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    MARGETSHÖCHHEIM

    Frau Rüdingers ganz eigene Pflegereform

    Elisabeth Rüdinger genießt ihren Ruhestand im eigenen Garten. Sie war 22 Jahre lang Pflegedirektorin am Uniklinkum Würzb... Foto: Patty Varasano

    Elisabeth Rüdinger ist gerade von einer ihrer vielen Reisen zurück. Rechtzeitig zum 70. Geburtstag, den sie an diesem Samstag feiert. Den Winter über war sie in Indien. In Gebieten, in denen sonst keine Touristen unterwegs sind. Zusammen mit ihrem Mann, der zehn Jahre älter ist, reist sie gerne auf eigene Faust nach Asien oder in den Vorderen Orient. Beide lieben die Landschaft, die Kultur und die Menschen. Und sie erzählt gerne über ihre Abenteuer.

    Wenn Elisabeth Rüdinger in fernen Ländern unterwegs ist, dann muss sie berufsbedingt auch immer einen Blick in die Krankenhäuser werfen, um eine Ahnung von den Pflegebedingungen und der Gesundheitsversorgung zu bekommen. Ihre Neugier kommt nicht von ungefähr. Elisabeth Rüdinger war 22 Jahre lang Pflegedirektorin des Uniklinikums Würzburg.

    Neue Klinik in Aschaffenburg aufgebaut

    Elisabeth Rüdinger ist gerade mal 14 Jahre alt, als sie anfing, im Miltenberger Krankenhaus mitzuhelfen. Jeden zweiten Sonntag leistete sie ihren freiwilligen Sonntagsdienst. „Ich war geschickt“, blickt sie 56 Jahre später auf ihre Zeit am Krankenbett zurück. Deswegen hat sie auch eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen. Lehrerin wäre der zweite Berufswunsch gewesen.

    Bei Krankenschwester sollte es nicht bleiben. In Mainz bildet sich das junge Mädchen fort, wird Fachschwester für Anästhesie und Intensivpflege, übernimmt die Stationsleitung einer Intensivstation, baut eine zweite mit auf und schließt eine weitere Ausbildung zur Pflegedienstleitung ab. Danach wechselt sie nach Aschaffenburg, übernimmt die zentrale Pflegedienstleitung und baut dort eine neue Klinik mit auf. 1989 schließlich wird sie Pflegedirektorin am Uniklinikum in Würzburg und damit Chefin aller Krankenpfleger und Krankenschwestern.

    Streng in der Sache, nicht im Wesen

    Am Krankenbett arbeitet Elisabeth Rüdinger dann nicht mehr. Ihr Patient heißt fortan Klinik- und Hochschulpolitik. „Was die Patientenversorgung betraf, war das Uniklinikum damals gut dabei“, erzählt sie. Doch Strukturen fehlten. „Da war Würzburg hintendran.“ Elisabeth Rüdinger hatte ihre genauen Vorstellungen von Qualitätssicherung und Ablauforganisation. Dann ballt sie ihre Finger zu einer Faust zusammen, hebt den Arm und sagt: „Ich wollte in Würzburg die beste Patientenversorgung in Bayern“. Und was ist mit dem Personal? „Ich war schon streng“, gibt Elisabeth Rüdinger zu. „Aber immer streng in der Sache, nicht im Wesen.“

    Das mag vielleicht auch an ihrer sozialdemokratischen Einstellung liegen. Wie viele ist auch Elisabeth Rüdinger wegen Willy Brandts Ostpolitik in die SPD eingetreten. Politikerin aber wollte sie nie sein, obwohl sie als Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Gesundheit Politik gestalten durfte. Noch heute ist in vielen Gremien ihr Rat gefragt. 2016 bekommt sie für ihren Einsatz für die Pflege und bessere Pflegestandards das Bundesverdienstkreuz.

    Niemand traut sich an Rüdingers Pflegereform

    Und was gehört zu einer exzellenten Patientenversorgung? „Dass der Patient als Person wahrgenommen wird“, sagt sie und weiß, dass „dies manchmal ein bisschen schwierig war“. Vor allem in Zeiten, in denen die Ökonomie eine große Rollte gespielt habe. Darunter würden auch viele Pflegekräfte leiden. Nicht mehr am Bett des Patienten sitzen zu können, ihm nicht mehr die Hand halten zu könnten, beschäftige vieler ihrer Kollegen. „Wenn sie über Jahre hinweg nach Hause gehen, wohlwissend, es wieder nicht geschafft zu haben, dann brennen sie aus.“

    Pflegenotstand kennt Elisabeth Rüdinger Zeit ihres Berufslebens. Das sei früher nicht besser oder schlechter gewesen als heute. Dass die Regierungskoalition nun so schnell wie möglich neue Stellen in der Pflege schaffen möchte, ist für Elisabeth Rüdinger nicht die Lösung des Problems. „Nur eine grundlegende Reform würde die Situation verbessern“, sagt sie. Seit 30 Jahren ist es ihr Anliegen, Studiengänge in der Pflege zu bekommen. „Für diesen Vorschlag habe ich auch viel Prügel einstecken müssen.“

    Konkret möchte Elisabeth Rüdinger spezialisierte Pflegekräfte haben, die an einer Hochschule gut ausgebildet werden und nicht mehr den Status eines Heil- und Hilfsberufes haben. Vielmehr sollen diese Pflegekräfte selbst weisungsbefugt sein, nicht mehr der Arzt. Auf der zweiten Ebene stellt sich Elisabeth Rüdinger gut ausgebildete Pflegekräfte vor, die von Hilfskräften unterstützt werden.

    Wer pflegt die immer älter werdende Bevölkerung?

    Aber sie weiß auch, dass sich „an diese heiße Kiste einer Pflegereform“ niemand traut. Vor allem von ärztlicher Seite gebe es viele Ängste, weil – so vermutet sie – kaum jemand etwas abgeben möchte.

    Und genau das macht ihr Angst. Wenn sie sieht, dass die Bevölkerung immer älter wird und viele im Alter versorgt und gepflegt werden müssen, vielleicht gar von Fachfremden, sieht Elisabeth Rüdinger viele Probleme auf die Gesellschaft zukommen. Sie persönlich würde am liebsten gerne zuhause bleiben und Hilfe durch einen ambulanten Pflegedienst bekommen. Noch ist sie fit, schafft die vielen Treppen zum und im Haus. Aber was, wenn sie doch zum Pflegefall wird? Dann möchte sie am liebsten in ihrem Wohnort Margetshöchheim bleiben. Vielleicht betreut wohnen.

    Aber das klammert Elisabeth Rüdinger an ihrem 70. Geburtstag erst einmal aus. Viel lieber spricht sie über ihre Reisen. Viele hat sie schon unternommen, viele will sie noch unternehmen.

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