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    WÜRZBURG

    Erfasst vom bunten Faschingsstrudel

    Faschingszug 2018
    Unterwegs mit den Erlabrunner un Neigeschmeggde: Reporter Aaron Niemeyer war mitten im Geschehen. Foto: Daniel Peter

    Popcorn, Marshmallows, Zuckerstangen, alles schön und gut, aber wo sind die verdammten Schokoherzen, die bisher so gut angekommen sind? Eifrig wühle ich mich durch die meterhoch aufgetürmten Plastiksäcke voller Süßigkeiten, die von den „Erlabrunner un Neigeschmeggden“ vorausschauend auf ihren Faschingswagen geladen wurden. Endlich habe ich Erfolg und zufrieden schmeiße ich die begehrten Herzen mit einem kräftigem „Helau!“ in die Menge. Ein wenig wundere ich mich dabei über mich selbst. Hätte mir, einem überzeugten Faschingsverweigerer, vor einer Stunde jemand erzählt, dass ich mich wenig später so köstlich amüsieren sollte, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt.

    Man muss wohl einmal bei solch einem Faschingszug dabei gewesen sein, um die Faszination dahinter zu verstehen. „Es ist wie eine Sucht“, erklärt mir Ilse, meine Mitfahrerin, die mich vor Beginn des Faschingszuges freundlich einweist. Rund 10 000 Euro investieren die „Erlabrunner un Neigeschmeggden“ eigenen Aussagen zufolge jährlich in ihre Faschingsarbeit. Dazu kommen unzählige Stunden Arbeit, die jedes Vereinsmitglied investiert. Erst später an diesem Tag sollte ich verstehen, warum sich meine Mitfahrer das jedes Jahr von Neuem antun, nur um irgendwann frierend in der Kälte zu stehen und bei Nieselregen darauf zu warten, andere Leute zu beschenken.

    Zucker für den Affen

    Endlich setzt sich der Zug in Bewegung Richtung Semmelstraße, wo die ersten Zuschauer warten. Der Wagen schaukelt und zwischen all den Säcken voller Süßigkeiten kann man sich kaum bewegen. Meine Mitfahrer lassen sich davon jedoch in keiner Weise beeindrucken. Mit lautstarken „Helaus“ begrüßen sie die ersten Narren am Straßenrand und werfen fleißig Süßigkeiten in die Menge. „Es ist einfach toll, den Leuten Spaß und Freude in dieser Kälte zu bereiten“ erklärt Ilse, als sie einem kleinen Kind im Affenkostüm strahlend eine Zuckerstange zuwirft. Ich erwische mich dabei, wie ich vorsichtig zu grinsen beginne.

    Mitleid mit dem kleinen Piraten

    Spätestens ab der Juliuspromenade kann ich nicht mehr leugnen, dass Fasching Spaß macht. Gruppen von Kindern begrüßen begeistert unseren Wagen und versuchen eifrig möglichst viele der verteilten Süßigkeiten zu erwischen. Leider gelingt es meinen Mitstreitern nicht immer, die Süßigkeiten gleichmäßig zu verteilen.

    Faschingszug 2018
    Aaron Niemeyer (Mitte) in Aktion: Eigentlich ist er ein Faschingsmuffel, doch auf dem Wagen der Erlabrunner un Neigeschmeggde war davon nichts mehr zu spüren. Foto: Daniel Peter

    Als ich einen kleinen Jungen im Piratenkostüm sehe, der auf der Suche nach einer Zuckerstange erfolglos auf dem Boden herumkriecht, packt mich das Mitleid und mit einem aufmunterndem „Helau“ werfe ich ihm eine ganze Handvoll der begehrten Trophäen in die Arme. Der dankbare Blick und das strahlende Lächeln, das er mir dafür zeigt, lösen meine letzten Widerstände in Luft auf. Auch die Kälte ist schnell vergessen. Wieder greife ich tief in die Taschen voller Präsente und werfe sie schwungvoll in die Menge.

    Eiskalte Füße und steife Glieder

    Es ist ein bunter Strudel, in den man unweigerlich hineingezogen wird. Als in der Domstraße Tausende uns zujubeln, beginne ich hektisch Süßigkeiten in die dafür vorgesehenen Behälter zu schaufeln, um immer genug Nachschub zu haben. Jedes Mal, wenn mir ein Kostüm besonders gut gefällt, versuche ich Blickkontakt aufzunehmen und werfe ein paar der besonders begehrten Goodies. Wenn ich dafür einen dankbaren Blick bekomme, freue ich mich.

    Bei all dem Trubel vergesse ich schnell die Zeit. Plötzlich wird die Menge wieder lichter, die närrischen Rufe leiser und auch die Süßigkeiten gehen zur Neige. Bei meinen Mitfahrern macht sich ein bisschen Wehmut breit, aber auch Erleichterung darüber, dass alles gut gegangen ist. Auch ich erwache langsam aus meinem Faschingsrausch. Trotz eiskalter Füße und steifer Glieder bin ich froh, dabei gewesen zu sein. Ein überzeugter Faschingsfan bin ich immer noch nicht. Aber ich kann jetzt verstehen, warum dies für einige Menschen die schönste Zeit des Jahres ist.

    Von unserem Mitarbeiter Aaron Niemeyer

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