• aktualisiert:

    MARGETSHÖCHHEIM

    Flüchtlingsprotest überrascht Gastgeber

    Alle packen an: Die Bürgermeister Waldemar Brohm und Björn Jungbauer helfen einer afghanischen Familie bei der Ankunft. Foto: Gideon Zoryiku

    Alles war vorbereitet worden. Die Notunterkunft in der Turnhalle wurde innerhalb von zwei Stunden eingerichtet, in der Eingangshalle hängen Schilder mit der Aufschrift „Herzlich Willkommen“ in verschiedenen Sprachen. Jetzt können die Flüchtlinge eintreffen. Sie kamen dann auch. Dabei probte ein Teil von ihnen einen Aufstand, der friedlich verlief aber die Verantwortlichen des Landkreisamts Würzburg und der Gemeinde völlig überraschte.

    Samstagvormittag in der Friedenstraße in Margetshöchheim: 23 Flüchtlinge aus der aufgelösten Kirchheimer Notunterkunft werden erwartet. Kurz nach zehn Uhr kommt der Bus, begleitet vom Kirchheimer Bürgermeister Björn Jungbauer, am Ziel an. Die Asylbewerber werden von Margetshöchheims Bürgermeister Waldemar Brohm begrüßt und willkommen geheißen. Die beiden Bürgermeister helfen einer afghanischen Familie, ihre Koffer in die Notunterkunft zu tragen. Es herrscht gute Stimmung.

    Was dann folgt, verwundert und verärgert einige Verantwortliche. Ein Großteil der Flüchtlinge stellt das Gepäck auf dem Bürgersteig unterhalb der Turnhalle der Verbandsschule ab und ist nicht gewillt, sich in die Notunterkunft zu begeben. Die 14 Flüchtlinge verharren auf dem Bürgersteig. Sie kritisieren, dass sie immer noch keine Papiere bekommen hätten und jetzt wieder in einer Notunterkunft ohne Privatsphäre untergebracht würden, während andere Flüchtlinge, die nach ihnen angekommen seien, entsprechende Unterlagen bereits erhalten hätten. Das sei „ungerecht und nicht fair“.

    Lesen Sie dazu auch den Kommentar unseres Autors Gideon Zoryiku: Verständlich, aber der falsche Weg

    Trotz zahlreicher Beschwichtigungsversuche der beiden Bürgermeister und des zuständigen Sachbearbeiters im Landratsamt, Paul Justice, ließen sich die Syrer nicht dazu bewegen, in die Notunterkunft einzuziehen. Sie bestanden auf einer sofortigen Bearbeitung ihrer Asylanträge und wollten in Häusern untergebracht werden. Bürgermeister Brohm reagierte verärgert und fürchtete, die wochenlange und transparente Arbeit in der Bevölkerung werde zunichte gemacht. Sein Kollege Jungbauer hält die Vorgehensweise der Flüchtlinge für den falschen Weg, obwohl er ihren Frust nachvollziehen kann. Erst gegen 20.30 Uhr gelang es Bürgermeister Brohm, die im Freien kampierenden Flüchtlinge zum Einlenken zu bewegen. Er sagte ihnen zu, dass am Montag mit der Bearbeitung ihrer Anträge begonnen werde.

    Wie der Bürgermeister die rund 150 Bürger bei einer Veranstaltung in der Notunterkunft am Freitagabend informierte, werden neben den 23 Asylbewerbern aus Kirchheim weitere Flüchtlinge, auch aus Rimpar erwartet.  Die Unterkunft ist auf 100 Plätze ausgerichtet. Wegen der Lage an der ungarischen Grenze wurde die Ausstattung bereits am Samstag auf 125 Plätze hochgefahren.

    Wie notwendig das war zeigte sich am Sonntag. Wie das Landratsamt mitteilte, wurde am Abend ein Bus mit 50 Flüchtlingen aus München in Margetshöchheim erwartet. Dort sollten sie noch am Abend von Mitarbeitern des Gesundheitsamtes dem vorgeschriebenen medizinischen Screening unterzogen werden. Die Hilfsorganisationen und die Freiwillige Feuerwehr Margetshöchheim organisieren laut dem Landratsamt die Aufnahme der Flüchtlinge und sorgen für eine warme Abendmahlzeit.

    „Die Regierung von Unterfranken wird ein Aufnahmeteam nach Margetshöchheim entsenden, um die Registrierung vor Ort durchzuführen.“ Auch die Polizeiinspektion Würzburg-Land sei in den Organisationsstab integriert und leiste die notwendige Unterstützung.

    Das Problem der Sanitäreinrichtungen konnte gelöst werden. Es wurden in der Halle Dusch- und Toilettencontainer aufgestellt. Das Besorgen ist nicht einfach, solche Container gibt es auf Markt fast nicht mehr, sagt Bürgermeister Brohm. Außerdem seien die Preise für die Aufrüstung (Container und Feldbetten) um 30 bis 50 Prozent gestiegen, ergänzte Stefan Dietz, Leiter des Krisenstabs beim Bayerischen Roten Kreuz.

    Die Notunterkünfte im Landkreis würden von Mal zu Mal besser, sagte Justice. In Margetshöchheim gibt es nach seinen Angaben einige Neuerungen: So werde auf Mehrweggeschirr umgestellt und zum Frühstück gebe es statt der verpackten Essensration ein Frühstücksbüfett.

    Die Schulturnhalle soll spätestens bis zum 1. November wieder geräumt sein. Bis dahin können die 270 Schüler der Verbandsschule die Halle nicht nutzen. Rektorin Marion Reuther kündigte an, sie werde zum Schulbeginn eine Abordnung zu den Flüchtlingen schicken und sie später in die Klassen einladen, um darüber zu berichten, warum sie gekommen sind.

    Stellvertretende Landrätin Christine Haupt-Kreutzer dankte allen Hilfsorganisationen – Maltesern, Johannitern und Rotes Kreuz sowie der Freiwilligen Feuerwehr Margetshöchheim – für ihren Einsatz. Auch zahlreiche ehrenamtlich tätige Bürger waren bereits Samstag vor Ort.

    Friedlicher Protest: 14 Syrer verharren auf dem Bürgersteig und wollen ihre Asylanträge sofort erledigt haben.
    Großes Interesse: Rund 150 Bürger informieren sich über die Notunterkunft und wie sie helfen können.

    Gideon Zoryiku

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (16)

      Kommentar Verfassen

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!