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    WÜRZBURG

    Gestapo-Gefängnis: "Bestialische Verbrechen, völlig unbegreiflich"

    Aufklärer: Ein Jahr lang erforschten Alexander Kraus (links) und Helmut Försch (rechts) die Verbrechen der Gestapo und ihrer Handlanger im KZ-ähnlichen Gefängnis an der Friesstraße im Frauenland. Die Dokumentation, die sie vorlegen, ist der nüchterne und sachliche Bericht furchtbarer Gräuel. Foto: Thomas Obermeier

    Von September 1942 bis März 1945 folterte die Würzburger Gestapo in ihrem Gefängnis an der Friesstraße im Frauenland Hunderte ausländische Gefangene. Ungewiss ist die Zahl der Todesopfer. Der Philosoph Alexander Kraus (53) und der Rentner Helmut Försch (86) haben die Ereignisse erstmals für die Geschichtswerkstatt erforscht und in einem 48-seitigen Heftdokumentiert.

    Frage: Ihre Veröffentlichung über das Notgefängnis an der Friesstraße kommt spät, 70 Jahre nach der Befreiung der Häftlinge. Warum jetzt erst?

    Alexander Kraus: Weil die Ereignisse in Vergessenheit geraten sind. Nach dem Krieg ist die Aufarbeitung sehr positiv und engagiert gelaufen, sowohl von den Alliierten als auch von den deutschen Justizbehörden. 1947 war ja der Artikel in der Main-Post und jeder konnte nachlesen, was da passiert ist und wer dafür verantwortlich war. Und mit Beginn des Kalten Krieges haben sie das alles unter den Teppich gekehrt. Die ganzen Verfahren sind mehr oder weniger im Sande verlaufen.

    Wer sind „sie“?

    Kraus: Die Politik, die Alliierten, …

    Helmut Försch: … die Justiz, die diese Täter freigesprochen und nicht bestraft hat. Und wenn sie sie bestraft hat, dann wurde ein Todesurteil auf 30 Jahre reduziert und nach zwei Jahren war der Täter draußen. Die Amerikaner, solange es in ihrem Interesse war, haben die Verfahren vorangetrieben. Und als sie Deutschland verwenden wollten gegen die Sowjetunion war alles vorbei. Dann hat man die Nazis geholt und die haben die Bundeswehr aufgebaut.

    Aber die Würzburger Nazi-Zeit wurde in den vergangenen 35 Jahren sehr gut erforscht. Wie konnten die Forscher ausgerechnet dieses Gefängnis aus dem Blick verlieren?

    Försch: Es war so am Rand gelegen, dass nicht so viele Leute in Kontakt damit gekommen sind. Ich bin in die Lehrerbildungsanstalt am Wittelsbacher Platz gegangen. Dahinter war das Ding – ich habe nie etwas davon gesehen. Ich war über Nacht drinnen, bin manchmal auch draußen herumgelaufen, aber da hinten – ich bin nicht hingekommen. Ich bin aus allen Wolken gefallen als ich hörte, dass es das gegeben hat.

    Wie kommt es, dass Sie sich jetzt an die Aufklärung gemacht haben?

    Kraus: Es hat sich im Frauenland eine AG Erinnerungskultur gegründet, das war der Lehrer Ernst Hümmer. Der hat beim Verschönerungsverein angefragt, ob der sich beteiligen wolle. Ich bin dann hingegangen und habe zum ersten Mal von dem Notgefängnis gehört.

    Wann war das?

    Kraus: 2013. Zufälligerweise war dann auch eine Bürgerwerkstatt von der Stadt zur Erinnerungskultur. Da hat Dr. Skriebeleit (Jörg Skriebeleit leitet die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, d. Red.) einen Vortrag gehalten über das KZ-Außenlager, das ein halbes Jahr lang im Notgefängnis untergebracht war. Das hat mich erst so richtig draufgebracht, und dann haben wir uns des Themas angenommen. Professor Möckel (Andreas Möckel, 87, war Inhaber des Lehrstuhls für Sonderpädagogik an der Uni Würzburg, d. Red.) hat jemanden gesucht, der das Thema wissenschaftlich aufnimmt, hat aber niemanden gefunden, der sich interessiert. Dann haben wir drüber gesprochen und dann sind der Helmut Försch und ich los und haben im Staatsarchiv geschaut, was da an Unterlagen ist. Frau Dr. Ingrid Heeg-Engelhart hat uns Berge von Akten ausheben lassen. Wir haben uns durchgekämpft und das ganze Material gesichtet und regelmäßig die Gänsehaut bekommen, wenn wir die Zeugenaussagen gelesen haben.

