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    WÜRZBURG

    „Es gibt hier noch einiges zu tun“

    Die 25-jährige Studentin Kardelen Yasarul (BDAJ) wurde von der bayerischen Sozialministerin Emilia Müller für ihr herau... Foto: Nicolas Bettinger

    Kardelen Yasarul weiß, was Integration bedeutet. Die Tochter kurdischer Eltern hat Unterdrückung selbst miterlebt. In Würzburg will sie etwas bewegen. Die 25-Jährige engagiert sich seit Kindesjahren ehrenamtlich in ihrer Heimat Schweinfurt. Nach vier Jahren in Würzburg ist sie nun für ihre Tätigkeiten im Bezirksjugendring Unterfranken und dem Bund der alevitischen Studierenden Würzburg beim bayerischen Sozialtag geehrt worden.

    Frage: Sie studieren Medienmanagement, arbeiten als Kamerafrau und jobben in einem Restaurant. Wo bleibt da Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten?

    Kardelen Yasarul: Das frage ich mich auch. Es ist in letzter Zeit deutlich mehr geworden. Im Moment nimmt das Ehrenamt locker 30 bis 40 Prozent meiner Zeit in Anspruch. Das ist nicht einfach, wenn man nebenher an seiner Bachelorarbeit schreibt. Aber es ist mir einfach wichtig, mich zu engagieren.

    Was genau machen Sie ehrenamtlich?

    Yasarul: Ich selbst bin Alevitin und als Vorstandsvorsitzende im Bund der Alevitischen Studierenden Würzburg aktiv. Ich organisiere Treffen, wir sprechen über politische Themen, veranstalten Demonstrationen oder nehmen an anderen teil. Außerdem nehmen wir Bildungsmaßnahmen, Seminare und Ortsjugendtreffen unserer Gemeinden wahr. Das ist für mich natürlich mit viel Organisation verbunden. Manchmal unterhalten wir uns aber auch nur über unsere Religion und machen zusammen Musik. Meine Familie lebt in Schweinfurt, dort war ich schon mit zwölf Jahren im Bund der Alevitischen Jugendlichen aktiv.

    Wie kamen Sie zum Bezirksjugendring?

    Yasarul: Da bin ich über eine Freundin reingerutscht. Ich bin ein kooptiertes Mitglied des Vorstandes und vor allem für die internationale Jugendarbeit zuständig. Der Bezirksjugendring Unterfranken ist die Arbeitsgemeinschaft der Jugendorganisationen in Unterfranken. Bei uns schließen sich die Jugendverbände zusammen, die jeweils in mindestens fünf Stadt- und Kreisjugendringen vertreten sind.

    Woher kommt der Ansporn, sich in so großem Maße zu engagieren?

    Yasarul: Ich glaube, das ist in meiner Kultur und Familie verankert. Als Alevitin und Kurdin gehört man eben einer Minderheit in der Türkei an. Wir müssen miterleben, wie sich täglich unschuldige Menschen für ihre Herkunft, ihre Religion, ihre Sprache oder ihre Meinung rechtfertigen oder sogar sterben müssen. Bei so viel Unrecht denkt man sich irgendwann: Hier läuft etwas falsch, ich muss etwas tun. Die Menschen müssen solche Dinge erst mal mitbekommen, um danach auch zu lernen, wie man sie verhindern kann.

    Welche Form der Unterdrückung mussten Sie mit ansehen?

    Yasarul: Über das, was ich gesehen habe, kann und möchte ich nicht ausführlich sprechen. Ich habe aber Verwandte, die wegen angeblicher Anteilnahme an einer Terrororganisation im Gefängnis sitzen. Wenn in der Türkei etwas nicht passt, dann war es im Zweifelsfall Terror. Mein Onkel hat mir nach seinen Besuchen meiner Familienmitglieder im dortigen Gefängnis erzählt, was er gesehen hat. Da kommen dann Fragen auf: Warum diese gebrochenen Rippen? Warum der gebrochene Arm? Es geht um Menschen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Es geht um Menschenleben.

    Sie verkörpern das Alevitentum, eine islamische Glaubensrichtung. Wenn Sie sich mit den anderen Studierenden zusammenfinden, gibt es sicher genug Diskussionsstoff. Wie laufen solche Treffen ab?

    Yasarul: Wir sind 20 Mitglieder und veranstalten politische Diskussionsrunden, zum Beispiel in der Zeit des Putsches, oder als Can Dündar (türkischer Journalist) verhaftet wurde. Die Türkei ist oft Thema, weil auch wir Aleviten, Kurden und andere Minderheiten davon betroffen sind. Wir nehmen dann ein Thema, setzen uns zusammen und sprechen darüber. Wir fragen uns: Was können wir tun? Wie stehen wir dazu? Und wenn es nur ein Facebook-Post in Form einer Stellungnahme ist.

