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    EIBELSTADT

    Gärtnern an der alten Stadtmauer

    Sobald die Fotos für dieses Gartenportrait gemacht sind, räumen Rebekka und Joel Geißler ihren Garten aus. Sie waren vorgewarnt, als sie 2016 den Garten von den Eltern übernahmen. Nun aber geht es weiter mit der Sanierung der Eibelstadter Stadtmauer, an der sie ihren Garten angelegt hatten. Es ist ein bisschen so wie mit Handwerkern im Haus.

    Alles, was sich Geißlers hübsch eingerichtet haben, muss weg, die Wände frei geräumt werden – besser gesagt die Stadtmauer am Unteren Graben. Die Evakuierung ist eine Vorsichtsmaßnahme, um möglichst viele Pflanzen, Gefäße, Dekor- und Wohn-Elemente unbeschadet zu erhalten. In weiser Voraussicht hatten Geißlers bereits Vieles in Töpfe und Tröge gepflanzt und ihre Gestaltung so gewählt, dass ausgeräumt werden kann.

    Leichteres Arbeiten am Hochbeet

    So waren an der Mauer entlang vor allem etliche Tomatenstöcke in Töpfen aufgereiht und nicht eingepflanzt worden. Die Rosenstöcke, die einst im elterlichen Garten standen, waren bereits im Vorfeld der Mauer-Sanierung dem Kahlschlag zum Opfer gefallen. Das war der Zeitpunkt für den Generationswechsel auf den etwa 50 Quadratmetern. Und obwohl Gärtnern zuvor eigentlich kein Thema war, hat sich das junge Paar mit Experimentierfreude und Fantasie ein inzwischen geliebtes und unverzichtbares Freizeitvergnügen geschaffen. Diese beiden wollen nicht mehr ohne Garten sein. „Er ist so gut zum Abschalten und regt die Fantasie an“, sagt Rebekka Geißler.

    Gemüse und Früchte, Blüten und Poesie, Kakteen und Karnivoren, schöpferisches Arbeiten und Relaxen – der kleine Garten hat viele Aspekte. Ins Auge springt jedenfalls sofort das mittig aufgestellte Hochbeet aus massiven Baudielen, ausgekleidet mit einer recycelten Lkw-Plane. Zum einen macht das Hochbeet optisch mehr her, zum anderen, so Joel Geißler, ist der Ertrag tatsächlich höher. Das Hochbeet gibt dem Garten eine interessantere Struktur und auch das Arbeiten ist angenehmer – auch für junge Leute. Salat, scharfe Chili, Mangold, ein Kürbis (der es stark übertreibt), Physalis und verschiedene Kräuter ranken üppig nach allen Seiten und am Mittelspalier nach oben.

    Tödliche Fruchtfliegenfalle

    Ein Moorbeet mit Moor-Wollgras und fleischfressenden Pflanzen schließt sich an: der in der Rhön heimische Sonnentau, die Schlauchpflanze, die bis zu einem Meter groß wird und das hübsch blühende Fettkraut kultiviert Joel Geißler hier. Die klebrigen Fettkraut-Blätter sind vor allem für Fruchtfliegen attraktiv – und tödlich. Das ist ausgetestet. Er kann sie im Falle des Falles in der Küche empfehlen.

    Die Karnivoren allerdings bleiben draußen, sind allesamt winterhart. Sonnentau und die tropischen Venusfliegenfallen vertragen sich nicht. Die Venusfliegenfalle geht ein. Das freie Plätzchen in der Mitte des Gartens war jedenfalls die Gelegenheit, sich an einem Moorbeet zu versuchen.

    Künstlich angelegtes Moor

    Eine große Mörtelwanne bildet die Basis, eine durchlöcherte zweite Wanne wird mit dem Boden nach oben hineingestellt. Es entsteht ein Hohlraum für das Wasser. Das Becken wird schließlich mit Moorerde aufgefüllt. Mittels Füllstutzen kann der Wasserstand in der unteren Wanne reguliert werden, damit immer eine leichte Staunässe im Beet herrscht. Wohl frieren die exotisch aussehenden Fleischfresser im Winter ab, kommen im Frühjahr aber zurück. Damit sich Vögel nicht die Beute der Karnivoren schnappen und Katzen das Beet nicht als Toilette missbrauchen, ist es durch einen Netzkasten geschützt.