    Was hat die Gänsehaut gemacht?

    Försch: Die Beschreibungen.

    Kraus: Die Leute sind da oben schlimmer wie Vieh gehalten worden. Da ging es jedem Schwein und jeder Kuh in der ganzen Gegend besser als den Leuten da oben.

    Wen hielt die Gestapo im Frauenland gefangen, und warum?

    Kraus: Das waren Fremdarbeiter, die sich irgendwas zuschulden haben kommen lassen. Wenn die eine Scheibe Brot gestohlen haben, sind sie für so und so viele Wochen im Notgefängnis eingesperrt worden. Oder wenn einer seinem Dienstherrn oder seinem Arbeitgeber widersprochen hat und der hat Meldung bei der Gestapo gemacht, dann ist der am nächsten Tag da oben gewesen.

    Försch: Oder bei Kontakten zwischen den Geschlechtern.

    Kraus: Wenn sich eine deutsche Frau mit einem Fremdarbeiter eingelassen hat, ist sie ins KZ Ravensbrück gekommen oder hat, wenn sie glimpflich davongekommen ist, eine verschärfte Verwarnung bekommen. Die männlichen Fremdarbeiter, die mit einer deutschen Frau zusammen waren, mussten damit rechnen, dass sie ins KZ kommen und umgebracht werden. Und auch für die Fremdarbeiterinnen war der Kontakt mit einem Deutschen das Todesurteil. Es war egal, ob sie vergewaltigt worden ist oder freiwillig. Das Notgefängnis war auch eine Transitstation. Hier haben sie auf den Weitertransport ins Konzentrationslager gewartet.

    Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 hielt die Gestapo Hitler-Gegner wie den Schriftsteller Leo Weismantel oder den späteren CSU-Gründer Adam Stegerwald im Notgefängnis fest. In Ihrer Arbeit liest man nur wenig über sie. Warum?

    Försch: Die sind ganz anders behandelt worden als die anderen Häftlinge, direkt pfleglich. Man muss bedenken: Es war Juli 44, da hat jeder schon gewusst, jetzt geht?s aufs Ende zu. Da hat sich mancher schon ein Hintertürchen gesucht. Das war das eine.

    Und das andere?

    Försch: Sie waren Deutsche. Stefan Schäfer ...

    ... der verbrecherische Verwaltungsleiter des Gefängnisses ...

    Försch: ... hat diesen Unterschied gemacht. Im Umgang mit den Ausländern hat er sich bei der Gestapo – er selbst war ja kein Polizist – beliebt gemacht. Da hat er wohl auch eigene Gelüste ausgelebt. Den Stauffenberg-Anhängern (Claus Schenk Graf von Stauffenberg war einer der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, d. Red.) aber hat er zum Beispiel Kontakt zu ihren Angehörigen erlaubt.

    Unklar ist, wie viele Häftlinge im Gefängnis starben.

    Kraus: Es gibt eine Zahl von 152 Toten, die halbwegs gesichert ist.

    Sie stammt von einem Ermittler, Capitaine Gaston Plehiers, der die Verbrechen im Notgefängnis untersucht hat.

