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    WÜRZBURG

    WWF–Ehrenpräsident Drenkhahn: CSU hat Resignation „geplant“

    Er kennt alle 16 Nationalparks in Deutschland, schätzt Rhön und Steigerwald, erforscht das Habichtskraut im Spessart – und hat sich im vergangenen Jahr für ein dritten bayerischen Nationalpark stark gemacht. Detlev Drenckhahn, Ehrenpräsident der World Wide Fund For Nature (WWF), hatte in der Debatte um einen Nationalpark im Spessart nicht zuletzt ein Rechtsgutachten beauftragt. Es belegte, dass die umstrittenen alten Holzrechte einem möglichen Nationalpark im Spessart nicht im Weg stehen würden. Nachdem Ministerpräsident Horst Seehofer, der mit der Idee eines dritten Großschutzgebietes im Freistaat alle überrascht hatte, nach massivem Widerstand in der eigenen Partei CSU den Spessart aus dem Rennen

    nahm, setzte sich Drenckhahn für die Rhön ein. Jetzt hat der designierte Ministerpräsident Markus Söder neue Zweifel am Thema Nationalpark gesät. Derzeit sieht es nicht so aus, als würde es neben Bayerischem Wald und dem Berchtesgadener Land bald einen dritten Nationalpark in Bayern geben. Ist Drenckhahn von der Politik enttäuscht?

    Alle Äußerungen des designierten Ministerpräsidenten deuten darauf hin: In Bayern wird es wohl keinen dritten Nationalpark geben. Haben Sie es so kommen sehen? Oder waren Sie doch überrascht?

    Prof. Detlev Drenckhahn: Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Kabinettsbeschluss der CSU-Landesregierung so wenig wert ist und von den eigenen Leuten so massiv unterlaufen wird. Ich bin enttäuscht, weil man von der CSU, die einmal Vorreiter bei den Nationalparkgründungen im Bayerischen Wald und bei Berchtesgaden war, künftig kaum noch etwas für den Naturschutz erwarten kann. Sie könnte für viele wertekonservative Anhänger aus dem Naturschutz keine Option mehr sein. Absolute Mehrheiten und selbstherrliches politisches Handeln sind Gift für die Natur.

    Was ist falsch gelaufen beim Thema dritter Nationalpark?

    Drenckhahn: Die Umweltverbände hatten es kaum für möglich gehalten, dass Ministerpräsident Seehofer seine vielfach gelobte Nationalparkoffensive nicht in seiner eigenen Partei durchsetzen konnte und dass seinem designierten Nachfolger alle Mittel recht waren, unter anderem durch Positionierung gegen Nationalparke, Seehofer zu schwächen. Das wurde zu spät erkannt.

    Wieso haben es die Befürworter, gerade auch die großen Umweltverbände, nicht geschafft, für Zustimmung, vielleicht sogar Begeisterung zu sorgen? Wieso gelang es nicht, die Bürger „mitzunehmen“?

    Drenckhahn: Zwei Emnid-Umfragen ergaben eine massive Zustimmung der Bevölkerung: Über 90 Prozent der Bürger Unterfrankens waren für einen Nationalpark im Spessart und würden es auch für einen Nationalpark in der Rhön sein. Im Spessart waren es immerhin noch zwei Drittel der Bevölkerung trotz massiver Negativ-Kampagnen von Bauernverband, Staatsforsten, Jägerschaft, Holzindustrie und der unterfränkischen CSU gegen den Park. Über 10 000 Einzelpersonen haben sich in der Spessartregion durch Unterschrift für den Nationalpark ausgesprochen.

    Müssen sich die Befürworter nicht auch selbst etwas vorwerfen? Wieso gingen die positiven Stimmen unter im Vergleich zu den massiven Stimmen der Gegner?

    Drenckhahn: Man hätte schon im Sommer 2016 Strukturen einer Pro-Nationalpark-Bewegung aufbauen und auch die Parteienlandschaft außerhalb der CSU für einen Nationalpark gewinnen müssen. Besonders von den Grünen und der SPD hatte man wohl vorausgesetzt, dass sie sich deutlich für einen Nationalpark einsetzen und dadurch eine Wahlalternative schaffen würden. Das erwies sich als Fehleinschätzung. Die Stimmen der Gegner waren lauter aber nicht zahlreicher, wie die Emnid-Umfragen zeigten. Den pressewirksamen Traktorparaden und Aufmärschen der Bauernschaft, Holzindustrie und Jagdlobby mit ihrer Außenwirkung hatten die Naturschutzverbände nur Straßenstände und Informationsveranstaltungen entgegen zu setzen. Und sie waren nicht darauf vorbereitet, dass ihre Veranstaltungen systematisch von der Antibewegung gestört und gesprengt wurden.

    Schließlich haben die Beschlüsse der absolutistisch regierenden CSU gegen einen Nationalpark – noch bevor die Pläne der Staatsregierung offen gelegt waren – auch eine gewisse Resignation erzeugt, wie das von der CSU so geplant war.

    Das alles betrifft vor allem den Spessart. Wie steht es um die Rhön?

    Drenckhahn: Ich habe den Eindruck, dass viele Verantwortliche vor Ort aus den Gemeinden, den Tourismusverbänden, den Staatsbädern, aus dem Rhönklub und der Wirtschaft für einen Nationalpark sind – also die wichtigsten Institutionen des „Willens der Bevölkerung“. Eine Umfrage würde mit Sicherheit weit über 75 Prozent Zustimmung in der Rhön ergeben. Aber auch hier arbeiten die Staatsforsten wie im Spessart als langer Arm der CSU offen gegen die Nationalparkpläne der Staatsregierung mit dem schriftlichen Aufruf „Wehren Sie sich gegen den Nationalpark wie die Jäger im Spessart! Keine Trophäenjagd mehr! Falsche Brennholzversprechen!“ und so weiter sind die Parolen. Das wird offensichtlich von oben gedeckt, um Gegenstimmen zu generieren, damit Herr Söder sagen kann, dass die Bevölkerung angeblich gegen einen Nationalpark sei.

