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    GLOSSE

    Glosse: Weshalb Würzburger Stadträte künftig im Radlersaal tagen

    Die revolutionärste Neuerung seit der der Erfindung des Rads: das Indirekte Linksabbiegen für Radler am Exerzierplatz.
    Foto: Thomas Obermeier

    Was diese Woche abgeht? Wir haben Europäische Mobilitätswoche, unter anderem mit einem "Autofreien Tag".  An der Aktionswoche beteiligt sich auch die Stadt Würzburg - und schafft witzigerweise ein Stück Fußgängerzone ab. Die untere Theaterstraße ist ab heute keine mehr, was aber in Wahrheit nicht an der Mobilitätswoche liegt, sondern an der Sperrung der Haugerpfarrgasse. Deren Autoverkehr fließt nun durch die ehemalige Fußgängerzone. Das dürfte bei Passanten große Trauer auslösen.

    Denn nirgendwo sonst in der Stadt konnte man so sprungbereit auf der Straße flanieren und dabei seine Reflexe trainieren - um nicht von einem der 500 Busse überfahren zu werden, die trotz Fußgängerzone da täglich rollten. Folglich war die untere Theaterstraße Würzburgs schönste Busgängerzone. Nicht zu verwechseln mit einer Bußgängerzone wie am Kreuzweg zum Käppele.

    Dagegen fahren, wie Stadträtin Barbara Lehrieder im Stadtrat monierte, häufig ortsunkundige Autofahrer in die Fußgängerzone Hofstraße und gefährden dort  Passanten. Das Problem könnte richtig groß sein: Denn verirrt sich dorthin der Fahrer eines SUV (gängige Abkürzung für Saugroßes Unsinniges Vehikel), wäre die kleinste  Fußgängerzone der Welt komplett dicht. Und die japanischen Touristen, die zur Residenz  wollen, würden sich bis zum Dom stauen.  

    Aber um Fußgänger geht's zur Zeit auch nicht. Würzburg ist jetzt mit dem Titel "fahrradfreundlich" dekoriert. Das kommt überraschend, nachdem Radler die Stadt in der jüngsten Umfrage zum Radverkehr bayernweit auf den letzten Platz gewählt haben. Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen hatten sich daran anscheinend nicht beteiligt, denn sie kamen zu einem ganz anderen Urteil, nachdem sie letzte Woche durch die Stadt geradelt waren.

    Immer schön fahrradfreundlich!

    Dabei hat sie die geballte Fahradfreundlichkeit wahrlich vom Sattel gehauen: Das indirekte Linksabbiegen für Radler am Exerzierplatz, das jeder nach Besuch eines VHS-Kurses sofort kapiert,  der riesige Haltebügel für Radler nahe der Löwenbrücke, an dem sich der Stadtbaurat so gerne festhält und dann noch - Hammer! - die Büttnerstraße als erste Fahrradstraße der Stadt, bei der sie das kleine Zusatzschild "Kfz frei" wahrscheinlich übersehen  haben.             

    Dennoch hat Würzburg die Fahrradprüfung bestanden, was dem Bündnis "Verkehrswende jetzt" aber nicht reicht. Es will einen Bürgerentscheid. Was wir entscheiden sollen, wollen die "Verkehrswende jetzt"-Leute erst heute verraten, aber es dürfte - wie alles derzeit - was mit Radfahren zu haben.

    Mögliche Forderungen: Den Radfahrern gehört die Straße, während Autofahrer spezielle Autowege oder Autostreifen am Fahrbahnrand benutzen müssen. Die Gastwirte schenken nur noch Radler aus und der Stadtrat tagt künftig im Heidingsfelder Radlerssaal. Im Gegenzug dürfen sich die Autofahrer bei künftigen Mobilitätswochen auf einen "Fahrradfreien Tag" freuen. Echt wahr!    

    Das ist kein offizielles Hinweisschild, sondern ein verschmitzter Hinweis der grünen Jugend auf fehlende Radege. Foto: Tim Eisenberger

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