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    Würzburg

    Friedenspreis-Gewinner: "Wir konnten nicht mehr zuschauen"

    Die mobile Flüchtlingshilfe e.V. mit ihrem Projekt "Hermine" wurde im Rahmen einer feierlichen Zeremonie im Mainfranken Theater mit dem Würzburger Friedenspreis ausgezeichnet. Foto: Daniel Peter

    Er sah die Bilder von den Flüchtlings-Trecks auf dem Balkan. Damals, 2015, liefen Leute in Flip-Flops und dünner Kleidung durch Nässe in Kälte oder saßen in Lagern fest, wo es am Nötigsten fehlte. "Das war für uns unbegreiflich", erinnert sich Christian Ludwig, heute 25 Jahre alt. "Menschen wurden wie ein Spielball hin- und hergeschoben." Die Gefühle, die in ihm und seinen Freunden beim Anblick dieser Bildern hochkamen, waren erst Unmut, dann Frust - und schließlich Wut. "Es reicht", sagten sie, "wir können nicht mehr zuschauen, wir fahren jetzt da runter." Die Folge: Sie sammelten Hilfsgüter und brachten sie den Notleidenden auf dem Balkan - und hörten damit nicht mehr auf.

    Vier Jahre später besteht die Gruppe aus gut 40 Leuten, die meisten sind Twens, Frauen in der Mehrzahl. Ihr Verein "Mobile Flüchtlingshilfe (MFH)" ist seit diesem Sonntag Träger des 25. Würzburger Friedenspreises. Andreas Schrappe, der Moderator der Preisverleihung im Mainfranken Theater, nannte ihre Geschichte "eine Bauanleitung für zivilgesellschaftliches Engagement".

    Das Friedenspreiskomitee ehrte die Mobile Flüchtlingshilfe Würzburg für ihr Projekt "Hermine". Der Name ist eine Abkürzung für "Hilfe zur Erstversorgung für Menschen in Not in Europa".

    Vier Jahre nach Gründung der Mobilen Flüchtlingshilfe besteht die Gruppe aus gut 40 Mitgliedern. Am Rednerpult: Christian Ludwig, einer der Initiatoren des Vereins. Foto: Daniel Peter

    Applaus auch für OB Schuchardt

    Sie hätten in ihren Anfangsjahren viel gemacht, berichtete Ludwig dem Publikum, "und sehen und feststellen müssen, dass sich nicht viel ändert". Die Konsequenz: "Wir müssen effizienter werden und wachsen", so Ludwig. In der Folge stellten die MFH-Mitglieder das Fahren von Hilfstransporten vorläufig ein und bauten eine schlagkräftige Verwaltung auf. Jetzt sammeln sie die Hilfsgüter überregional, sortieren, packen und lagern sie und schicken sie mit Speditionen los, wenn Flüchtlingshelfer vor Ort – aus sechs Ländern, von Frankreich bis Griechenland – Bedarf melden. Sie werben Patinnen und Paten, die Lager und Transporte finanzieren.

    Die Preisverleihung vor etwa 200 Zuschauern, einige lokale Politprominenz wie OB Christian Schuchardt unter ihnen, war, was sie seit ihrer Premiere 1995 ist: ein Widerspiel von menschlichen Abgründen und menschlicher Größe.

    So inakzeptabel Ludwig und seine Freunde die Lage der Flüchtlinge fanden, so unerträglich, sagte Schuchardt, sei, "dass das Mittelmeer zu einem nassen, kalten Grab für Flüchtlinge geworden ist und noch wird." Von seinen Vorrednern gerühmt und vom Publikum beklatscht für seinen kritischen Brief an Italiens Innenminister Matteo Salvini, sagte er, es sei "nicht hinnehmbar, dass wir Europäer keine Lösung gegen das Sterben finden", und dass Seenotretter kriminalisiert würden. Das müsse geändert werden.

    Die Mobile Flüchtlingshilfe sucht neue Räumlichkeiten

    Thomas Schmelter, vor 25 Jahren der Initiator des Friedenspreises, berichtete, die Mobile Flüchtlingshilfe leiste "ganz elementare Hilfe für Flüchtlinge im Süden Europas - da, wo Staaten und internationale Hilfsgemeinschaften versagen". Im christlichen Sinn sei das ein Werk von Nächstenliebe und Barmherzigkeit, nach der UN-Charta der Menschenrechte die Pflicht der internationalen Gemeinschaft. Die Sicherung elementarer Menschenrechte sei die Grundlage des Friedens.

    Die Mobile Flüchtlingshilfe will ihre Aktionen weiter ausbauen. Ihr Ziel: Spätestens 72 Stunden, nachdem eine Hilfsorganisation Material angefordert hat, soll dieses auf dem Weg sein. Die Lager- und Büroräume müssen allerdings im Dezember geräumt werden - die Flüchtlingshilfe sucht dringend Ersatz.

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