    Kraus: Ja. Aber es existieren weder Namens- noch Todeslisten. Die Namen wurden von Zeugen zusammengetragen, von Häftlingen und Gestapo-Leuten. Viele Tote wurden nachts abtransportiert, keiner weiß, wohin. Es sind auch offiziell Tote abgeholt worden, die wurden in Heidingsfeld anonym auf dem Friedhof beerdigt, und einige Tote sind in die Anatomie der Uni gekommen und wurden dort von den alliierten Ermittlungsbehörden gefunden, teilweise als Leichnam, teilweise als Präparat. Da hat man versucht, das irgendwie zusammenzufassen und ist auf 152 Tote gekommen. 120 davon, ungefähr, sind wohl während des Bombardements am 16. März 1945 im Feuer verbrannt oder im Kugelhagel der Wachmannschaft gestorben, als sie versuchten, sich zu retten. Sie liegen nach Zeugenaussagen in einem Massengrab östlich des Lagers.

    Aber Sie haben Zweifel.

    Kraus: Ob dieses Massengrab noch existiert, ob es überhaupt je existiert hat, wissen wir nicht. Es gibt zwei glaubhafte Zeugenaussagen dazu. Die eine ist eine Anwohnerin, die im Haus Friesstraße 20 gewohnt hat. Die konnte von ihrer Wohnung aus schräg runter ins Lager schauen und beobachten, was da passiert ist. Sie sagt, die Toten seien in einem Bombentrichter verscharrt worden. Inwieweit das stimmt, wissen wir nicht. Die Luftbildaufnahmen, die wir haben, zeigen so gut wie keine Sprengbomben-Abwürfe im Frauenland. Das müssen alles Brandbomben gewesen sein. Die Häuser auf den Aufnahmen sind nur abgebrannt, nicht gesprengt.

    Försch: Deswegen ist es sehr fraglich, ob die Toten wirklich in einem Bombentrichter verscharrt wurden. Die Aufnahmen wurden nur zwei Tage nach dem Angriff gemacht und da sieht man: Das sind nur ein, zwei Bombentrichter, und die sind ein ganzes Stück weit weg.

    Was hat Sie angetrieben zu dieser Arbeit?

    Kraus: Mir ist ein Schauer über den Rücken gelaufen, als ich im Staatsarchiv gesessen bin und die Zeugenaussagen gelesen habe und zum ersten Mal mitbekommen habe, was da gelaufen ist. Für mich waren die Nazi-Verbrechen immer irgendwo im Osten, weit, weit weg. Aber dass vor Ort, hier, solche bestialischen Verbrechen begangen worden sind, das war mir vollkommen neu und vollkommen unbegreiflich.

    Wie sieht Ihr Resümee aus?

    Försch: Wir sind froh, dass wir das geschafft haben, dass wir ein Zeichen setzen. Aber das muss sich erst erweisen, in der Öffentlichkeit. Wir hoffen schon, dass das entsprechend gewürdigt wird.

    Kraus: Intention des Heftes war, dass der Opfer gedacht wird. Dass sie in irgendeiner Weise wieder ins Bewusstsein der Stadt kommen, dass zum Beispiel Stolpersteine verlegt werden …

    Försch: ... oder dass ihnen ein Denkmal gesetzt wird.

    - Standpunkt: Nazi-Gift in den Köpfen

    Die Dokumentation

    "Das Gestapo-Notgefängnis in der Friesstraße": 48 Seiten, mit Fotos, Lagerskizzen, Luftbildaufnahmen, Tabellen und Literaturhinweisen.

    Das Heft ist für 6 Euro montags von 14 bis 18 Uhr bei der Geschichtswerkstatt, Pleicherpfarrgasse 16, zu erwerben, dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr bei den Freunden Mainfränkischer Kunst und Geschichte, Pleicherkirchgasse 16, außerdem im Neuen Weg, Sanderstraße 23. Fotoausstellung: Am Sonntag, 8. März, Montag, 16. März, und Sonntag, 22. März ist das Heft im Rathaus während der Ausstellung „Würzburg vor nicht allzu langer Zeit“ erhältlich. Kontakt: Tel. 88 06 54 20, E-Mail gw@vvw-online.com, www.verschoenerungsverein-wuerzburg.de/geschichtswerkstatt.

    Tatort: Das 6000 Quadratmeter große Gestapo-Gefängnis lag hinter dem Wittelsbacher Platz, wo heute die Franz-Oberthür-Schule ist. Foto: Carl/Tara

    Fotos

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