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    Flugreisen: Was der Preis für mein schlechtes Gewissen ist

    "Wer nicht kompensiert, fährt schwarz auf Kosten des Klimas": Passagiere können mit Zahlungen an Umweltprojekte den Schaden ausgleichen, den sie mit ihrem Flug anrichten.
    Nur ein paar Striche am Himmel? Zu Spitzenzeiten bewegen sich bis zu 20000 Flieger in der Atmosphäre und hinterlassen einen klimawirksamen Schleier aus Kondensstreifen. Das Foto ist allerdings inszeniert. Foto: Helin Loik-Tomson

    Die Beruhigung meines schlechten Gewissens hat einen Preis. 84 Euro! Wenn ich diesen Betrag in ein Umweltprojekt stecke, kann ich den Schaden ausgleichen, den ich im Februar mit meiner Flugreise nach Kanada verursachen werde. Das verspricht mir "Atmosfair", eine von zahlreichen Non-Profit-Organisationen, die entsprechende Umweltprojekte in aller Welt durchführen.  Maßstab für den Schaden vor allem der klimarelevante Ausstoß von Kohlenstoffdioxid (CO2). Für die Wiedergutmachung hat sich der Begriff "Kompensation" eingebürgert. Kompensation beruht auf der Vorstellung, dass es für das Weltklima nicht entscheidend ist, an welcher Stelle Treibhausgase ausgestoßen oder vermieden werden.

    Faule Ausrede: Der Flieger geht sowieso

    Rein in den Flieger und weg? Die Unbeschwertheit früherer Jahre ist bei mir verflogen.  Mir ist bewusst, woran auch das Umweltbundesamt keinen Zweifel lässt: "Fliegen ist die klimaschädlichste Art, sich fortzubewegen." Eine realistische Alternative zum Flugzeug habe ich nicht, will ich meinen ältesten Sohn wiedersehen, der in Montreal studiert. Aus dem inneren Konflikt befreit mich auch die beliebteste aller Ausreden nicht: "Der Flieger geht sowieso, ob ich dabei bin oder nicht."

    Denn die Emissionen jeder Flugreise lassen sich auf jeden Passagier umrechnen, wenn auch nur im Überschlag. Um zu wissen, welchen ökologischen Fußabdruck die eigene Flugreise hinterlässt, genügt der Besuch der Internetseite eines Kompensationsanbieters wie Atmosfair, Klima-Kollekte, Primaklima oder Myclimate. Abflug- und Zielflughafen eingeben, schon weiß ich, welcher Co2-Ausstoß auf mich entfällt. Und ich erhalte eine Empfehlung für meine Kompensationszahlung. Sogar die Lufthansa ermöglicht mir, auf ihrer eigenen Plattform "Compensaid" (zusammen mit SWISS) finanzielle Abbitte für meinen Flug zu leisten, selbst wenn ich gar keiner Maschine mit dem Kranich nutze.

    Beweisstück Nummer Eins: Ich habe meine bevorstehende Flugreise nach Kanada kompensiert. Dafür hat mir Myclimate dieses Zertfikat für den Hinflug ausgestellt. Foto: Martin Sage

    Emissionen und Preise: Sehr unterschiedliche Ergebnisse

    Es wird oft kritisiert, dass die Anbieter sehr unterschiedliche Berechnungsverfahren anwenden, ergo zu weit auseinanderklaffenden Emissionswerten und damit Preisen kommen. Ich versuche es mit Myclimate. Die 11700 Kilometer Hin-und Rückflug von Frankfurt nach Montreal, Economy Class, schlagen hier mit einer CO2-Menge von 1,9 Tonnen zu Buche; mir wird eine Kompensation von 42 Euro ans Herz gelegt.  Atmosfair lässt mir die Auswahl zwischen mehreren konkreten und der "durchschnittlichen Airline", wodurch die Bandbreite der Klimawirkung von 2,6 Tonnen bis 3,6 Tonnen und die Kompensationsbeträge von 60 Euro (Lufthansa) bis zu den eingangs genannten 84 Euro reichen. Die werden bei Air Canada "fällig", wo ich meine Tickets gekauft habe.

    Eine einzige Flugreise verhagelt die Ökobilanz

    Schon öfter habe ich das Argument gehört, dass das mit den Ausgleichszahlungen keinen Sinn macht bei diesen Abweichungen. Das lasse ich nicht gelten: Es geht um die Dimension: Laut Weltklimarat dürfen die Pro-Kopf-Emissionen jedes Erdenbürgers nicht mehr als zwei Tonnen CO2 pro Jahr betragen, will die Menschheit den Klimawandel aufhalten. Kritischere Stimmen sagen 0,6 Tonnen. Der globale Durchschnitt liegt bei 4,8 Tonnen, der deutsche je nach Quelle zwischen 9 und 11 Tonnen. Jede Flugreise bedeutet da eine dramatische Verschlechterung der persönlichen Bilanz, ob sie nun mit 1,9 Tonnen oder 2,6 Tonnen CO2 belastet ist. Kai Landwehr, Pressesprecher von Myclimate, fasst es zusammen: "Sie können das ganze Jahr über sehr bewusst leben, mit einem Langstreckenflug haben Sie aber Ihren persönlichen CO2-Fußabdruck deutlich verschlechtert."

