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    VEITSHÖCHHEIM

    Ferienprogramm: Auf Entdeckungsreise im Heilkräutergarten

    Die neunjährige Sveva war von allem begeistert, auch davon, dass sie die Schwengelpumpe betätigen konnte. Foto: Dieter Gürz

    Einen nicht alltäglichen Ausflug unternahmen 39 Kinder, die auch in den Sommerferien den Inklusionshort der AWO an der Eichendorffschule besuchen. Ihr Weg führte am Mainufer entlang bis zum neuen Veitshöchheimer Heilkräuter-Bürgergarten hinter der Kläranlage. Dort wurden sie von Karin Kissel empfangen.

    Kaum zu glauben, dass alle 39 Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren und die zehn erwachsenen Begleiter im Garten einen gemütlichen Sitzplatz fanden.

    Mit dem Bürgergarten ging für Karin Kissel, die als Architektin früher Wohnhäuser plante, ein Lebenstraum in Erfüllung. Seit 2006 im Raum Würzburg ansässig, durfte sie im Kräutergarten der Franziskanerin Leandra Ulsamer im Kloster Oberzell vier Jahre mitarbeiten.

    Da sie im täglichen Leben immer wieder viele einsame Menschen antraf, kam ihr die Idee, gemeinsam mit interessierten Bürgern ein kleines Naturzuhause, einen Ort der Begegnung zu gestalten, der darüber hinaus auch nützlich, lehrreich und schön sein soll.

    Vor gut einem Jahr konnte die Gemeinde ihr den Garten am Main zur Neuverpachtung anbieten, von dem sie aufgrund seiner Lage und seines Zuschnitts sofort begeistert war, auch wenn er total verwildert und zugewachsen war.

    In mühevoller Arbeit gelang es der leidenschaftlichen Gartenliebhaberin zusammen mit ihrem Lebenspartner Georg Ewald und etlichen hilfsbereiten Bürgern, aus der Wildnis innerhalb eines Jahres ein Gartenparadies zu machen, das Duft verströmt und in seinen Farben leuchtet. Das erfreute und faszinierte sofort auch die Augen und Seelen der jungen Besucher nebst Betreuern.

    In der rechten hinteren Ecke befinden sich am Hang ein Steingarten, der langsam Gestalt annimmt. Davor ist zum südlichen Nachbarn hin der Gemüsebereich anzutreffen, wo es unter anderem Bohnen, Möhren, Spinat und Spitz-Kohl gibt.

    Hier wird nicht mit Chemie gearbeitet. Kissel: „Wir wollen, dass die Vögel, die Insekten und Bienchen kommen und auch wir gesund bleiben. Wir brauchen keine Chemie im Garten, sie macht uns nur krank.“ Direkt am Zaun stehen auch Himbeersträucher.

    Nach dem Motto „Pflanzensaft gibt Pflanzen Kraft“ wird im Bürgergarten viel mit Brennnessel- und Schachtelhalm-Jauche gegossen. Die Kinder konnten ihre Nasen in Eimer halten und die Jauchen schnuppern. Im hinteren Hangbereich zur Bahn hin wächst die Brennnessel reichlich. Was andere als Unkraut bezeichnen, ist für Kissel ganz wertvoll und wichtig. Für sie ist die Brennnessel eine heilige Pflanze, die sie auch als Tee nutzt.

    In der Mitte des Gartens befindet sich eine bunte Mischung aus verschiedenen Blumen, Rosen und Heilkräutern. Zum Main hin konnten die Kinder auf der nördlichen Gartenseite eine bunte Blumenwiese durchschreiten, die eigens für Schmetterlinge und Bienen angelegt wurde, was diese wahnsinnig angenommen hätten.

    Eigentliches Zentrum und Herzstück des Bürgergartens ist jedoch der Strabo-Garten. Hier entstand streng nach historischem Vorbild des Abtes und Arztes Walahfrid Strabo vom Kloster Reichenau aus dem 9. Jahrhundert nach altem Plan von der St. Gallener Klosterbibliothek nachgebaut ein Hortulus, ein Heilkräutergarten mit 24, mit je einer Holzumrahmung eingefassten Beeten.

    Die Liste der hier prächtig gediehenen Strabo-Heilkräuterpflanzen reicht von Schlafmohn, weißer Lilie, echtem Wermut, Andorn, Königswurz, Katzenminze, Schafgarbe, Odermennig über Heilziest, Eberraute, Flaschenkürbis, Melone, Salbei, Raute, Kerbel bis hin zu Sellerie, Liebstöckel und Fenchel.

    Während die Gemüsearten sich jedes Jahr gemäß Absprache in der Gruppe verändern, bleibe der individuell für jede Heilpflanze mit Holzerde, Kompost, Lehm und Sand aufgebaute Strabo immer unverändert. „In jedem Beet steht eine ganz besondere Heilpflanze, die etwa bei Bauchweh, Husten, Pickeln oder Verstopfung hilfreich sein kann“, erklärte Karin Kissel. Der Abt habe so vor über 1000 Jahren Menschen mit seinen Kräutern geheilt.

    Die Heilpflanzen-Expertin scharte dann die Kinder im Strabo-Garten um sich, um ihnen die Bedeutung der Heilkräuter zu vermitteln, die als Tee oder in Wasser, Wein oder Alkohol gelegt, unheimliche Kraft hätten. Sie schnitt einige ausgewählte Heil-Pflanzen wie Minze, Fenchel, Liebstöckel, Kerbel, Salbei und Zitronenmelisse ab und gab sie reihum an die Kinder weiter.

    Den jungen Besuchern machte es sichtlich Spaß, den Duft und Geschmack der ausgewählten Heilpflanzen zu probieren. Sie waren eifrig bei der Sache und befolgten auch diszipliniert die Bitte, nicht auf die Beete zu gehen und nicht selbst Pflanzen zu pflücken.

    Mit großem Glück wachsen im Bürgergarten auch essbare Kalebassen (kürbisartige Gewächse), von den Kindern bewundert, denn im Hort werden sie getrocknet als Percussion-Instrumente genutzt.

    Nach dem Strabo-Durchgang gab es eine kleine Pause zur freien Verfügung. Diese nutzten viele Kinder wie Sveva und Antwone zum Gießen und Wasser pumpen.

    In der Zwischenzeit schnitten die Betreuerinnen die geernteten Heilkräuter fein. Die feingeschnittenen Kräuter wurden dann in die vorbereitete Quark–Frischkäse-Yoghurt-Creme gegeben. Diese Mischung schmeckte dann allen auf den Franzosenbrotschnitten köstlich.

    Gleichzeitig bereitete Georg Ewald am Grill die Bratwürste. Mit dem gemeinsamen Essen und mit Gesprächen endete dann nach zwei Stunden Aufenthalt für alle ein ungewöhnlicher Gartenbesuch.

    Auch Kalebassen gedeihen im Bürgergarten. Im Hort werden sie getrocknet als Percussion-Instrumente genutzt. Foto: Dieter Gürz
    Wie man Kräuterquark zubereitet, lernten die Kinder am Nachmittag im Kräutergarten auch. Foto: Dieter Gürz
    Die Heilpflanzen-Expertin Karin Kissel scharte die AWO-Schulhort-Kinder im Strabo-Garten um sich, um ihnen die Bedeutung der Heilkräuter zu vermitteln. Foto: Dieter Gürz

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