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    Ein offenes Ohr haben und verstanden werden – darum geht es

    Bruder Marcel Holzheimer, Jahrgang 1987, trat 2007 in den Augustinerorden ein. Er studierte Theologie in Würzburg, Valladolid und Jerusalem. 2009 hatte er seine Profess, 2018 wurde er in Würzburg zum Diakon geweiht. In Würzburg arbeitet er unter anderem im Gesprächsladen der Augustinerkirche mit. Foto: Thomas Obermeier

    Ein Vormittag in Würzburg. Geschäftige Menschen ziehen vorbei: Da läuft die Mutter mit ihren Kindern an der Hand, schnell noch etwas besorgen, bevor der Bus nach Hause fährt. Ein älterer Herr geht mit seinem Rollator vorbei, die Gruppe Teenager überholt ihn, nimmt den Mann womöglich aus dem Augenwinkel wahr – nach einem kurzen Augenblick ist auch er in Vergessenheit geraten, schließlich warten die Freund*innen auf dem Marktplatz. Jüngere Menschen, in den Händen mit Büchern gefüllte Plastiktaschen, die nach Uni rufen, eilen vorbei – die nächste Vorlesung, das nächste Seminar wartet.

    Hier und da ein Innehalten, ein Blick auf die Uhr: Der nächste Termin steht an. Schnell weiter. Die Menschen in diesem geschäftigen Treiben wirken nicht immer entspannt. Jede*r hat ein Ziel, das erreicht werden will: sei es ein Café, der Job, die nächste Straßenbahn. Die Ziele sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst.

    Während ich all die Leute beobachte und Sekunde für Sekunde eine Momentaufnahme geboten bekomme, sitze ich im Gesprächsladen an der Augustinerkirche. Ich schaue durch die Glastür nach draußen und werde zum stillen Beobachter all derer, die die Straßen auf unterschiedlichste Art und Weise mit Leben, mit ihrem eigenen Leben füllen. Ob sich der eine oder die andere fragt, wer der Mensch ist, der da gerade ruhelos vorbeihuscht? Was im Kopf der Mutter vorgeht oder wie es dem sichtlich angestrengten Mann wohl ergehen mag? Ich weiß es nicht.

    Sprachen, Dialekte und Worte umschwirren Köpfe – sie suchen Ohren

    Manchmal steigt jemand aus dem Strom aus, der Schritt verlangsamt sich am Glasfenster oder an der Tür des Gesprächsladens – ein Blick nach innen wird gewagt. „Soll ich hineingehen? Beim nächsten Mal vielleicht.“ In diesem unruhigen Wuseln, in dieser Unruhe und in diesem Sprachengewirr wirkt der Gesprächsladen an der Augustinerkirche wie ein Ruhepol.

    Am Sonntag feiern wir Christ*innen Pfingsten. Der Evangelist Lukas zeichnet in seiner Apostelgeschichte ein paradigmatisches Bild von Vielfalt, wenn er die Menschen aus aller Herren Länder aufzählt, die sich damals, während des Pfingstereignisses in Jerusalem aufhielten. Sprachen, Dialekte und Worte umschwirren Köpfe – sie suchen Ohren. Das Verrückte und Erstaunliche ist: Sie finden tatsächlich Gehör, ein offenes Ohr und werden auch noch verstanden.

    Wenn ich den Text lese, mit dem Lukas uns das Setting in Jerusalem damals beschreibt, dann sehe ich vor meinem inneren Auge gleichzeitig den Platz vor der Augustinerkirche: Auch hier kommen unterschiedliche Persönlichkeiten, Stimmen und Dialekte zusammen. Und diejenigen, die etwas aussprechen möchten, finden im Gesprächsladen ein offenes Ohr. Dieser „Laden“ ist ein Ort, an dem der Mensch, mit seiner ganz eigenen Sprache, mit dem, was sie oder er mitbringt, ernst genommen und gehört wird.

    Der eine spricht, der andere hört zu – ein Moment der Begegnung

    Die Tür in den Laden öffnet sich aber nicht automatisch. Vielleicht ist es manchmal eine Art Geistesblitz, wenn jemand den Entschluss fasst, aus dem Strom der Fußgängerzone auszubrechen, abzubiegen und seinen oder ihren inneren Impuls ernst nimmt, den Schritt hinein wagt und das ausspricht, was ihr oder ihm auf der Seele brennt; eben dann, wenn das Ziel nicht das nächste Geschäft oder ein Café ist, sondern ein Mensch, ein Gegenüber, der für mich da ist, mir zuhört und versucht, mich zu verstehen.

    Wir kommen ins Gespräch. Der eine spricht, der andere hört zu. Und dann gibt es diesen Moment – vielleicht wieder ein Geistesblitz –, an dem sich beide treffen. Es ist ein Moment der Begegnung. Die Gesichtszüge ändern sich, entspannen sich und lassen vielleicht ein zaghaftes Lächeln zu, Erstarrtes weicht allmählich auf und löst sich. Der Mensch, der mir gegenüber sitzt, fühlt sich verstanden und findet hoffentlich wieder zu mehr Lebendigkeit: Das Lächeln weitet sich immer mehr zu einem herzhaften Lachen; die Hände halten sich nicht mehr verkrampft an der Stuhllehne fest, sondern fangen an zu gestikulieren und das Gesprochene händisch zu verdeutlichen. Tränen können fließen, der Blick klart auf und ein Strahlen blitzt herein. Pfingsten nicht nur damals in Jerusalem, sondern auch heute in Würzburg?

    Ein pfingstlicher Ort in Würzburg

    Den Gesprächsladen an der Augustinerkirche als einen „pfingstlichen Ort“ zu bezeichnen, greift wahrscheinlich etwas zu hoch oder wäre eine allzu spiritualisierende Betitelung. Doch er bietet Raum, Zeit, Präsenz und vor allem offene Ohren, die einladen, nicht vor sich selbst wegzurennen oder aneinander vorbeizulaufen, sondern zu sprechen, sich mitunter auch die Seele vom Leib zu reden und dann irgendwann zu staunen über die Fülle des Lebens, die sich mehr und mehr in all ihren Facetten zeigt und erlebbar wird.

    Es wäre übertrieben, aus der Pfingstgeschichte herauszulesen, wir müssten alle Sprachen dieser Welt beherrschen, um einander zu verstehen. Die Botschaft, die sich für mich immer deutlicher herauskristallisiert, ist diese: Nicht die Sprache ist das Entscheidende, sondern das offene Ohr, das wir füreinander haben und einander schenken. Und sei es nur für ein paar Minuten – es ist Lebenszeit, die lebendig machen kann.

    Pfingsten

    Nach Ostern und Weihnachten ist Pfingsten das dritte große Fest im Kirchenjahr. Der Name geht auf das griechische Wort „pentekoste“ (der Fünfzigste) zurück, weil das Pfingstfest 50 Tage nach Ostern gefeiert wird. In Erinnerung an die in der Bibel geschilderte Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Menschen wird Pfingsten auch als „Geburtstag der Kirche“ verstanden. Den biblischen Berichten zufolge schenkt Gott seit Pfingsten seinen Geist nicht mehr einzelnen Auserwählten, sondern allen Christen. Beim Treffen der Jünger Jesu „sah man etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden von ihnen ließ sich eine Flammenzunge nieder“, heißt es in der Apostelgeschichte. Darauf geht wohl die Redewendung „Feuer und Flamme sein“ als Ausdruck für „begeistert sein“ zurück. (epd)

    Von Bruder Marcel Holzheimer

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