    Beim Fliegen: Nicht nur CO2 ist problematisch

    Zumal das mit dem CO2 beim Fliegen beileibe nicht alles ist. Beim Verbrennen von Kerosin entstehen auch Stickoxide, Rußpartikel, Wasserdampf,  erklärt mir der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Noch sei nicht hinreichend erforscht, was diese Stoffe in der höheren Troposphäre bewirken. Eines aber gilt als sicher: Flieger bewegen sich in Reiseflughöhen von 8000 bis 12000 Metern. Hier ist die Luftfeuchtigkeit bei Temperaturen bis zu minus 50 Grad  extrem hoch, doch für natürliche Wolkenbildung fehlen die Kondensationskeime. Das ändern Partikel aus den Flugzeugturbinen. Sie lassen Cirruswolken und das Symbol des Flugverkehrs schlechthin entstehen: Kondensstreifen. Sie stehen im Verdacht, den Treibhauseffekt zu verstärken. Es sind eben nicht nur ein paar Striche am Himmel. In Spitzenzeiten bewegen sich heute 20 000 Flugzeuge gleichzeitig in der Luft, mancher Tag zählt weltweit 200 000 Flüge. 

    Kompensieren nur als zweitbeste Möglichkeit

    Da ist klar, dass "Kompensieren nur die zweitbeste Möglichkeit nach Vermeiden und Reduzieren ist", wie Dietrich Brockhagen, Executive Director von Atmosfair, feststellt. Ausgleichsleistungen seien nur sinnvoll, wo Produkte nicht klimaverträglich sind, es aber werden können. Kompensation diene der Überbrückung, bis solche klimafreundlichen Alternativen verfügbar seien. Bei Langstreckenflügen gelten nachhaltige alternative Treibstoffe als vielversprechende Option.

    Die Vermutung, dass betuchte Vielflieger einstweilen einen Ablasshandel für ihre Umweltsünden betreiben, bestätige ich nicht, höre ich von Myclimate. "Leute, die kompensieren, achten auch sonst in ihrem Leben sehr stark auf ein ökologisches und möglichst klimafreundliches Verhalten." Fluggäste, denen das Thema gleichgültig sei, kompensierten auch nicht.

    Michaela Thurau, Head of Business Developement von Atmosfair, hat dazu eine klare Meinung: "Wer einen unvermeidbaren Flug nicht kompensiert, fährt schwarz auf Kosten des Klimas". Das will ich mir nicht nachsagen lassen in Zeiten des Klimawandels. Allein die Frage, wohin mein Ausgleichszahlung fließen soll, entpuppt sich angesichts der vielen Anbieter und der Fülle an Projekten als schwierig. Das Umweltbundesamt rät mir zu Organisationen mit einem ganzheitlichen Blick auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit, die transparent darstellen, welche Projekte sie unter welchen Standards durchführen und die eine unabhängige Prüfung zulassen.

    Beweisstück Nummer Zwei: Auch mein Rückflug ist kompensiert, diesmal von Atmosfair. Dass je nach Anbieter die Berechnungen für den CO2-Ausstoß und damit für meine Zahlungen abweichen, ist mir egal. Foto: Martin Sage

    Meine Entscheidung: Zwei Anbieter, zwei Zertifikate

    Ich entscheide mich schließlich für die Kompensation meines Hinflugs über Myclimate im Wert von 27 Euro plus automatischer Spende von 6 Euro. "Ihre Emissionen werden zu Teilen in einem Hochmoorprojekt in Schleswig-Holstein kompensiert"- das hatte ich konkret ausgewählt - "und zu Teilen in einem Aufforstungsprojekt in Nicaragua", heißt es auf dem Zertifikat. Beides gefällt mir. Moore wie Wälder sind wichtige CO2-Senken.

    Die Umweltsünde des Rückflugs mache ich über Atmosfair wett, die Projektauswahl stelle ich frei. Das Zertifikat kündigt an, dass die 42 Euro unter anderem in effiziente Kochsysteme für Familien in Nigeria fließen, in Stromerzeugung aus Senf-Ernteresten in Indien und in den Bau von Biogasanlagen für Haushalte in Kenia. Auch das gefällt mir, weil Klimaschutz ohne Kampf gegen Armut und für soziale Gerechtigkeit unmöglich erscheint.

    Zwei Zertifikate, das war's. Letzten Endes kann ich nicht überprüfen, inwieweit mein Geld seine Bestimmung erfüllt. Aber auch das ist für mich kein Grund gegen die Kompensation, dank derer ich nun viel unbeschwerter zu meinem Sohn aufbrechen werde.

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