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    Würzburg

    Forderung: Kein privates Silvester-Böllern in Würzburg mehr?

    Silvesterfeuerwerk in Würzburg: Geht es nach der Deutschen Umwelthilfe, könnte dieses Motiv bald historisch sein.  Foto: Silvia Gralla

    Ob man an Silvester wirklich unbedingt Raketen in die Luft jagen oder Feuerwerksbatterien zünden muss – diese Frage taucht regelmäßig kurz vor dem Jahreswechsel auf. Wurde früher vor allem appelliert, das Geld statt ins Feuerwerk lieber in die Bekämpfung des Hungers zu investieren ("Brot statt Böller"), stehen seit einigen Jahren verstärkt Umwelt- und Gesundheitsaspekte im Vordergrund. Denn mit dem privaten Feuerwerk wird eben nicht nur viel Lärm gemacht, sondern auch Feinstaub produziert. 

    Geht es nach der Deutschen Umwelthilfe (DUH), soll deshalb schon ab diesem Jahr in 31 deutschen Städten die private Silvesterböllerei entweder ganz verboten oder zumindest beschränkt werden. Eine dieser Städte ist Würzburg. Der Grund: Ebenso wie die 30 anderen Städte, darunter Stuttgart, Berlin, München und Regensburg, liegt auch Würzburg über dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Feinstaub-Jahresmittelwert von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter. Für Würzburg nennt die DUH einen Mittelwert von 22 Mikrogramm, denselben Wert gibt die DUH auch für Kiel, Hannover und Oldenburg an. Der in der EU erlaubte Grenzwert liegt allerdings deutlich höher, nämlich bei 40 Mikrogramm, pro Jahr sind zudem maximal 35 Überschreitungen auf bis zu 50 Mikrogramm möglich. 

    Online-Petition gegen privates Silvesterböllern hat über 100 000 Unterzeichner

    „Viele hunderttausend Menschen mit Atemwegserkrankungen, wie beispielsweise schwerem Asthma, flüchten zum Jahreswechsel aus ihren Wohnungen oder müssen sich dort regelrecht luftdicht verbarrikadieren", heißt es in der Pressemitteilung der DUH, die auf eine Online-Petition zum Verbot privater Feuerwerke verweist, die bereits von mehr als 100 000 Menschen unterzeichnet wurde. Ein Böller-Ende in den 31 Städten soll nach Auffassung des Vereins nur ein erster Schritt sein. Mit dem Deutschen Städtetag wolle man 21. August über ein "möglichst flächendeckendes Ende der privaten Silvester-Böllerei" verhandeln. Die DUH befürworte dagegen "ausdrücklich die Durchführung professionell und zentral organisierter, vor allem die Luftqualität nicht beeinträchtigender Silvester-Feuerwerke außerhalb der belasteten Innenstadtbereiche".

    "Der 1. Januar ist immer ein Tag der Überschreitung."
    Umweltreferent Wolfgang Kleiner über Grenzwerte

    Steffen Jodl, Kreis-Geschäftsführer des Bund Naturschutz, stimmt dem Ziel des DUH-Vorstoßes zu. "Wegen ihrer Kessellage ist die Stadt Würzburg besonders betroffen, da würde ich mich freuen, wenn wir die Feinstaubbelastung in der Silvesternacht reduzieren könnten", so Jodl gegenüber dieser Redaktion. Schließlich müsse man an die Menschen denken, die in der Stadt leben. Allerdings sei es wichtig, in Sachen Feinstaub "an allen Stellschrauben zu drehen" und dauerhaft das Feinstaubaufkommen aus dem Straßenverkehr zu reduzieren. 

    Umweltreferent sieht rechtliche Hürden gegen Verbot

    Würzburgs Umweltreferent Wolfgang Kleiner bestätigt, dass die Stadt zum Jahreswechsel eine massive Feinstaubbelastung aufweist: "Der 1. Januar ist immer ein Tag der Überschreitung. Zwischen null und ein Uhr messen wir zwischen 500 und 1000 Mikrogramm pro Kubikmeter." Für ein grundsätzliches Verbot privater Silvesterfeuerwerke sieht Kleiner allerdings "keinen rechtlichen Aufhänger", denn der Gesetzgeber lasse solche Feuerwerke in Deutschland ja grundsätzlich zu. Verbote seien somit Eingriffe in den Freiheitsbereich der Menschen und müssten gut begründet sein – wie zum Beispiel in der Silvesternacht beim Verbot von Feuerwerkskörpern und Glasflaschen im Bereich zwischen Dom und Alter Mainbrücke: "Hier geht es um die Sicherheit der feiernden Menschen." Was die möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen anbelangt, so habe der Gesetzgeber auf Bundesebene bereits eine Abwägung vorgenommen – und die Feuerwerke grundsätzlich erlaubt. 

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    Gerade mit Blick auf den Schutz der Gesundheit sei ein Verzicht oder eine starke Einschränkung von Feuerwerken aber sinnvoll, das meint Prof. Dr. Hans Drexler, der den Lehrstuhl für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Universität Erlangen innehat. "Die Kurzzeiteffekte, die man damit erzielen kann, sind durchaus von Bedeutung", so Drexler gegenüber der Redaktion. Untersuchungen belegten, dass es gerade an Tagen mit hoher Feinstaubbelastung beispielsweise mehr Herzinfarkte gebe. "Die akuten Effekte sind also da", so Drexler. Im Gegenzug habe sich gezeigt, dass mit dem Rauchverbot in Gaststätten die Zahl der Herzinfarkt-Toten um 20 Prozent gesunken sei. "Ich bin  keine Spaßbremse, aber aus medizinischer Sicht kann ich den Antrag der Umwelthilfe nur befürworten". Zumal bisher nicht belegt sei, dass die Zusammensetzung des Feinstaubs aus Feuerwerkskörpern unbedenklicher ist als die aus anderen Quellen, zum Beispiel dem Straßenverkehr.

    Pyrotechnik-Verband wirft DUH Täuschung und Angstmache vor

    Genau davon allerdings geht der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) aus. "Anders als beispielsweise bei Verbrennungsmotoren, ist der Feinstaub aus Feuerwerkskörpern aufgrund seiner Eigenschaften wesentlich unbedenklicher. Partikel aus Feuerwerk sind wasserlöslich beziehungsweise wasseranziehend und verschwinden daher sehr schnell nach der Immission wieder aus der Luft", sagt VPI-Sprecher Fritz Keller laut einer Pressemitteilung des Verbandes. Dass die DUH die Grenzwert-Empfehlung der WHO und nicht die Grenzwerte der EU zur Grundlage ihres Vorstoßes macht, betrachtet der VPI zudem als Versuch, "die Bürger zu täuschen und zu ängstigen". 

    Im Würzburger Rathaus will man die Forderung der Umwelthilfe indes nicht einfach zu den Akten legen. "Auf den ersten Blick sehe ich zwar keine neuen Erkenntnisse", so Umweltreferent Kleiner, "aber wir nehmen das ernst." Der Vorstoß werde nun rechtlich bewertet, bei Bedarf wolle man auch die Stadtratsgremien informieren. Eine Antwort aus Würzburg soll die DUH in jedem Fall erhalten. Aus fachlicher Sicht unterstützt Kleiner das Vorhaben: "Das wäre sicher ein guter Beitrag zur Reinhaltung der Luft." Er selbst brenne schon seit vielen Jahren an Silvester kein Feuerwerk mehr ab.

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