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    WÜRZBURG / LANGENPROZELTEN

    Aus Freude über Essen schreiben

    Jetzt muss ich noch einen Granatapfel finden“, sagt Noëmi Knötgen und wirft einen Blick über die Stände. Fenchel und Spinat hat sie am Markt am Vierröhrenbrunnen in Würzburg schon gekauft. Linsen hat sie noch daheim – „Le-Puy-Linsen müssen das sein“, präzisiert sie. Was sie aus diesen Zutaten kochen wird? „Das kann man ab Sonntag oder Montag lesen, noch weiß ich das nicht genau.“

    Die 47-jährige Würzburgerin ist eine sogenannte Foodbloggerin. Seit fast zehn Jahren schon schreibt sie im Internet über das, was sie kocht. Weit über 1000 Rezeptideen hat sie in dieser Zeit in ihrem „Sammelhamster-Blog“ veröffentlicht.

    Seit das Phänomen der Weblogs im Internet auftauchte, gibt es Foodblogs. Knötgen gehört zu der ersten Generation der kulinarischen Online-Publizisten. „Am Anfang habe ich das eigentlich nur für mich gemacht“, sagt sie. Einfach um zu sehen, was sie gekocht hat – oder sonst so gemacht hat. „Das Blog war die ersten Monate eher ein Tagebuch mit ganz vermischten Themen.“

    Dass ihre Rezepte wirklich jemand liest, damit hat Knötgen gar nicht gerechnet. Damals hat sie selbst auch kaum Foodblogs gelesen. Um so größer war ihre Überraschung, als die ersten Kommentare zu den Rezeptideen im Blog abgegeben wurden. Und eben nicht von Freunden oder Verwandten, sondern von fremden Lesern aus ganz Deutschland – und von anderen Foodbloggern.

    Die goldene Zeit der Foddblogger

    Denn die Szene war damals schon groß und gut vernetzt. Und das fast ohne große soziale Netzwerke. Facebook hatte im Jahr 2007, als Noémi Knötgen das Bloggen begann, nicht einmal eine Millionen Nutzer in Deutschland, heute sind es etwa 30 Millionen. Es war das goldene Zeitalter der Foodblogs. Die Freunde des Essens und Kochens haben sich in ihren Blogs eine virtuelle Heimat gebaut. Man kannte sich oder lernte sich schnell kennen und traf sich auch gerne mal persönlich. „Es ging in unseren Blogs nicht nur um Rezepte, es ging auch um die Menschen dahinter und ihr Leben.“

    2011, zur silbernen Zeit der Foodblogs, stieß Werner Danz zu der Szene. Der Langenprozeltener stellte seine Rezepte im Internet vor – ursprünglich aber als Podcast zum Anhören. Das Blog „Cucina e piu“ (italienische für „Küche und mehr“) diente zuerst vor allem dazu, dort den Podcast herunterladen zu können und für Begleittexte und -bilder. Doch die Produktion der Sendungen war dem Langenprozeltener (Lkr. Main-Spessart) schnell zu aufwändig und nach neun Folgen schrieb und fotografierte er nur noch für sein Foodblog.

    Recht schnell entwickelte er sich zu einem relativ bekannten Blogger. Auch weil er seinen Schwerpunkt in einer Nische der Hobbyköche hatte – dem Brotbacken. Seit 15 Jahren schon backt Danz Brot. „Ich habe das damals in einer Hobbythek-Sendung mit Jean Pütz gesehen“, sagt der 55-Jährige. In der ersten Zeit hat er „vor sich hingebacken“. Bis er einen Kurs bei Gerhard „Ketex“ Kellner in Nordrhein-Westfalen besuchte, ebenfalls Foodblogger und eine Koryphäe auf dem Gebiet des Brotbackens.

