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    Würzburg

    Gedenken an Auschwitz: "Höllischer konnte es nicht zugehen"

    Das Publikum nahm Anteil: Veranstaltung zum Gedenktag der Auschwitz-Befreiung im Shalom Europa.  Foto: Fabian Gebert

    Auschwitz liegt 660 Kilometer entfernt und ist doch mitten unter uns. Fast 200 Stolpersteine in der Stadt sind Würzburgerinnen und Würzburgern gewidmet, denen die Nationalsozialisten in Auschwitz das Leben genommen haben. Über 600 Stolpersteine wurden seit 2006 für die Würzburger Opfer der Nazis und ihrer Mitläufer verlegt, viele Hundert fehlen noch.  

    Die Nazis und ihre Mitläufer brachten in Auschwitz zirka 1,1 Millionen Menschen um. Als die Rote Armee das Vernichtungslager am 27. Januar 1945 befreite, waren da noch etwa 7000 Häftlinge, darunter 500 Kinder.

    Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland ein offizieller Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. In Würzburg zelebrierten ihn die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und die Katholische Hochschulgemeinde mit einer Filmvorführung im Shalom Europa, dem Kulturzentrum der jüdischen Gemeinde. "Mut zum Leben. Die Botschaft der Überlebenden" hieß die einstündige Dokumentation aus dem Jahr 2013, in der Würzburg eine zentrale Rolle spielt. Über 300 Leute kamen.

    Porträts von vier Auschwitz-Überlebenden

    Die Filmemacher - die Autorin und Ex-Würzburgerin Christa Spannbauer und der Journalist Thomas Gonschior - porträtierten vier Auschwitz-Überlebende: die Sängerin Esther Bejarano, die Autorin Éva Pusztai-Fahidi, den Maler Jehuda Bacon und die Sängerin Greta Klingsberg.

    Auf dem Podium: Filmemacherin Christa Spannbauer und Moderator Burkhard Hose. Foto: Fabian Gebert

    Auschwitz, sagt da Klingsberg, sei der "Versuch einer Entmenschlichung" gewesen. "Du hattest nichts mehr außer deinem nackten Körper. Höllischer konnte es nicht zugehen." Bacon berichtet, wie er "im Minutentakt" Tausende Menschen "im Gas" verschwinden sah. "Und nach einer halben Stunde ist dann da nur noch Asche."

    Bejarano, die am vorvergangenen Samstag, 94 Jahre alt, mit der Microphon Mafia in der Posthalle auftrat, spielte im Auschwitz-Orchester das Akkordeon. Sie berichtet, wie sie aufspielen mussten für jene, die ahnungslos in die Gaskammern gingen. "Mit Tränen in den Augen sind wir dagestanden und haben gespielt und die Leute haben uns zugewunken und haben wahrscheinlich gedacht, wo Musik gespielt wird, kann es nicht so schlimm sein."

    Kennenlernen vor sechs Jahren bei der Aufführung von "Brundibár"

    Pusztai-Fahidi berichtet von der "Fahrt nach Auschwitz, die entsetzliche Fahrt nach Auschwitz", mit 80 Menschen in einem Waggon, ohne Wasser, ohne Luft, und von der Selektion an der Rampe: "Auf einmal waren alle anderen weg von der Familie. Ich musste los und die waren weg. In einer Minute ist man aus einem Menschen ein Nichts geworden, ein Etwas, eine Nummer, ein Niemand."
    Die Frauen lernten sich im Februar 2013 in Würzburg kennen. Anlass war die Aufführung der Kinderoper "Brundibár" im Museum am Dom. Im KZ Theresienstadt haben Kinder die Oper 55 Mal aufgeführt, mit Klingsberg in der Hauptrolle.

    Auf der Leinwand zu sehen sind vier Überlebende, die sich im KZ unter unvorstellbaren Bedingungen auf unterschiedliche Weise ihre Würde bewahren konnten. Sie versuchen, dem Erlebten und ihrem Überleben einen Sinn abzugewinnen. Bejarano ist aktive Antifaschistin. Sie sagt: "Wenn ich das überlebt habe, muss ich doch wieder anfangen zu leben! Dann muss ich den Menschen sagen, so kann es nicht mehr werden."

    Pusztai-Fahidi will leben, bis ihr Heimatland Ungarn seine Beteiligung am Holocaust eingesteht. Klingsberg kämpft für eine Welt, in der, so erzählt sie, die Menschen verschieden und neugierig aufeinander sind und einander akzeptieren. Bacon, im Gegensatz zu den Frauen gottgläubig, ein Mystiker, wirbt für einen "Weg zu einer großen Einheit".

    Zuschauer waren von der Güte der Überlebenden beeindruckt

    Beim anschließenden Publikumsgespräch mit der Filmmacherin Spannbauer und dem Moderator Burkhard Hose kam zutage, wie sehr Zuschauer beeindruckt waren von der Güte, Wärme und Lebensweisheit des Quartetts. Warum die Vier sich nicht von Verbitterung und Rachlust fressen ließen, erklärt im Film Bacon: "Wenn ich hasse, hat Hitler gewonnen, hat er mich auch verdorben." Im Museum am Dom sind einige seiner Arbeiten zu sehen.

    Zwischen dem 27. November 1941 und dem 17. Januar 1944 verschleppten die Nazis und ihre Mitläufer von Würzburg aus 1860 jüdische Mainfranken in sieben Deportationen in die Vernichtungslager, in einer Deportation von Kitzingen aus weitere 208 Frauen, Männer und Kinder. Von den insgesamt 2068 verschleppten jüdischen Mainfranken überlebten den Holocaust 60.

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