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    Eisenheim / Güntersleben

    Eisenheim: Wie ein Vater mit dem Unfalltod seiner Tochter lebt

    Auf dieser Verbindungsstraße zwischen Kaltenhausen und Untereisenheim ereignete sich im April 2017 der tragische Unfall. Foto: Patty Varasano

    Als Ronald Stahl vor dem Krankenhausbett steht, in dem seine tote Tochter liegt, macht er ein Foto. Das Bild zeigt die Innenseite der linken Ferse von Theresa Stahl, die Stelle, an der die 20-Jährige einen nach vorne gerichteten Pfeil tätowiert hatte. "Der Pfeil stand für ihr Lebensmotto", erzählt der Vater: "Immer nach vorne schauen." Längst ist der Pfeil auch für Ronald Stahl zu einem wichtigen Symbol geworden. Auch wenn es ihm schwer fällt, nach der Botschaft dahinter zu leben – zu schmerzlich und so vermeidbar war das, was seiner Tochter passiert ist.

    Theresa Stahl starb im April 2017 mit nur 20 Jahren. Foto: Familie Stahl

    Es ist der Abend des 22. April 2017. Spontan entschließen sich Theresa und ihr Freund, nicht zuhause zu bleiben in der Wohnung in Untereisenheim (Lkr. Würzburg), in der sie erst seit einer Woche zusammenleben. Stattdessen wollen sie in einer Würzburger Diskothek feiern. Theresa fährt, will nüchtern bleiben. Kurz bevor die beiden den Club wieder verlassen wollen, bekommt Theresa ein Getränk ausgegeben, das sie für Cola hält. Als sie trinkt, bemerkt sie, dass es Alkohol ist. Für die Fahranfängerin steht fest, dass sie sich jetzt nicht mehr hinters Steuer setzt. Ein gemeinsamer Freund nimmt Theresa und ihren Freund mit.

    Polizei wird zu zwei Unfällen gerufen

    Auf einer Verbindungsstraße zwischen Kaltenhausen und Untereisenheim lassen sich die beiden absetzen, wollen den Rest des Wegs laufen. Es ist etwa 3.40 Uhr. Theresa geht am rechten Fahrbahnrand voraus, ihr Freund hinterher, als sich ein VW Golf mit hoher Geschwindigkeit nähert. An ihrem Freund fährt der Golf vorbei, Theresa erfasst er von hinten. Die 20-Jährige knallt mit dem Hinterkopf auf die Windschutzscheibe, wird 13 Meter in ein angrenzendes Feld geschleudert. Der Fahrer flüchtet laut Polizeibericht, "ohne sich um die junge Frau zu kümmern". Theresas Freund setzt sofort einen Notruf ab, leistet erste Hilfe. Theresa ist bewusstlos, blutet stark aus Nase und Ohren.

    Kurze Zeit später wird der Polizei ein weiterer Unfall gemeldet. Nicht weit entfernt liegt der Golf im Straßengraben. In ihrem ersten Bericht wird die Polizei von einem 18-jährigen Fahrer berichten, der sich zwar nicht selbst aus seinem Fahrzeug befreien kann, aber nahezu unverletzt ist – und betrunken: Die Beamten stellen bei ihm 2,3 Promille fest. Erst später wird bekannt, dass der 18-Jährige offenbar nicht alleine unterwegs war, sondern drei weitere Personen, alle 19 Jahre alt, im Golf saßen.

    Die Ärzte sprechen von akuter Lebensgefahr

    Gut zwei Jahre später treffen wir Ronald Stahl in dessen Büro in Güntersleben (Lkr. Würzburg). Das Fenster ist offen, es ist ein schöner Tag, nur der Anlass ist es nicht. "Ich habe nicht gut geschlafen wegen des Termins", gesteht der hochgewachsene Handwerker. Seine Lebensgefährtin sitzt als Unterstützung mit am Tisch. Auf einem Bildschirm hat Stahl bereits eine Google-Karte geöffnet, die die Unfallstelle zeigt. Der 51-Jährige beginnt zu erzählen.

    Am frühen Morgen des 23. April 2017 wird er aus dem Bett geklingelt. "Ich bin sofort ins Krankenhaus gefahren", erinnert er sich. Erst gegen 10 Uhr, nach der Visite, erfährt er, wie schlimm es um Theresa steht: ein Schlüsselbeinbruch, eine verletzte Lunge, massive Kopfverletzungen. Theresa liegt im Koma, die Ärzte der Würzburger Uniklinik sprechen von akuter Lebensgefahr.

