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    Würzburg

    Ein rührend unbeholfener Revolutionär

    Felix Fechenbach Foto: Archiv Roland Flade

    Viele der Revolutionäre von 1918/19 sind jung gestorben. Wer die Revolutionswirren überlebte, bekam es mit den Nazis zu tun, wie der Würzburger Journalist und Schriftsteller Felix Fechenbach.

    7. November 1918: Der Erste Weltkrieg ist zu Ende, meuternde Matrosen tragen die Revolution durchs Kaiserreich. In Bayern regiert noch König Ludwig III. Auf der Münchner Theresienwiese versammeln sich 60 000 Kriegsmüde zur Friedenskundgebung, aufgerufen von SPD, Gewerkschaften und USPD.

    Unter den Rednern ist Kurt Eisner, der spätere bayerische Ministerpräsident. Oskar Maria Graf erinnert sich in seiner Autobiographie "Wir sind Gefangene": "Und dann kam etwas Ungeheures. Plötzlich schwingt einer neben Kurt Eisner die rote Fahne und schreit: ,Genossen und Genossinnen! Wir wollen nicht mehr lange reden! Die Revolution ist da! Wer dafür ist, mir nach, uns nach!' Ein ungeheurer Jubel, ein jähes Losgehen. Wer hat denn geschrien? Wer hat denn uns alle mitgerissen? Jener rührend unbeholfene, einfache Felix Fechenbach."

    Fechenbach, Jahrgang 1894, ist in der Würzburger Ursulinengasse 2 mitten in der Stadt aufgewachsen, die Eltern betreiben eine Bäckerei. Der Bub muss in aller Frühe Backwaren ausliefern, in der Schule ist er zu müde für gute Zeugnisse. Sein Vater und seine Lehrer prügeln ihn durch.

    Am 30. August 1914 wird er eingezogen. Schwer verwundet und als radikaler Pazifist kehrt Fechenbach 1915 aus dem Krieg zurück. In München engagiert er sich in der SPD und lernt den Schriftsteller Kurt Eisner kennen, einen der charismatischsten und begehrtesten der Redner der Linken in der Stadt.

    1929 schreibt Fechenbach, die Jahre mit Eisner "gehören zu meinen erhebendsten und erlebnisreichsten". Ihn begeisterte "das Abstreifen der Lebensangst, das Wegwerfen der Sorge um die Existenz, die leidenschaftliche Hingabe an die Idee, die große, reine, opfernde Leidenschaft, von der Kurt Eisner erfüllt war, die er bei anderen gesucht und in ihnen entflammt hat."

    Nach während des Ersten Weltkriegs ist Fechenbach, knapp über 20 Jahre alt, Eisners Sekretär geworden. Und zeigt, dass er gar nicht so "rührend unbeholfen" ist, wie Oskar Maria Graf meinte.

    Nach seiner mitreißenden Rede im November 1918 auf der Theresienwiese stürmt Fechenbach los, Tausende mit ihm. "Im Sturmschritt geht's zu den Kasernen", berichtet er, "voran die rote Fahne". Bei den Landstürmern stehen sie vor verschlossenen Toren. Fechenbach steigt durch ein eingeschlagenes Fenster ein, dringt zum Major vor und verhandelt die Übergabe. Der weigert sich. Draußen sprengen die Genossen das Tor, die Soldaten laufen zu ihnen über. So eilen Fechenbach und die Seinen von Kaserne und Kaserne und die Soldaten "gingen … sofort zu uns über, als hätten sie nur darauf gewartet, dass wir kommen". Sie eroberten alle Kasernen, ohne dass ein Schuss gefallen ist. Um 10 Uhr abends waren alle Ministerien, das Generalkommando, Bahnhof, Post- und Telegrafenamt in der Hand der Revolutionäre.

    Am 21. Februar 1919 sind Eisner und Fechenbach auf dem Weg in Landtag, wo Eisner, nach der verlorenen Landtagswahl zwei Tage zuvor, seinen Rücktritt erklären will. Fechenbach berichtet: "Plötzlich krachen hinter uns schnell nacheinander zwei Schüsse. Eisner schwankt einen Augenblick, er will etwas sprechen, aber die Zunge versagt ihm. Dann bricht er lautlos zusammen. Das alles geschah im Bruchteil einer Sekunde."

    Der Mörder kommt mit vier Jahren Festungshaft davon, das Gericht bescheinigt ihm "ehrenhafte Motive".

    1922 steht auch Fechenbach vor einem Sondergericht, wegen angeblichen Landesverrats - er soll für die Revolution büßen. Elf Jahre Zuchthaus, lautet das Urteil; der Prozess geht als "Fechenbach-Prozess" in die Justizgeschichte ein. Die linke und liberale Presse nennt das Urteil eine "Kriegserklärung an die Republik" und "ungeheuerlich, der Vernunft und Gerechtigkeit hohnsprechendend". Selbst rechte Organe kritisieren "gröbstes Unrecht". 30 000 Bürger fordern mit einer Unterschriftenaktion Freiheit für Fechenbach. Die Strafe wird auf dreieinhalb Jahre reduziert. Nach zwei Jahren und vier Monaten wird er aus dem Zuchthaus Ebrach entlassen.

    Er geht nach Berlin, engagiert sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend und in der Deutschen Liga für Menschenrechte, arbeitet für sozialdemokratische Zeitungen, wird gut Freund mit Bert Brecht, Albert Einstein und Kurt Tucholsky. Im September 1929 tritt er als Chefredakteur bei der SPD-Zeitung Volksblatt im lippischen Detmold an.

    Er piesackt die Nazis. Er nervt und entlarvt sie in seinen Artikeln, er gibt sie der Lächerlichkeit preis. Im Winter 1932/33 prophezeit der "Lippische Kurier", ein Blatt der NSDAP: "Im kommenden Deutschland, im Dritten Reich, da werden die Aktion über den Landesverrat Fechenbachs nicht geschlossen bleiben. Dann wird der Schandfleck getilgt werden."

    Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler ätzte das Blatt: "Na, was meinen Sie, Herr Fechenbach, wie lange Sie noch die Ehre haben, eine in deutscher Sprache erscheinende Zeitung zu leiten? Wir geben Ihnen kein langes Ziel mehr."

    Am 12. März 1933 höhnt der Kurier unter der Überschrift "Der Jude Fechenbach in Schutzhaft genommen", die Festnahme sei erfolgt, da "infolge der Erregung unter den SA-Männern das Leben dieses Münchner Novemberhelden in Gefahr stand". Fechenbach arbeitet in der Haft an seinem Würzburg-Roman "Der Puppenspieler". Die Zeit des Schreibens, schreibt er seiner Frau, sei "die erträglichste in der Zelle".

    Derweil hetzt der Kurier: "Freuen wir uns, dass Leute wie Fechenbach und Konsorten unschädlich gemacht worden sind. Dass sie nie wieder ihre Tätigkeit zum Schaden des arbeitenden deutschen Volkes aufnehmen können, dafür wird der nationalsozialistische Staat schon Sorge tragen."

    Am 8. August verlautbart das Nazi-Blatt: "Der Räte-Jude Fechenbach hat Lippe verlassen". Fechenbach habe "ein Dauerabonnement auf das Konzentrationslager" erhalten. Da ist Fechenbach schon tot, tags zuvor von zwei SA-Männern mit 20 Schüssen niedergestreckt, nachdem sie - wohl vergeblich - versucht hatten, Informationen aus ihm heraus zu prügeln.

    Der Revolutionär aus Würzburg ist 37 Jahre alt geworden.

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