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    Würzburg

    Erfahrungsaustausch: Wie Klimaaktivisten Polizeigewalt erleben

    Das Bündnis "KeinHektarmehr" demonstriert gegen die Rodungen für einen Steinbruch in Thüngersheim. Ein "Systemwandel" forderten auch Aktivisten bei der "Kritischen Einführungswoche". Foto: Thomas Obermeier

    Es ist eine Szene, die einem den Atem stocken lässt. Zwei Polizisten halten bei einer Klima-Demonstration einen jungen Mann mit Gewalt am Boden, sein Kopf liegt unter einem Einsatzwagen. Plötzlich rollt das Fahrzeug los. Im letzten Moment ziehen die Beamten den jungen Mann weg. Aus der umstehenden Menge sind erschrockene Schreie zu hören. Was, wenn die Polizisten nicht rechtzeitig reagiert hätten?

    Der Vorfall ereignete sich im Mai in Wien. In Würzburg, im Kulturzentrum "Kellerperle", sind am Donnerstagabend Video-Aufnahmen davon an die Wand projiziert. Sie stehen am Ende eines Zusammenschnitts von verschiedenen Handyfilmen. Diese zeigen, wie Polizeibeamte Aktivisten bei Sitzblockaden in den Schwitzkasten nehmen und gewaltsam wegtragen. Bei einigen Bildern geht ein Raunen durch die Zuschauerreihen. 

    Alternative zur klassischen Erstsemesterwoche mit Besäufnissen

    Rund 50 Menschen, die meisten von ihnen in den Zwanzigern, sind in das Kulturzentrum im Studentenhaus gekommen, um sich über Repressionen gegen politische Aktivsten zu informieren. Auch der Münchner Klimaaktivist Anselm Schindler ist da und spricht über seine Erfahrungen mit der Polizei. Er ist der junge Mann aus dem Video.

    Die Bilder zu sehen, lässt ihn immer noch nicht kalt. "Das geht nicht spurlos an einem vorüber." Ob er glaube, dass ihn die Polizei absichtlich unter das Auto gelegt habe, wird Schindler von einem Besucher gefragt. "Ganz zufällig" passiere so etwas nicht, meint Schindler. In jedem Fall sei das Vorgehen der Beamten "sehr brachial" gewesen. Die Gerichtsverhandlung in dieser Sache steht noch aus.

    Der Abend, den verschiedene linke Gruppierungen auf die Beine gestellt haben, gehört zum Programm der "Kritischen Einführungswoche" für Studenten in Würzburg. "Die Idee ist, ein Alternativprogramm zur klassischen Erstsemesterwoche zu bieten, die normalerweise daraus besteht, dass sich Jugendliche in größeren Gruppen betrinken", sagt Thomas Palmai, einer der Sprecher der Projektwoche. "Wir bieten politische Inhalte, die auch kritisch damit umgehen, was in unserer Gesellschaft gerade vor sich geht."

    Zum Abschluss der Woche sind am Samstag in Würzburg gleich drei Demonstrationszüge geplant: Uunter dem gemeinsamen Motto "#unverhandelbar" soll es um Menschenrechte, Klimagerechtigkeit und Gleichstellung gehen.

    "Polizeigewalt ist Teil des Kapitalismus."
    Anselm Schindler, Klimaaktivist

    An der Organisation der "Kritischen Einführungswoche" und der #unteilbar-Demo sind rund 25 Gruppen wie die "Seebrücke Würzburg", "Keinhamehr" und die "Antifa Würzburg" beteiligt. Was haben sie für gemeinsame Interessen? Jährlich seien sechs Millionen Menschen durch die Folgen des Klimawandels zur Flucht gezwungen, sagt Palmei. Das hänge unmittelbar mit unserer CO2-Bilanz und unserer Wirtschaft zusammen: "Diese Punkte lassen sich sehr gut zusammenführen. Das haben wir als gemeinsamen Nenner."

    Die Kritik am Verhalten der Polizei gegenüber Demonstranten ist der rote Faden des Abends in der Kellerperle. Es geht um Prügel, Beleidigungen und Schikane. "Polizeigewalt ist Teil des Kapitalismus", findet Anselm Schindler. "Die Spaltung in Arm und Reich ist nur mit Gewalt aufrechtzuerhalten." Umso mehr Menschen dagegen auf die Straße gingen, umso mehr Reibereien werde es auch geben. Zu den Vorwürfen befragt, teilt die Pressestelle des Polizeipräsidiums Unterfranken mit, dass sie sich nur zu konkreten Fällen äußern werde. 

    Video

    Heiligt der Zweck die Mittel?

    Auch eine junge Frau der Gruppierung "Ende Gelände" Würzburg, die den Abend in der Kellerperle mitorganisiert hat, berichtet von Repressionen gegen Aktivisten. Ihren Namen möchte sie aus Angst vor einem Angriff auf ihre Person nicht nennen. Der "gezielte Regelübertritt" gehöre zum Konzept des zivilen Ungehorsams dazu, sagt sie. "Auch Rassismus und Apartheid waren gesetzlich verankert. Und wenn sich Menschen dagegen gewehrt haben, verhielten sie sich illegal." 

    Motivation für Aktionen wie die Besetzung von Kohlebaggern oder Straßenblockaden sei, dass "wir vor einer ökologischen und humanitären Katastrophe stehen", so die Klimaaktivistin. Das legitimiere den zivilen Ungehorsam. Für die Würzburger Demonstration am Samstag seien dennoch keine Blockaden geplant. Das habe man der Polizei zugesichert, bestätigt KEW-Sprecher Thomas Palmai. "Und was wir sagen, das machen wir."

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