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    Würzburg / Schweinfurt

    Gewerkschaft: München schickt zu wenig Polizei in die Region

    Abschiebungen, Profi-Fußball, Demos: Unterfrankens Polizei muss immer mehr Aufgaben erfüllen.  Dafür bräuchte es mehr Beamte, sagt der Bezirkschef der Polizeigewerkschaft.
    Der unterfränkische Bezirkschef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Thorsten Grimm, beim Redaktionsgespräch.
    Der unterfränkische Bezirkschef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Thorsten Grimm, beim Redaktionsgespräch. Foto: Thomas Obermeier

    Wird Unterfranken bei der Zuteilung von neuen Polizisten benachteiligt? Thorsten Grimm, seit Herbst Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Unterfranken, wundert sich jedenfalls, warum so wenige Beamte in die Region geschickt werden. Der 38-jährige Polizist aus Schwebheim (Lkr. Schweinfurt) nimmt die Staatsregierung in die Pflicht.

    Frage: Die bayerische Staatsregierung hat versprochen, mehr Polizisten einzustellen. Aus Polizeikreisen heißt es, das sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Die Überstundenkonten würden explodieren, Dienstpläne seien auf Kante genäht. Wie ist die Situation in Unterfranken?

    Thorsten Grimm: Es stimmt, dass so viel Geld für die Polizei in die Hand genommen wird wie noch nie. Insgesamt werden nun jährlich 1700 bis 1800 Polizisten in Bayern eingestellt. Das sind Rekordzahlen. Trotzdem haben wir in Unterfranken einen riesigen Personalmangel.

    Der Landtag hat ja beschlossen, dass sieben Jahre lang bayernweit jährlich 500 Polizisten mehr eingestellt werden. Kommt davon hier nichts an?

    Grimm: Es ist richtig, dass bis 2023 insgesamt 3500 zusätzliche Stellen in Bayern vorgesehen sind. Das läuft seit 2017. Bei der Polizei dauert die Ausbildung zweieinhalb Jahre, sodass die ersten 500 dieser zusätzlichen Kollegen im Februar fertig werden. 100 davon werden zur Grenzpolizei abgezogen, über deren Sinn und Zweck man sich auch unterhalten kann. Was uns gewundert hat: Für Unterfranken haben wir eine Personalzuteilung zum März bekommen, die deutlich unter den Erwartungen liegt. Konkret geht es um 40 Personen – das ist gerade einmal der Personalersatz für die Abgänge in Pension.

    "Es ist schon auffällig, dass jetzt für den März andere Verbände deutlich stärker berücksichtigt werden."
    DPolG-Bezirkschef Thorsten Grimm über die Personalzuteilung in Bayern
    Mit wie vielen neuen Kolleginnen und Kollegen wären Sie denn zufrieden gewesen?

    Grimm: Wir haben schon mit 60 bis 70 Leuten gerechnet. Das haben wir bereits im Oktober gegenüber Innenstaatssekretär Gerhard Eck deutlich gemacht. Wenn man an die vielen Anforderungen der Polizei in Unterfranken denkt – die Drittliga-Spiele der Würzburger Kickers, das Ankerzentrum in Schweinfurt, die Zunahme an Demonstrationen, die steigende Zahl von Transporten von Inhaftierten zu Gerichtsverhandlungen und so weiter –, ist der Bedarf da.

    Kommt Unterfranken schlechter weg als andere Regierungsbezirke?

    Grimm: Es ist schon auffällig, dass jetzt für den März andere Verbände deutlich stärker berücksichtigt werden, die teilweise dieselben Herausforderungen haben wie wir. Ich denke zum Beispiel an das Polizeipräsidium Oberbayern-Nord, das in Manching und Ingolstadt ähnliche Aufgaben hat, etwa was das Thema Ankerzentrum und Abschiebungen angeht. Das Präsidium wurden deutlich stärker bedacht als wir. Womit das genau zusammenhängt, kann ich nur vermuten. Häufig wird der stark wachsende Ballungsraum Ingolstadt angeführt, das Argument kann man aber auf Würzburg genauso anwenden.