    Das Mehl ist wie Wein ein Naturprodukt

    Seitdem stieg Danz immer tiefer in das Thema Backen ein und es war für ihn der Beginn der Zeit des kreativen Umgangs mit Brot – soweit das möglich ist. „Backen verzeiht wenig Fehler“, erklärt Danz. Man könne beispielsweise nicht einfach doppelt so viel Mehl in den Teig geben und hoffen, dass ein brauchbares Brot herauskommt. Die Mengen der Zutaten und die Backtemperaturen – all das muss passen und lässt wenig Spielraum.

    Apropos Mehl: Mehr als hundert Kilo hat er eigentlich immer in seinem Backhäuschen im Garten gelagert. Verschiedene Sorten aus unterschiedlichen Ländern – und unterschiedlichen Jahrgängen. „Ein gutes Mehl ist wie Wein ein Naturprodukt, das ist nicht jedes Jahr gleich“, erklärt er. Das Mehl ist eine der Stellschrauben, an denen er seine Backwaren zu verbessern versucht. „Die Anzahl der Brotbackrezepte ist endlich.“

    Ebenfalls 2011 stand Würzburg zum ersten Mal im Mittelpunkt eines größeren Treffen der Hobbyköche. Drei Foodbloggerinnen – eine davon Noëmi Knötgen – luden ihre Kollegen aus Franken in ihre Heimat Würzburg ein. Man tauschte sich aus, lernte sich persönlich kennen und freundete sich an. Seitdem gab es fast in jedem Jahr so ein Treffen, das seit dem auch Werner Danz mitorganisierte. Neuer Foodblogs sind sehr professionell designt

    Doch mit der Zeit schwingt etwas Wehmut mit. Die Zeit der klassischen Hobby-Foodblogger geht dem Ende entgegen, sagt Knötgen. Eine neue Generation ist seit ein paar Jahren auf dem Vormarsch. Meist jüngere Menschen, das Foodblog im professionellen Design und für Internet-Suchmaschinen optimiert. Die klassischen Foodblogger wie Knötgen und Danz tun sich schwer mit dieser neuen Art über Essen zu bloggen. „Ich kenne ein paar der neuen Foodblogger und mag sie auch“, sagt Knötgen, „aber es ist einfach eine andere Art von Blog als bei meiner Generation“. Werner Danz geht es ähnlich. „Mir fehlt da das Individuelle und Persönliche“, sagt der Langenprozeltener. Er hat den Eindruck, dass bei vielen der neueren Foodblogs vor allem darauf geschaut wird, was gut beim Leser ankommen könnte.

    „Ich mache in meinem Blog mein Ding“, sagt der 55-Jährige, und er will beim Lesen anderer Blogs auch deren Eigenheiten kennenlernen. Er betreibe seinen Foodblog aus Freude am Thema und will gar nicht damit Geld verdienen oder berühmt werden. „Das ist wie beim Joggen. Ich mache das aus Freude, ich muss deswegen aber nicht an Wettbewerben teilnehmen.“

    Eine Rezeptidee für Tahinifenchel

    Das Streben nach den perfekten Hochglanz-Inhalten treibe bei manchen der neuen Generation von Foodblogs seltsame Blüten, wie Knötgen weiß. „Es werden schon Workshops für Foodstyling angeboten, wo man lernt, mit Farbspray das Essen schön für die Fotos aussehen zu lassen.“ Für sie ist das nichts. Sie möchte nach Lust und Laune das kochen, was sie gerne isst. „Ich gehe sehr gern auf den Markt und entdecke neue Zutaten, die ich einfach ausprobiere“, sagt die 47-Jährige. Dass nicht immer alles auch schmeckt oder beim Kochen funktioniert, mache nichts. „Das wird dann meistens trotzdem gebloggt“, sagt sie. Ihren Granatapfel hat sie an diesem Tag noch auf dem Markt gefunden. Und das Kochen hat auch funktioniert – die Rezeptidee für Tahinifenchel steht inzwischen in ihrem Sammelhamster-Blog.

    Das Foodblog von Noémi Knötgens ist unter sammelhamster.blogspot.de zu finden, das von Werner Danz unter www.cucinaepiu.de.

    Eine - unvollständige - Liste von Foodblogs aus der Region 

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