Unterpleichfeld, Bergtheim und Schwanfeld Richtung Schweinfurt.

    Der österreichische Feldherr Erzherzog Karl lenkt seine Soldaten geschickter als sein Gegenüber, der französische General Jourdan. Am Ende liegen 2000 Franzosen tot oder verletzt auf den Feldern und 1500 Österreicher.

    Die französischen Truppen ziehen sich aus Würzburg zurück, vorläufig.

    Von nun an ist das Würzburgische Durchmarschgebiet für die Heere verschiedener Herren. Johann Georg Geyer, der Schultheiß von Trennfeld, berichtet:

    "Wenn unsere Bürger (…) nicht die Maß Wein, die zwei Pfund Fleisch und den Laib Brot schnell genug auf den Tisch brachten, dann schlugen sie den Tisch entzwei und gingen auch mit Waffen noch gegen unsere Gemeindebürger. Und die wussten nicht, wo sie zuerst anfangen sollten mit dem Besorgen der Verpflegung für die Franzosen, (…) mit der Arbeit auf dem Feld oder der Bewachung ihrer Frauen und Töchter (…) So sind seit dem Jahr 1800 ständig Kriegsvölker bei uns durchgezogen (…) Ich will Euch (…) nicht langweilen und sie alle aufzählen, denn außer den Chinesen und Indianern ist bei uns alles durchgezogen, was nur in Europa lebt."

    Österreicher, Preußen und Bayern, Briten und Spanier, Russen, Niederländer und die Männer aus den Kleinstaaten lassen sich von ihren Fürsten in die Schlachten schicken. Die Herren schmieden Bündnisse und verraten sie, beugen sich dem Druck Mächtigerer und schlagen sich auf die Seite derer, die größere Beute versprechen.

    Kurfürst Max Joseph macht mit dem Franzosen gemeinsame Sache - zunächst

    Ein ganz Gewiefter ist der Kurfürst von Bayern, Max Joseph. Zunächst mit seinem österreichischen Kollegen im Bunde, lässt er ab 1801 seine Truppen mit denen Napoleons marschieren. Der ist mittlerweile Erster Konsul der Republik Frankreich und wird sich 1804 zum Kaiser krönen. 1813, nach dem Russland-Feldzug mit Hunderttausenden Toten, wenn Napoleons Karten schlecht stehen, wird Max Joseph sich gegen ihn stellen und gemeinsame Sache mit dem österreichischen Kaiser machen.

    Im April 1802 sondiert der kurpfalzbayerische Major von Ribaupierre die Lage im Hochstift Würzburg und berichtet nach München: "Was nicht direkt zum Hof gehört, hängt nicht an dem Fürsten." Er hält die Würzburger für bereit zur Säkularisation, der Trennung von Kirche und Staat. Die bürgerlichen Kreise, schreibt er, seien übermäßig mit Abgaben belastet: "Zwei Dritteile der Stadt sind geistlich oder adelig und zahlen nichts. 1200 Bürger tragen alle Lasten."

    Am 28. November 1802 beendet Max Joseph mit dem Segen Napoleons die Geschichte des Würzburger Fürstbistums. Georg Karl von Fechenbach muss zurücktreten. Er ist nicht alleine. Napoleons Verbündete verleiben sich im Reich weitere 21 Bistümer und Erzbistümer und die freien Reichsstädte ein.

    Ausgerechnet Napoleon, der schlimmste Schlächter von allen, der die Französische Republik zerschlagen wird und sich zum Tyrannen erheben wird, lässt sich leiten von der Idee der Aufklärung. Immanuel Kant beschreibt sie als "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit". Der Wahlspruch der Aufklärung sei: "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen".

    Das sind schlechte Aussichten für Kirchenmänner, die den Verstand ihrer Schäfchen lenken wollen.

    Napoleon in seinem Arbeitszimmer: Gemälde von Jacques-Louis David aus dem Jahr 1812. Foto: gemeinfrei

    Unter der Regie Napoleons macht Max Joseph das untergegangene Hochstift und die ehemals freie Reichsstadt Schweinfurt zu seiner nordbayerischen Provinz. Sein Stadtkommissar Graf von Thürheim trennt ab 1803 den Staat von der Kirche, entzieht Universität und Stadtrat, Schulen, Justiz, Polizei und Wirtschaft der Fuchtel der Kirche, lässt von 19 Würzburger Klöstern 13 schließen, goldene Kreuze, Monstranzen, Kelche und sonstiges katholisches Geschirr einsacken, nach München bringen und einschmelzen. Bayerische Beamte plündern Residenz und Festung, nichts von Wert lassen sie zurück.

