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    Thüngersheim

    "Er braucht nichts mehr als eine Familie"

    Er ist 19 Jahre alt, will demnächst eine Ausbildung in einem Elektrikerbetrieb beginnen, wohnt im eigenen Zimmer noch bei Mama und Papa in Thüngersheim und isst leidenschaftlich gern das fränkische Hochzeitsessen, also Suppenfleisch mit Meerrettich. Für seine Sportkameraden und Freunde greift Safi Shahed Khan aber auch selbst gerne zum Kochlöffel.

    Am vergangenen Wochenende hat sich entschieden, dass seine Kochkünste 2019 wieder gefragt sind. Sein Cricketteam des TSV Lengfeld sowie die jeweiligen Gegner warten dann bei den Heimspielen in der Bundesliga wieder hungrig auf Kabuli Pulao, Safis afghanischen Reistopf mit Karotten, gewürzt mit Kardamon und Rosinen, serviert mit rohen Tomaten und Gurken und wie in Safis Heimat üblich, mit bloßen Händen gegessen. Bei Cricketspielen, die viele Stunden dauern, gehören Tee- und Essenspausen dazu. Üblicherweise bewirtet die Heimmannschaft auch die Gäste. Eine Aufgabe, die der Ziehsohn von Maria und Günter Pröstler an sich gezogen hat.

    Im Dezember 2015 lernte das kinderlose Ehepaar den unbegleiteten Flüchtling kennen - und schnell lieben. "Wir hätten ihn im Herbst 2016, als er nach Aub verlegt wurde, auch gerne als Pflegesohn bei uns aufgenommen", erzählt Maria Pröstler, in Thüngersheim engagiert in der Theatergruppe und im Weihnachtsmarktteam. Das Vorhaben scheiterte letztlich am Alter von Safi. Für die paar Monate bis zum 18. Geburtstag des jungen Mannes hätte sich der Aufwand nicht gelohnt.

    Den drei Beteiligten ist das herzlich egal. Wie selbstverständlich nennt Safi seine Ersatzeltern "Mama" und "Papa". Gerade zu Letzterem hat er eine besonders starke Verbindung aufgebaut. Letztlich, erinnert sich Maria Pröstler, hat der Junge über ihren Mann den Anschluss an die Familie gefunden. Die Wohngruppe für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, in der er von Dezember 2015 bis September 2016 lebte, befand sich ganz in der Nähe der Theaterbühne. So habe man ihn immer wieder getroffen und Safi habe Günter Pröstler bereitwillig bei allerlei Handreichungen geholfen. So kamen die Beiden sich näher. Aus einer daraus folgenden ersten Einladung zu sich nach Hause wurden schnell tägliche Besuche.

    Günter Pröstler ist für Safi der Vater, den er nicht mehr hat. Sein leiblicher Vater, erzählte er seinen Zieheltern, wurde von den Taliban verschleppt. Ein Onkel habe ein Auge auf ein Grundstück seines Vaters gehabt. Dieser aber habe nicht verkaufen wollen. Daraufhin bezichtigte ihn der Onkel, mit den Amerikanern zu kooperieren. Das besiegelte sein Schicksal. Der Vater ist seitdem verschollen und niemand weiß, ob er noch lebt. Um Safi als Ältestem das gleiche Schicksal zu ersparen, schickte die Mutter ihn weg. So kam er nach vielen Stationen im September 2015 in München an.

    Safi Khan spricht nicht gerne über die Kindheit und seine Flucht. Er ist einfach froh, dass es ihm bei den Pröstlers so gut geht, sie ihn wie einen eigenen Sohn behandeln. Wozu auch gehört, dass seine Mama ihm schon mal den Kopf wäscht. Etwa, wenn er meint, er könne stundenlang duschen oder sie könne ihm doch "eine Frau besorgen".

    Nichts hören will Safi davon, dass möglicherweise bald wieder ein Abschied ansteht. Günter Pröstler ist sehr krank, kämpft seit Jahren mit einer Krebserkrankung, die jetzt erneut und mit Macht zurückkehrte. Niemand weiß, ob er die starke Chemotherapie, die er jetzt beginnt, physisch überhaupt durchstehen kann. "Ich habe Safi schon darauf vorberitet, dass jetzt er eventuell bald der Herr im Haus ist", sagt Maria Pröstler leise, aber gefasst.

    Ablenkung hat die Angestellte im bischöflichen Ordinariat durch zwei Aufgaben, die sie und Safi derzeit beschäftigen: von der Ausländerbehörde eine Genehmigung für Safis Ausbildung zu bekommen, und Safis jüngeren Bruder. Dieser musste ebenfalls fliehen, weg von den Verwandten, bei denen seine Mutter Zuflucht suchte. "Wir wollen ihn gerne hierher zu uns holen", gesteht Pröstler. Besonders für Safi, fährt sie fort, sei das sehr wichtig. "Er braucht nichts mehr als eine Familie."

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