    Vater findet Theresas Schuh im Feld

    "Ich bin danach mit Theresas Freund, der noch im Krankenhaus war, an die Unfallstelle gefahren", berichtet Ronald Stahl. "Theresas Freund erzählte, dass der Golf nicht gebremst hat. Jedenfalls hat er keine Bremslichter gesehen." Bremsspuren finden Vater und Freund auf der Fahrbahn keine. Stattdessen einen Schuh von Theresa – 25 Meter von der Unfallstelle entfernt. "Dann hat mich die Polizei angerufen und zur Vernehmung bestellt." Später fährt er mit den Beamten ein weiteres Mal zur Unfallstelle.

    Deren Ermittlungen gestalten sich schwierig. Die Verkehrspolizei Würzburg-Biebelried setzt eine Ermittlungskommission ein. Die Beamten machen mehrfach Aufrufe.Sie suchen Zeugen, denen der dunkelblaue Golf vor oder nach dem Unfall aufgefallen ist und die "Angaben zu dessen Fahrweise" machen können. Insbesondere wird nach einer Person gesucht, die in Eisenheim in der Nacht ihr "Handy Jugendlichen für ein Telefonat zur Verfügung gestellt" hat.

    "Als Theresa im Krankenhaus lag, haben wir dreimal lebenserhaltenden Maßnahmen zugestimmt."
    Ronald Stahl, Vater des Unfallopfers

    Unterdessen geht es Theresa schlechter. Mehrere Notoperationen können nicht helfen. "Irgendwann haben uns die Ärzte gesagt, dass Theresa nur noch von den Maschinen am Leben gehalten wird. Aber man hält sich an jedem Strohhalm fest", erinnert sich Ronald Stahl. Nur wenige Wochen vor dem Unfall hatten Vater und Tochter noch darüber gesprochen, dass sie ihn einmal im Alter pflegen wolle. "Bei dem Gespräch haben wir beide gesagt, dass wir im Fall der Fälle einmal keine lebenserhaltenden Maßnahmen wollen", erzählt der 51-Jährige. "Als Theresa dann im Krankenhaus lag, haben wir trotzdem dreimal lebenserhaltenden Maßnahmen zugestimmt."

    Eine knappe Woche nach dem Unfall stirbt Theresa

    Am 28. April 2017 schalten die Ärzte die Geräte ab. Theresas Eltern, die zu diesem Zeitpunkt schon geschieden sind, sind an ihrem Bett. "Sie sah friedlich aus, als wenn sie schlief", sagt der Vater heute. Kaum eine Spur von den schweren Verletzungen. "Als sie tot war, habe ich es eine ganze Weile nicht glauben können."

    Schon am Tag nach Theresas Tod entscheiden sich ihr Vater, ihre Schwester und ihr Freund, sich tätowieren zu lassen: einen Pfeil an der linken Ferse. "Theresa hatte mehrere Tattoos", sagt Stahl. "Der Pfeil war das erste." Begeistert sei er davon nicht gewesen. "Es gab hitzige Diskussionen damals." Die Idee, sich nun auch tätowieren zu lassen, "kam mir unter der Dusche".

    Familie startet Aktion "Gegen Alkohol am Steuer"

    Der Pfeil wird zum Symbol. Für Theresas Lebensmotto und für eine Aktion, die ihre Familie und Freunde starten: Sie gestalten Aufkleber mit dem Pfeil, Theresas Namen und der Aufschrift "Gegen Alkohol am Steuer". Auch eine Internetseite geht online. "So wollen wir darauf aufmerksam machen, was Alkohol am Steuer anrichten kann", erklärt Ronald Stahl.

    Ein Aufkleber der Aktion "Gegen Alkohol am Steuer" Foto: Benjamin Stahl

    Es ist eine bunte Beerdigung in Güntersleben. Inzwischen ist es Mai, Theresas Lieblingslieder werden gespielt, rund 700 Menschen sind kommen. Theresas Freund habe die vier Golf-Insassen gekannt, sagt Ronald Stahl. Einer von ihnen will an der Trauerfeier teilnehmen. "Das wollten wir nicht." Haben sich weitere Insassen des Unfallfahrzeugs gemeldet? "Einer hat ein Beileidsschreiben geschickt", sagt Stahl. "Ich vermute, von einem Anwalt formuliert." Bei einer Abschiedsfeier in Estenfeld (Lkr. Würzburg) liegen die Aufkleber mit dem Pfeil aus. Die Familie zeigt einen Foto-Rückblick auf Theresas Leben. 20 Lebensjahre in 20 Minuten. Danach steigen 400 schwarze und weiße Lufballons mit Grüßen an Theresa in den Himmel.