    Gibt es auch Meinungsunterschiede?

    Yasarul: Als der Amoklauf in Würzburg passierte, gab es eine interessante Diskussion, bei der es viele Meinungen gab. Da habe ich gemerkt, wie viel so etwas bringt. Hier ist es unsere Aufgabe, die eingebrannten Sichtweisen aufzulockern. Wenn Leute über den Würzburger Amokläufer sagen, er war Islamist, das war ein Terroranschlag, dann sage ich klar: Nein! Der Angriff hatte nichts mit dem Islam zu tun. Ich versuche klar zu machen, Dinge auseinander zu halten. Islam ist nicht gleich Terror.

    Wie schaffen Sie es, dabei sachlich zu differenzieren?

    Yasarul: Das was da passiert ist, war schrecklich, aber man muss anders an die Sache rangehen. Was mag er erlebt haben, dass er so etwas gemacht hat? Wie kann man Fluchtsuchende besser betreuen, um solche Attacken zu verhindern? Gab es eine psychische Betreuung, und wie kann man sie optimieren? Das sind Dinge, über die man sich unterhalten sollte, anstatt nach einer Verbindung zu einer Religion zu suchen, was sowieso nichts bringt. Bei solchen Themen teilen sich die Meinungen und da versuche ich zu sensibilisieren und zu helfen, die Dinge aus verschiedenen Sichtweisen zu betrachten.

    Sie sprechen von möglichen Fehlern des Staats, der Behörden und der Gesellschaft. Was läuft falsch?

    Yasarul: Man muss sich nur den Entwurf des neuen Integrationsgesetzes in Bayern anschauen. Das ist für mich kein Integrationsgesetz, sondern ein Ausgrenzungsgesetz, das den Menschen, die hierher flüchten, weitere Hürden stellt. Sie werden durch unerfüllbare Anforderungen abgewiesen und ausgegrenzt. Man muss verstehen, dass Integration ein Prozess sein muss, der von beiden Seiten ausgeht. Kein Flüchtling kann sich bedingungslos anpassen, wenn er nicht willkommen ist.

    Gibt es weitere Beispiele?

    Yasarul: Betrachten wir auch die Mauer, die jetzt in München-Neuperlach als Lärmschutz um eine Flüchtlingsunterkunft gebaut wurde. Ich verstehe nicht, wie man dagegen nichts unternehmen kann. Fluchtsuchende einmauern wie Menschen zweiter Klasse und gleichzeitig von Integration sprechen? Ich selbst würde an deren Stelle eher in eine Parallelgesellschaft flüchten, anstatt ein Teil der deutschen Gesellschaft zu werden. Da gäbe es für mich gar keine andere Möglichkeit.

    Für Ihr Engagement, gerade im interkulturellen Bereich, wurden Sie nun kürzlich beim bayerischen Sozialtag geehrt. Was bedeutet Ihnen diese Anerkennung?

    Yasarul: Ich habe mich natürlich sehr gefreut. Das ersetzt kein Geld der Welt. Als sich das bayerische Ministerium für Soziales bei mir gemeldet hat, dachte ich nur: Wieso, was habe ich getan? Es ist gut zu wissen, dass die Arbeit Anerkennung findet.

    Engagieren sich in Würzburg zu wenig junge Leute ehrenamtlich?

    Yasarul: Ich empfinde Würzburg als eine sehr aktive Stadt. Wenn ich an die Beteiligung an Anti-Pegida-Demonstrationen oder Ähnliches denke. Als ich eine Ersti-Messe für neue Studenten besuchte, war ich begeistert, wie viele Jugendorganisationen es gibt. Es gibt viele ehrenamtliche Helfer. Dennoch sollten sich gerade 16- oder 17-Jährige mehr engagieren. Das ist genau die Phase, in der man seine Meinung bilden kann.

    Sie sind bald mit dem Studium fertig. Was sind Ihre Pläne: Kehren Sie dann nach Schweinfurt zurück, bleiben Sie in Würzburg oder geht es gar ganz woanders hin?

    Yasarul: Diese Gedanken mache ich mir schon länger. Natürlich will ich mich nicht festlegen. Aber ich glaube, ich bleibe für meinen Master im Anschluss noch einige Zeit hier. Die Arbeit mit den alevitischen Verbänden möchte ich noch nicht zurücklassen. Es gibt hier für mich noch einiges zu tun.

    Nicolas Bettinger

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