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    Würzburg

    Ein Würzburger Brunnen erinnert an einen jüdischen Kaufmann

    Stadtheimatpfleger Hans Steidle vor dem Ruschkewitz-Brunnen. Foto: Eva-Maria Bast

    Nur ein Brunnen ist noch geblieben. Ein Brunnen, der an einen Mann erinnert, der viel für Würzburg getan hatte, bis er vertrieben wurde. Ein Brunnen, der im weitesten Sinne auch mit dem Versand-Warenhaus Neckermann in Verbindung steht. „Josef Neckermann ist wohl in Deutschland sehr bekannt“, sagt Stadtheimatpfleger Dr. Hans Steidle. „Bei Neckermann konnte man so ziemlich alles bestellen – und er stammte auch aus Würzburg. Aber eigentlich will ich Ihnen gar nichts über Neckermann erzählen, sondern über den, der ihm, unfreiwillig, zu seinem Geschäftserfolg verhalf, und das war Siegmund Ruschkewitz.“ Eben der Mann, an den der Brunnen erinnert.

    1871 als Kind jüdischer Eltern in Danzig geboren, kam er noch kurz vor der Jahrhundertwende mit seiner Frau nach Würzburg und gründete ein Warenhaus, zuerst am Dominikanerplatz, dann in der Schönbornstraße 3, wo heute der Kaufhof steht. Ruschkewitz verkaufte zunächst vor allem Textilien und Haushaltsgegenstände. Später entwickelten sich verschiedene Spezialabteilungen und die Würzburger erwarben in seinem Kaufhaus auch Bücher, Devotionalien, Grammophone, Schallplatten, Radiogeräte und vieles mehr. „Es war ein großes Kaufhaus, in dem man alle modernen Waren bekam, die in den 20er-Jahren in einer wachsenden Konsumgesellschaft auch begehrt und nachgefragt waren“, fasst der Historiker zusammen.

    Ruschkewitz besaß einen ausgezeichneten Ruf

    Siegmund Ruschkewitz besaß einen ausgezeichneten Ruf. Er behandelte seine 130 Angestellten so gut, dass er damit von sich reden machte, veranstaltete zu Weihnachten Feiern für kleine Kinder, war freundlich, offen und in der Würzburger Gesellschaft gut integriert. Dank seines blühenden Geschäfts konnte der Unternehmer sich ein gutes Leben leisten: Er hatte eine repräsentative Wohnung in der Ludwigstraße und ein großes Grundstück im Steinbachtal mit einem wunderschönen Garten, in dem ein Haus im Schweizer Stil stand. „Es war ein kleines Paradies für ihn, seine Frau und seine vier Söhne“, fasst Steidle zusammen.

    Und nun kommt der Brunnen ins Spiel: Als er seinen Garten anlegte, setzte der Unternehmer sich auch mit der Gartenkultur auseinander und stieß auf einen Brunnen, der ihm so gut gefiel, dass er ihn spontan kaufte und der Stadt schenkte. „Die stellte ihn auch auf, nämlich im Glacis, zwischen dem Sanderrasen und der Altstadt, und da steht er heute noch. Und das ist das Einzige, was direkt von ihm blieb“, sagt Steidle. Denn die gute Zeit sollte für den Unternehmer bald vorüber sein. Zwar eröffnete der Kaufmann 1931 noch ein weiteres Geschäft in der Eichhornstraße, doch zwei Jahre später ergriffen die Nationalsozialisten die Macht.

    "Die NSDAP polemisierte von Anfang an gegen Siegmund Ruschkewitz als jüdischem Warenhausbesitzer."
    Hans Steidle, Stadtheimatpfleger

    „Die NSDAP polemisierte von Anfang an gegen Siegmund Ruschkewitz als jüdischem Warenhausbesitzer und versuchte, ihn in der Öffentlichkeit schlecht zu machen“, berichtet Steidle. „Nicht nur, dass Boykottaktionen gegen ihn gerichtet waren, nein, Kunden, die trotzdem zu ihm kamen, wurden fotografiert und die NSH, die damalige Handelsgesellschaft der nationalsozialistischen Partei, verbot ihm verschiedene Warenkategorien. Weihnachts- und Ostergeschenke sollte ein Jude nicht verkaufen dürfen“, erzählt Steidle. Doch es kam noch schlimmer: Im Jahr 1935 eröffnete ihm seine Hausbank, dass er die üblichen Sommerkredite für den Ankauf für das Wintergeschäft nicht mehr bekommen werde, er sei zu hoch verschuldet.

    Der Kaufmann hatte in Würzburg keine Zukunft mehr

    „Damit war für Siegmund Ruschkewitz klar, dass er keine ökonomische Zukunft in Würzburg hatte, er musste verkaufen“, betont der Historiker. Dieser Verkauf stand von vornherein unter der wirtschaftlichen Kontrolle der NSDAP, 150 000 Reichsmark wollte der Kaufmann für ein Geschäft haben, das einen Jahresumsatz von einer Million hatte, das war natürlich schon weit unter Wert.“ Es fand sich ein Käufer: Josef Neckermann, knapp über 20 Jahre alt, Sohn eines Würzburger Kohlenhändlers, bestens ausgebildet. „Das Pikante an der Sache war, dass Ruschkewitz’ jüngster Sohn Hans mit Neckermann befreundet gewesen war, auch die anderen Söhne waren in Würzburg bestens integriert.“

    Neckermann habe ungefähr 50 000 Reichsmark bezahlt, sagt Steidle. „Er behauptete anschließend, dass Ruschkewitz ihm nach dem Abschluss einen Blumenstrauß übergeben und sich dafür bedankt habe, dass er das Geschäft übernommen hat.“ Das, erklärt Steidle, sei aber nicht belegt.

    Siegmund Ruschkewitz zog nach Berlin, 1940 bekamen seine Frau und er noch Plätze in einem der letzten Flüchtlingsschiffe nach Palästina. Sie wollten zu dem dort lebenden Sohn Fritz emigrieren, starben jedoch in Heraklion an Typhus. Hans Steidle hat schon viel über Ruschkewitz gelesen, referiert und auch geschrieben, dessen Geschichte berührt ihn jedes Mal wieder aufs Neue. Eine Geschichte, die beklommen macht. Besonders dann, wenn man sie sich vor dem wunderschönen, fröhlich sprudelnden Brunnen am Sanderring vor Augen hält, den Ruschkewitz der Stadt schenkte.

    Text: Eva-Maria Bast

    Der Text stammt aus dem Buch „Würzburger Geheimnisse - Band 2“ von Eva-Maria Bast, das in Kooperation mit der Main-Post entstand. Das Buch enthält 50 Geschichten zu historischen Geschehnissen und Orten. Präsentiert werden die Begebenheiten jeweils von Würzburger Bürgern.

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