    Im Kontrast zu den Moorpflanzen, die Joel Geißler auch früher schon immer wieder mal hatte, stehen die ebenfalls bis minus 30 Grad Celsius winterharten Kakteen wie Escobaria missouriensis oder Echinocereus inermis direkt daneben und Sukkulenten, verteilt im ganzen Garten. Diese kommen wunderbar mit der vollen Sonne an der Südseite der Stadtmauer und dem trockenen Klima zurecht.

    Ausgefallene Sorten entdeckt

    Elegant ist auch die Sitzplatzfrage gelöst: Da bot sich der Kanaldeckel an, der mit Terrassendielen kaschiert wurde. Zur Straße hin gibt ein gut mannshoher Bambus Schutz und zum Nachbarn eine bepflanzte Paletten-Konstruktion, die noch dazu wohnlich wirkt. Fenster und Ziegel hat Rebekka Geißler mit Sprüchen beschriftet, aus denen die Gartenverliebtheit spricht. Denn, frei nach Novalis: „Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken duften“.

    Es gibt viele Tröge, Wannen, mit Bruchstein begrenzte Beete, die mit Wein- und Waldrebe sowie teils selbst gezogenen Tomaten bepflanzt sind. Bei der Pflanzenbörse im Botanischen Garten haben sich die Jung-Gärtner mit ausgefallenen Sorten eingedeckt. Die Reisetomate beispielsweise hat so kleine Kern-Kammern, dass sie nicht tropft, wenn man hinein beißt.

    Garten schon lange in Familienpacht

    Zum bunten Mix gehören Phlox, Zinnien, Schwertlilien und Pfingstrosen. Nicht dass Pompon-Dahlie und Gladiolen die Zinkwanne für sich hätten – eigentlich ist sie ein Frühblüher-Ressort für Tulpen und Schneeglöckchen. Teilweise stammen die Pflanzen noch aus dem alten Bestand, vielleicht sogar schon von den Großeltern, denn der Garten direkt gegenüber dem Wohnhaus ist schon lange in Familienpacht.

    Mauergärtchen wie das der Geißlers sind etwas Besonderes in Städten, die in ihrer mittelalterlichen Struktur erhalten geblieben sind. Wenngleich das noch nicht bedeutet, dass auch die Gärten erhalten sind. In Eibelstadt aber gibt es sie noch innerhalb der Stadtmauer und teilweise außerhalb, im Graben vor der Stadtmauer. Etwa 70 Gärtchen sind es, die zum Stadtmauer-Ensemble gerechnet und von der Stadt verpachtet werden, komplett mit Holzlattenzaun und Wasseranschluss.

    Efeu schadet dem Mauerwerk

    Die Mehrzahl sei gut im Betrieb, zeigt sich Bürgermeister Markus Schenk zufrieden. Alle sind verpachtet und wenn einer frei wird, ist er auch relativ schnell wieder vergeben. Auflagen zur Nutzung gäbe es nicht, nur Mauer-Begrünungen mit Kletterpflanzen wie Efeu seien nicht gerne gesehen, damit die Stadtmauer keinen Schaden nimmt. Die sanierten Mauerabschnitte sollen möglichst 50 und mehr Jahre bis zur nächsten Sanierung halten.

    Wie lange es die Mauergärten schon gibt, ist nicht erforscht. Üblicherweise wurden sie angelegt, als die Wehrfunktion der Mauern und Türme obsolet geworden war. Waren sie zunächst wegen der im Stadtkern fehlenden Gärten sicher durchweg Nutzgarten zur Selbstversorgung, sogar mit Hühner- oder Schweinestall, so ist ihre Verwendung heute vielseitiger: Zier- und auch Wohngartenanlagen sind neben klassischen Nutzgärten zu sehen.

    Manchmal sind aber auch nur die Mülltonnen abgestellt. Wobei, so beobachtet Schenk, dort wo die Stadtmauer bereits saniert ist, sei oft ein regelrechter Schub zur Neugestaltung zu beobachten. Wer die Mauer entlang flaniert, bekommt eine kleine Gartenschau präsentiert – mit so mancher Augenweide.

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