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    Würzburg

    Ein Würzburger Uni-Keller, in dem einst Weinfässer rollten

    "Der schlechte Ehemann": Eines der beiden bunten Glasfenster im ehemaligen Weinkeller von Max Stern Foto: Thomas Obermeier

    Die Fenster sehen ganz unscheinbar aus – man sieht ihnen weder an, wie weit es dahinter in die Tiefe geht, noch, dass durch mindestens eines von ihnen früher vermutlich Weinfässer hinein- und hinausgehievt wurden. Denn in dem inzwischen wieder hergerichteten Keller, zu dem die Fenster gehören und in dem heute Studenten lernen, befand sich einst der Weinkeller des jüdischen Unternehmers Max Stern. Seine Geschichte erzählt Dr. Eric Hilgendorf, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie und außerdem Vorsitzender der Juristen-Alumni an der Universität Würzburg.

    „Diese Kellerräumlichkeiten gehen auf den Stifter der Universität, Julius Echter, zurück und wurden schon früh als Weinkeller genutzt “, erzählt er. „Die Uni lebte ja jahrhundertelang auch vom Weinhandel. Später standen die Räume dann aber leer oder wurden anderweitig als Lagerräume genutzt.“ Bis sie Anfang des 20. Jahrhunderts wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt wurden und dem Weinhändler Max Stern als Weinkeller dienten.

    Die Kellerräume in der Alten Universität sind 700 Meter lang

    Max Stern war in der Branche groß geworden, schon seine Eltern hatten einen Weinhandel betrieben, in dem er nach seiner kaufmännischen Lehre arbeitete und Karriere machte: 1904 wurde Max Stern Prokurist und Gesellschafter der Würzburger Weinvertriebsgesellschaft mbh, ab 1912 leitete er den Würzburger Weinvertrieb und machte ihn zu einem der größten Weinbetriebe in ganz Süddeutschland.

    All das ereignete sich, bevor er im Jahr 1928 die 700 Meter langen Kellerräume in der Alten Universität pachtete. Eine Million Liter Wein brachte der Unternehmer in 500 Holzfässern unter. „Und die wurden vermutlich über die Fenster hinein- und hinausgerollt, das kann man noch an der Schräge des vordersten Fensters erkennen“, sagt der Professor. Max Stern, berichtet Hilgendorf, sei nicht nur Weinhändler, sondern auch ein Mäzen der Universität und ein sehr liberaler und säkularer Mensch gewesen. Doch im Jahr 1937 nahmen die Schikanen gegen ihn immer mehr zu.

    „Die Uni lebte ja jahrhundertelang auch vom Weinhandel."
    Dr. Eric Hilgendorf, Jura-Professor an der Universität Würzburg.

    „Und als im Sommer auch noch seine Kinder angegriffen und bespuckt wurden, verkaufte er seinen Besitz und floh mit seiner Familie in die USA.“ Buchstäblich in letzter Minute, denn: „Das war ganz knapp vor der Reichskristallnacht“, verdeutlicht Hilgendorf die Dringlichkeit. Trotz dieses schlimmen Endes habe Max Stern Zeit seines Lebens Kontakt nach Deutschland gehalten und sich vor allem immer wieder nach dem Würzburger Wein erkundigt.

    „Wie die Lagen so seien, wie sich alles entwickelt, all das wollte er wissen. Er hat den Würzburger Wein mit dem kalifornischen verglichen, aber er ist nicht mehr nach Würzburg zurückgekehrt“, erzählt Eric Hilgendorf die traurige Geschichte weiter. „Er hat sich zeitlebens noch als Deutscher bezeichnet, wenn er gefragt wurde, wo er herkomme. Er hat auch noch Deutsch gesprochen.“ Doch seit einigen Jahren kommen seine Nachfahren gerne zu Besuch, denn in seinem ehemaligen Weinkeller wird heute noch an ihn erinnert. Die Universität hat einen großen Raum auf Initiative der Juristen-Alumni nach Max Stern benannt, ein Bild des wichtigen Weinhändlers hängt dort und eine Kurzvita. Da lernen Studenten, da finden Veranstaltungen statt.

    Max Stern hat im Weinkeller ganz unterschiedliche Leute zusammengebracht 

    „Max Stern hat hier Weinproben gemacht und ganz unterschiedliche Leute zusammengebracht“, sagt Hilgendorf. „Und das versuchen wir weiterzuführen. Wer hier sitzt und lernt, kann den Blick schweifen lassen.“ Er kann die beiden Kunstfenster betrachten, die einst den Weinkeller zierten, dann verschollen waren und nach intensiver Suche auf einem Dachboden wiedergefunden wurden. Auf dem einen ist der gute, auf dem anderen der schlechte Ehemann abgebildet. Der gute Ehemann hält seiner Gattin die Wolle, er steht in Hab-Acht-Stellung. Wenn er mit seinen Freunden Trinken geht, bricht er brav um halb neun auf, um heim zu seinem Weib zu eilen. Zu Hause wird er von einer großen Kinderschar und einer glücklichen Frau erwartet und über all dem turteln die Täubchen.

    Der schlechte Ehemann hingegen lässt sich verführen, trinkt übermäßig, zecht bis spät in die Nacht und kommt betrunken nach Hause, wo eine weinende Ehefrau auf ihn wartet. Beim Lernen können sich Studentinnen und Studenten also auch beziehungstechnisch weiterbilden und sich auf die Ehe vorbereiten. Und wer den Blick noch etwas weiter schweifen lässt, entdeckt vielleicht auch die Schräge am vordersten Fenster, über die wohl Weinfässer hinauf- und hinabgerollt wurden. Heute finden in dem Keller regelmäßig Vorträge und öffentliche Diskussionsveranstaltungen der Juristen-Alumni statt, so etwa die „Würzburger Kellergespräche“. Max Stern hätte sich sicherlich über dieses rege Leben in seinem Weinkeller gefreut.

    Text: Eva-Maria Bast

    Der Text stammt aus dem Buch „Würzburger Geheimnisse - Band 2“ von Eva-Maria Bast, das in Kooperation mit der Main-Post entstand. Das Buch enthält 50 Geschichten zu historischen Geschehnissen und Orten. Präsentiert werden die Begebenheiten jeweils von Würzburger Bürgern.

    Bearbeitet von Torsten Schleicher

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