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    Erlabrunn

    Erlabrunn-Prozess: Überraschendes Geständnis 

    Wende im Prozess um die fahrlässige Tötung von Gisela K. vor dem Landgericht Würzburg: Der angeklagte 58-Jährige gestand... Foto: Daniel Peter

    Nach fast drei Jahren hat die quälende Ungewissheit für Erlabrunn (Lkr. Würzburg) jetzt ein Ende. Überraschend gestand der angeklagte Fahrer des gemeindeeigenen Streutraktors am Donnerstag vor dem Landgericht Würzburg: Er habe die Frau versehentlich überfahren. Er habe gedacht, er sei lediglich über einen am Straßenrand liegenden gelben Sack gefahren. Erst spät sei die Überzeugung bei ihm gereift, dass er seine Mitbürgerin überrollt habe, so Günther K.

    Gisela K. war am Morgen des 5. Januar 2016 an einer Engstelle vor ihrem Haus tot gefunden worden. Zunächst glaubte man an einen Sturz auf glatter Straße. Erst die Rechtsmedizin fand eine Woche später heraus: Sie war von einem  Traktor mit grobstolligen Reifen mehrfach überrollt worden.

    Dessen Lenker fuhr weiter, ohne sich um sie zu kümmern, fanden die Ermittler heraus. Die Nachforschungen führten zum Fahrer des Streufahrzeuges. Günther K. wurde in erster Instanz zu 22 Monaten Haft verurteilt. Dagegen gingen er und Staatsanwältin Martina Pfister-Luz in Berufung.

    Am Tag davor war das Ziel noch Freispruch

    Wie im ersten Prozess vor Jahresfrist hatte Günther K. auch vor dem Landgericht geschwiegen. Seine Einlassung kam jetzt völlig überraschend. Verteidiger Martin Reitmaier hatte am Tag zuvor noch  betont, Ziel der Berufung sei ein Freispruch.

    Aber noch klarer als im ersten Prozess sprachen die Zeugenaussagen in den ersten fünf Verhandlungstagen gegen den Angeklagten. Immer wieder animierten ihn Gericht, Anklägerin und die Anwälte der Hinterbliebenen, "dem Drama ein Ende zu machen", so Anwalt Hanjo Schrepfer. Zuletzt sei am Mittwoch "in langen Gesprächen bis tief in die Nacht" bei seinem Mandanten der Entschluss gereift, sein Schweigen zu brechen, erklärte Verteidiger Reitmaier.

    Angeklagter: "Es tut mir leid"

    Der Angeklagte wandte sich im Gerichtssaal erstmals direkt an den Ehemann der Getöteten: "Erich, es tut mir leid", sagte er. An die trauernden Söhnen gewandt sagte er: "Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen."

    Atemlos lauschten die Zuschauer – vorwiegend aus Erlabrunn - mit den Prozessbeteiligten den Worten. Tränen flossen, auch der Witwer musste schlucken und nickte nur stumm. Er hatte nicht nur seine Frau verloren. Seine Familie hatte sich im Winzerort auch heftigen Anfeindungen ausgesetzt gesehen, seit die Ermittlungen direkt auf den Fahrer des Streutraktors zielten. "Da wurden Opfer zu Tätern gemacht", zürnte Nebenklage-Anwalt Norman Jacob.

    Im Prozess hatten sich Zeugen, die den Angeklagten mit Schweigen oder Erinnerungslücken zu schützen versuchten, in Widersprüche verwickelt.Sie wurden teils heftig in die Mangel genommen. Einige knickten ein, einige brachten sich selbst in Schwierigkeiten. Handydaten waren gelöscht, Spuren am Traktor verwischt worden.

    Richterin: Weitere Beweisaufnahme könne "unappetitlich" werden

    Er sei "erleichtert, aber noch nicht zufrieden", sagte Witwer Erich K. nach der Verhandlung dieser Redaktion. Der Angeklagte habe "nur die halbe Wahrheit gesagt. Wir wollen die ganze Wahrheit hören".

    Staatsanwältin Martina Pfister Luz sagte: "Der Angeklagte ist über seinen Schatten gesprungen, das ist ihm gewiss nicht leicht gefallen." Doch ihr war die Erklärung ebenso zu vage wie der Vorsitzenden Susanne Krischker: Die Version, geglaubt zu haben, man sei über einen Gelben Sack gefahren, klinge nicht wie ein Geständnis, sondern eher wie ein Abstreiten. Es blende die Unfallflucht und die Mitwirkung anderer Personen völlig aus. "Ich will wissen: Wer war da und wer hat was gemacht. Es sind viele Frage offen", sagte sie. Eine weitere Beweisaufnahme mit den Bildern der Rechtsmedizin und anderen Fakten "wird unappetitlich" und belaste die Hinterbliebenen weiter, warnte sie.  Ein vollständiges Geständnis könnte seine einzige Chance auf eine Bewährungsstrafe sein.

    Ob sich der Angeklagte dazu durchringt, ist abzuwarten. Auf Anfrage der Redaktion äußerte er sich nicht. Das Gericht wird noch den Polizisten als Zeugen hören, der federführend die Ermittlung betrieb. Dann haben die beiden Gutachter das Wort. Mit einem Urteil wird noch vor Weihnachten gerechnet.

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