    "Bis zur Beerdigung habe ich funktioniert. Wie eine Maschine."
    Vater Ronald Stahl

    Unterdessen laufen die Ermittlungen weiter. Von Dutzenden verhörten Zeugen ist die Rede, Gerüchte machen die Runde, Fragen tun sich auf: Ist wirklich der Hauptverdächtige gefahren oder doch einer der drei anderen Insassen? Wo waren die drei, als der Golf im Graben gefunden wurde? Was geschah zwischen dem ersten und dem zweiten Unfall? Im Herbst 2017 schließt die Ermittlungskommission ihre Arbeit ab. Zu deren Verlauf will sich das Polizeipräsidium Unterfranken derzeit nicht äußern. Der Ball liegt inzwischen bei der Justiz. "Die Polizisten tun mir leid", sagt Ronald Stahl. "Sie haben getan, was sie konnten." Aber die Ermittler hätten "zu wenige Befugnisse", um schneller zu Ergebnissen zu kommen.

    Die Monate gehen ins Land. Viele aus Theresas Familie nehmen psychologische Hilfe in Anspruch, um den Tod der 20-Jährigen zu verarbeiten. Der Vater kämpft. Als Selbstständiger, so sagt er heute, habe er sich auch "nicht einfach rausnehmen" und krankschreiben lassen können. Bis zur Beerdigung habe er "funktioniert wie eine Maschine". Anschließend widmet er sich der Aktion "Gegen Alkohol am Steuer". Die ersten 2500 Aufkleber sind schon kurz nach der Beerdigung vergriffen. "Die Aktion hat mir durch das erste Jahr nach Theresas Tod geholfen", bilanziert er.

    Gutachten zur Schuldfähigkeit des Hauptangeklagten

    Im Juli 2018 erhebt die Staatsanwaltschaft Würzburg Anklage: gegen den mutmaßlichen Fahrer des Golf unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und vorsätzlicher Trunkenheit im Verkehr; und gegen seine drei Mitfahrer wegen unterlassener Hilfeleistung.

    Wann es zu einem Prozess kommt, ist noch unklar. Nicht vor Herbst, schätzt Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen auf Nachfrage dieser Redaktion. Warum es noch dauert? Das liege maßgeblich daran, "dass nach Anklageerhebung auf Antrag der Verteidigung vom Gericht ein weiteres Gutachten zur Frage der Schuldfähigkeit des Hauptangeklagten" eingeholt wurde, erklärt er. Dieses liege seit kurzem vor, nun werde über eine Eröffnung des Verfahrens entschieden. "Der Führerschein des Unfallfahrers ist weiterhin beschlagnahmt", so Raufeisen weiter. Zu weiteren Detailfragen äußert er sich mit Verweis auf die "Prozessfairness" nicht: Es gelte, den "Eindruck eines bereits entschiedenen Verfahrens zu vermeiden und die Beweisführung nicht vorab in der Öffentlichkeit darzustellen".

    Auch das zuständige Amtsgericht Würzburg hält sich auf Anfrage bedeckt. "Die Akten liegen derzeit dem zuständigen Richter vor", heißt es von dort. Dieser müsse nun über die Durchführung einer Hauptverhandlung entscheiden.

    "Solange ich lebe, wird es diese Aufkleber geben."
    Ronald Stahl

    Ronald Stahl geht es nicht gut. Seit Anfang dieses Jahres zieht er sich zurück. "Ich gehe arbeiten, brauche danach aber Zeit für mich." Die Freizeit genießen? Derzeit undenkbar. Regelmäßig ist er in ärztlicher Behandlung. Nimmt abends Schlafmittel, weil er sonst wach liegt. "Wir konnten noch keinen Schlussstrich ziehen: Es ist kein Deckel drauf", sagt er. Ob es ihm besser geht, wenn die juristische Aufarbeitung des Unfalltodes seiner Tochter abgeschlossen ist? "Ich weiß es nicht", meint er schulterzuckend.

    Was ihm noch immer hilft, ist die Aktion "Gegen Alkohol am Steuer". 30 000 Aufkleber sind inzwischen im Umlauf. Auf der Internetseite der Kampagne finden sich Fotos von Autos mit Pfeil-Stickern aus der halben Welt. "Solange ich lebe, wird es diese Aufkleber geben", sagt Ronald Stahl. "Das ist das einzige, was ich noch für meine Tochter tun kann."

    Der Autor dieses Textes steht mit der Familie des Opfers in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis.

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