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    Würzburg

    Elf Jahre nach Unfall: Querschnittsgelähmter Würzburger coacht Firmen

    Sebastian Wächter aus Würzburg ist nach einem Unfall Ende 2007 querschnittsgelähmt. Vor Kurzem hat er den European Speaker Award 2019 gewonnen. Foto: Thomas Obermeier

    Er wirkt fröhlich, erzählt von seinen Jobs als Redner, Coach und Vermögensverwalter und den Plänen, bald mit seiner Freundin zusammenzuziehen. Alles ganz normal für einen jungen Menschen Ende Zwanzig. Doch etwas ist anders: Sebastian Wächter ist querschnittsgelähmt. Ein Unfall vor elfeinhalb Jahren hatte das Leben des damals 18-Jährigen radikal verändert.  

    "Von einem auf den anderen Tag konnte ich über 90 Prozent meiner Muskeln nicht mehr bewegen und war 24 Stunden am Tag auf Hilfe angewiesen", sagt er. Nicht nur seine Beine, sondern auch ein Großteil seiner Arme und Hände waren gelähmt. Anfangs habe er schwer mit seinem Schicksal gehadert und sei am Boden zerstört gewesen, beschreibt er auf der Homepage seiner Firma "Barrierefrei im Kopf", die er im März 2019 mit zwei Freunden gründete.

    Doch dann kam der Prozess des Annehmens: "Statt mich als Opfer zu sehen und in die Vergangenheit zu blicken, begann ich mich aufs Hier und Jetzt zu fokussieren und auf mein vorhandenes Potenzial." Bestehend aus weniger als zehn Prozent Muskelmasse, einem scharfen Geist und sehr viel Ehrgeiz - wie er selbst beschreibt. Sieben Jahre habe der Prozess insgesamt gedauert. 

    Durch mentales Training Ziele erreicht

    Er schaffte es durch positive Denkansätze und das Erheben von Zielen (auch hoch gesteckte) seine mentalen Barrieren zu überwinden. Zwar könne man eine Querschnittslähmung medizinisch nicht ungeschehen machen, "dennoch konnte ich durch hartes Training und viel Therapie lernen, mein Potenzial auszuschöpfen. So habe ich viel an Eigenständigkeit zurückgewonnen". Heute sei es für ihn möglich, seinen Tag inklusive Duschen, Anziehen und Essen alleine zu bestreiten, allerdings koste es ihn durch die Behinderung viel Zeit. "Deshalb nehme ich im Alltag auch Hilfe in Anspruch."

    Sebastian Wächter hat im März dieses Jahres eine eigene Firma gegründet: "Barrierefrei im Kopf". Foto: Archiv Wächter

    Nach dem Abitur studierte Wächter Wirtschaftsmathematik und schloss erfolgreich mit dem Master of Science ab, um in der Finanzbranche tätig zu werden. "Aktienmärkte haben mich schon immer interessiert.“ Trotzdem seien ihm seit dem Unfall - von verschiedenen Institutionen und Menschen -immer wieder Barrieren in den Weg gelegt worden. "Das schaffst du doch nicht" - diesen Satz habe er des Öfteren gehört. Heute kann er darüber lächeln, denn "ich habe so vieles geschafft", sagt er selbstbewusst. So auch das Auslandssemester an der University of Texas in Austin.

    Darauf ist er besonders stolz, denn noch nie zuvor hatte ein Student seiner Fakultät mit einer körperlichen Einschränkung solch ein Auslandssemester absolviert. "Ich hoffe, dass ich dadurch Menschen Mut machen konnte." Auch sportlich hat sich der 29-Jährige seine Ziele gesteckt: Er schaffte es in seiner Sportart Rollstuhl-Rugby bis zum Bundesligaspieler. Und vom Sozialhilfeempfänger während des Studiums zum Portfoliomanager einer Privatbank. Dennoch hält er den bei manchen Coaches beliebten Spruch "Alles ist möglich" für schwierig: "Wenn man alles schafft, würde ich jetzt aus dem Rollstuhl aufstehen und loslaufen."

    Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur eigenen Firma 

    Dass er die Gabe des "professionellen Redens" besitzt, war dem jungen Mann bis vor drei Jahren nicht klar. "Da wurde ich beim Rugby gefragt, ob ich mir vorstellen könnte andere Querschnittsgelähmte zu motivieren, und ihnen beim Finden von Perspektiven zu helfen." Die ehrenamtliche Arbeit machte ihm Spaß und brachte ihn auf den Weg dessen, was er heute - neben seiner Teilzeitarbeit als Vermögensverwalter - macht: das Coaching und Reden halten. Erst kürzlich gewann er sogar den European Speaker Award 2019. 

    Sebastian Wächter gewann den European Speaker Award 2019. Foto: Thomas Obermeier

    "Ich habe gemerkt, dass ich durch mein Schicksal viel zu geben habe und ich mir Denkweisen und Strategien erarbeitet habe, die anderen Menschen und auch Unternehmen auf ihrem Weg hilfreich sein können." So könne er das Thema "Mindset" (Anmerk. d. Red: Denkweise/Innere Haltung) authentisch transportieren. Themenstränge wie die eigenen Stärken erkennen, Ziele setzen (auch Etappenziele) und Verantwortung übernehmen spielten dabei eine große Rolle. Vielleicht, so der 29-Jährige, bedeute diese Tätigkeit auch "der Querschnittslähmung ihren Sinn zu geben".

    Reden vor 500 Leuten

    Seine Erfahrungen jedenfalls gibt er in Form von Vorträgen bei Unternehmen, Wirtschaftsverbänden, Universitäten und Schulen weiter. Auch durch Workshops und Einzel- Coachings gibt er Impulse. Mittlerweile hat er schon vor einem 500 Personen-Publikum gesprochen.

    Die Ziele für die Zukunft sind hoch gesteckt: So hofft Wächter, dessen Unternehmen in Süddeutschland gut angelaufen ist, auch in Österreich und der Schweiz als Experte wahrgenommen zu werden. Auch ein Schulprojekt schwebt dem in Herlheim (Landkreis Schweinfurt) Geborenem vor. Dafür ist er auf der Suche nach einer Stiftung, die als Sponsor agieren könnte.    

    Privat freut er sich, bald mit seiner Freundin zusammenzuziehen, auch eine Familie zu gründen steht irgendwann auf dem Plan. Ein für ihn wichtiges Zitat wird ihn sicherlich auf seinem Weg begleiten:"Wer Opfer wird, hat vielleicht Pech gehabt. Wer Opfer bleibt, ist selbst schuld."

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