    Mit den Truppen Napoleons zu marschieren kostet enorme Summen. Max Joseph nutzt die Säkularisation zum Füllen seiner Kriegskasse.

    Und doch steht im zweiten Band der "Geschichte der Stadt Würzburg", erschienen im Jahr 2003, geschrieben: "Das Land machte in den drei Jahren von 1802 bis 1805 stärkere Fortschritte als in den vorausgegangen drei Jahrhunderten."

    Freiheit. Und vor allem: Religionsfreiheit!

    Napoleon hat den Mainfranken mit Max Joseph einen Herrscher geschickt, der im Verein mit seinem Minister Montgelas die Natur- und Geisteswissenschaften an der Universität fördert, die Bedeutung der Theologie zurückdrängt und die Rolle der Religion im Alltag beschränkt. Max Joseph gewährt, was die Fürstbischöfe zur Vermeidung selbständigen Denkens untersagten: bürgerliche Lesegesellschaften, Theater, ein Musikinstitut. Vor allem aber gewährt er Religionsfreiheit, rund 220 Jahre nachdem Julius Echter Juden und Protestanten vertreiben ließ und das Hochstift ganz und gar katholisch gemacht hatte. Die Bürgerschaft in der 25.000-Einwohner-Stadt feiert, sofern sie nicht erzkatholisch ist, ein rauschendes Fest nach dem anderen.

    Napoleon brachte sowohl Hunderttausenden Menschen Tod und Verderben - und Hunderttausenden eine lang ersehnte Freiheit.

    Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Geschichte, dass Napoleon sowohl Hunderttausenden Menschen Tod und Verderben als auch Hunderttausenden eine lang ersehnte Freiheit gebracht hat.

    Im Jahr 1805 nimmt der Imperator dem bayerischen Herzog das einstige Hochstift Würzburg und Schweinfurt wieder ab. Max Joseph bekommt Tirol dafür. Am 1. Januar 1806 erhebt Napoleon Bayern zum Königreich und Max Joseph zum König. Würzburg macht er 1805 zur Hauptstadt eines Großherzogtums mit dem kleinen Bruder des österreichischen Kaisers als Herrscher, Ferdinand von Toskana.

    Der ist 37 Jahre jung, gebürtig aus Florenz, überfordert mit der komplexen Gemengelage, macht Herrscherdienst nach Vorschrift, ist vor allem darauf bedacht, dass seine Einnahmen stimmen und will eigentlich nur eines: heim in die Toskana. Der Würzburger Historiker Wolfgang Altgeld meint, Ferdinand, von Napoleon aus machtstrategischen Gründen auf den Thron geschoben, sei wohl "unsicher über die Dauerhaftigkeit seiner Herrschaft" gewesen, so dass er "eine gründliche Problemlösung auf unbestimmte Zeit kommentarlos vertagte".

    Der Großherzog mildert die bayerischen Reformen ab und macht die Universität wieder katholisch. Manchen vom Geist der Aufklärung beseelten Professoren und Studenten hält nichts mehr in Würzburg.

    Immerhin versucht er, seine Untertanen aus den Kriegen herauszuhalten – das gelingt ihm nicht. 7000 Männer müssen mit Napoleons Armeen ziehen.

    Ferdinands Freundschaft mit Napoleon kommt die einfachen Leute teuer zu stehen. Im Oktober 1806 übernachtet der Kaiser der Franzosen zum ersten von drei Malen in der Würzburger Residenz. Für die Städter ist das eine vergiftete Ehre. Sie haben die Kosten für Unterkunft und Verpflegung des 10.000-Mann-Trosses zu begleichen.

    Dass Napoleon bei dieser Gelegenheit die Residenz "den schönsten Pfarrhof Europas" genannt habe, ist übrigens eine Geschichte, für die es keine Belege gibt.

    Zwei Mal kommt er noch: 1812, vor dem Kriegszug nach Russland und 1813 auf der Rückkehr vom Desaster.

    Kapitulation, Verbannung, Krankheit - und dann der Tod

    Am 12. April 1814 kapituliert er. 13 Tage später verschiffen die Sieger ihn in die erste Verbannung nach Elba, am 27. April kommt er an. Da halten seine Truppen auf der Würzburger Festung immer noch aus: Sie ergeben sich erst am 28. Juni 1814, an dem Tag, an dem Großherzog Ferdinand von Toskana den ungeliebten Thron verlässt und das ehemalige Hochstift Würzburg endgültig bayerisch wird.

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!