    Hilft Ihnen da nicht der Unterfranke Eck im Innenministerium?

    Grimm: Glücklicherweise hatten wir mit ihm hierzu einige Gespräche, wobei wir die unterfränkischen Anliegen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Ankerzentrum, konstruktiv besprochen haben. Er sicherte uns seine Unterstützung zu. Insofern erwarten wir für den September, wenn die zweite Personalzuteilung 2020 erfolgt, eine spürbare personelle Verbesserung.

    "Wir wissen, dass wir bis dahin keine Beamtin und keinen Beamten zusätzlich auf die Straße bekommen."
    Thorsten Grimm über die Personalsituation der Polizei in den nächsten Monaten
    Bis September dauert es noch. Was heißt das in der Zwischenzeit für Unterfranken?

    Grimm: Wir wissen, dass wir bis dahin keine Beamtin und keinen Beamten zusätzlich auf die Straße bekommen. Letztendlich bleibt klassische Polizeiarbeit – Verbrechensprävention, Verkehrskontrollen, Präsenz in den Städten zeigen – auf der Strecke.

    Sie haben auch das Thema Fußball angesprochen.

    Grimm: Aus sportlicher Sicht ist das eine schöne Sache, dass die Kickers in der Dritten Liga spielen. Aus polizeilicher Sicht ist das etwas anders: Die Polizeiinspektion Würzburg-Stadt, die an Spieltagen die Einsatzleitung hat, hat diese Aufgabe sicher nicht gewollt. Die Einsatzkräfte werden dort aus dem bestehenden Personalpool geschnitzt. Da müssen dann Zusatzdienste gefahren werden. Und wenn man sich die Dritte Liga anschaut, haben wir einfach sehr viele Partien mit hohem Aggressionspotenzial.

    Sie sprechen von den sogenannten Rot-Spielen?

    Grimm: Richtig. Da brauchen wir den doppelten bis dreifachen Personalansatz im Vergleich zu normalen Spielen. Das geht dann auch nur mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei und weiteren Einheiten aus ganz Unterfranken. Dazu zählen fast alle Spiele mit Beteiligung der ostdeutschen Vereine, wo die Fankultur sehr aggressiv ist.

    Dann dürften Sie mit Sorge auf den Spielplan der Rückrunde blicken...

    Grimm: Der Spielplan ist so wie er ist. Aber ja: Da haben wir mit den Partien gegen Magdeburg, Rostock, Halle und Mannheim schon vier Rot-Spiele. Aber auch bei den Spielen gegen Jena und Chemnitz müssen wir mit einem höheren Personalansatz planen.

    "Neben der Einführung eines eigenen bayerischen Lagebildes für Messerangriffe brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Dialog."
    DPolG-Bezirksvorsitzender Thorsten Grimm
    Das Thema Aggression beschäftigt die Polizei seit langem. Insbesondere Angriffe auf Einsatzkräfte.

    Grimm: Alles ist viel intensiver geworden. Mittlerweile müssen wir viele Einsätze mit voller Stärke fahren. Die Hemmschwelle hat extrem abgenommen und da sind wir sensibel geworden. Wir müssen immer damit rechnen, dass jemand durchdreht: Plötzlich fliegt ein Gegenstand, immer häufiger spielen Messer eine Rolle. Das gab es früher in der Form nicht.

    Gibt es eine Lösung?

    Grimm: Neben der Einführung eines eigenen bayerischen Lagebildes für Messerangriffe brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Dialog. Gewalt gegen Polizeibeamte ist das eine. Das andere ist zum Beispiel das Gaffer-Phänomen. Da muss man sich doch fragen: Was läuft da in den Köpfen falsch? Welche Rolle spielen Handys und das Internet? Was passiert heutzutage schon in den Kindergärten und Schulen? Wie kann hier Erzieherinnen und Lehrkräften geholfen werden? Wie reagieren wir auch in den Familien darauf? Wir müssen Ursachenforschung betreiben, was schief läuft in unserer Gesellschaft.

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