    Der designierte Ministerpräsident sagt, einen Nationalpark könne man nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen. Kann man doch? Sollte man?

    Drenckhahn: Wenn mehr als 50 Prozent der Bevölkerung gegen einen Nationalpark stimmen, verbietet das Demokratieverständnis, einen Nationalpark durchzusetzen. Ich würde sogar eine zwei Drittel Mehrheit an Zustimmung als Votum für einen Nationalpark für angemessen halten. Wer will dann noch davon sprechen, dass der „Willen der Bevölkerung“ gegen den Nationalpark sei. Überall in Deutschland und auf der Welt, wo ich Gründungen von Nationalparks erlebt habe, bestanden zunächst Bedenken bei Teilen der Bevölkerung. Die haben sich aber immer weitgehend in den Folgejahren zerstreut, weil die Vorteile für die Bevölkerung offenkundig wurden. Im ehemals umkämpften Nationalpark Schwarzwald sprechen Tourismusbranche und Bürgermeister heute in der Presse von einem „Jackpot“.

    Sie plädierten klar für den Spessart und seine Buchenwälder. Wie sinnvoll und gut wäre ein Nationalpark in der Rhön?

    Drenckhahn: Man darf beide Regionen nicht gegeneinander ausspielen. Teile des Spessarts sind mit den großflächigen, alten Baumbeständen einzigartig in Mitteleuropa. Werden die jetzt nicht dauerhaft geschützt, sind sie in 50 bis 100 Jahren verschwunden und der ganze Wald erntegerecht von den Staatsforsten umgestaltet. Deshalb setzen sich die Naturschutzverbände weiterhin für 10 000 Hektar Waldschutzgebiete im Spessart ein, um zu retten, was es noch zu retten gibt. Die Rhön besitzt aufgrund ihrer vielgestaltigen Landschaft und Geologie die höchste Artenvielfalt in Deutschland und ist hervorragend für einen Nationalpark geeignet. Auch die geplante Einbeziehung von Teilen Hessens in einen solchen Park mit der vorhandenen Infrastruktur des Biosphärengebietes sind besondere Pluspunkte.

    Sind die Donau-Auen eine probate Alternative? Sehen Sie für eine Initiative Nationalpark dort überhaupt noch einen Sinn?

    Drenckhahn: Ich kann mich dazu nicht kompetent äußern. Aber man bekommt wohl die geforderten 10 000 Hektar zusammenhängende Fläche nicht zusammen.

    Stichwort Glyphosat, Aufgabe der Klimaziele, jetzt das Aus für den dritten Nationalpark in Bayern: Hat der Umwelt- und Naturschutz in Deutschland derzeit zu wenig Bedeutung? Kein Gewicht in der Politik?

    Drenckhahn: Meines Erachtens wird das Thema Glyphosat deshalb so hoch gespielt, weil es auch in der grünen Gentechnik eingesetzt wird. Wenn dies für Tiere und Menschen doch wenig schädliche Pestizid komplett verboten würde, was wird dann als Ersatz genommen? Es geht vielmehr um eine dringend notwendige massive Einschränkung des Einsatzes aller Pestizide. Mit den ehrgeizigen Klimazielen hat sich Deutschland offenbar politisch übernommen. Alle politischen Parteien außer den standhaften Grünen sind sich da einig. Ich bin trotzdem zuversichtlich, dass mittelfristig der Klima-Fahrplan noch korrigiert wird. Wir können gar nicht anders. Die Umweltparteien müssen hier weiterhin Druck aufbauen. Auch bin ich davon überzeugt, dass angesichts des rasanten Artensterbens und des Schwundes der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit, umweltbewusstes Handeln für die Politik unausweichlich wird.

    Das Gewicht des Umweltschutzes wird zwangsläufig zunehmen und Parteien, die das verneinen, werden an Zustimmung verlieren.

    Was sehen Sie im Moment als dringlichste Umweltschutzaufgabe in Deutschland?

    Was sollte Priorität haben?

    Drenckhahn: Erstens: Die Umsetzung der Ziele der Strategie zum Schutz der biologischen Vielfalt, zu der sich Deutschland 2007 im Rahmen der Vereinten Nationen verpflichtet hat. Dazu gehört die vereinbarte Unterschutzstellung von zehn Prozent der Waldfläche in öffentlicher Hand, auch in Bayern. Zweitens die Umsetzung der nationalen Klimaziele. Drittens die Einpreisung aller Umweltkosten, einschließlich Verbrauch und Nitratbelastung von Wasser, Klimawirkungen und soziale Faktoren, die in allen eingeführten oder hier hergestellten Produkten stecken. Das würde zu umweltbewusstem Handeln zwingen und den nationalen und weltweiten ökologischen Fußabdruck Deutschlands mindern helfen.

    Blick in die Zukunft: Wo und wann wird in Deutschland ein neuer Nationalpark eröffnet?

    Drenckhahn: Ich hoffe in der Rhön.

    Professor Detlev Drenckhahn

    Detlev Drenckhahn war zwölf Jahre lang Präsident des World Wide Fund for Nature (WWF) in Deutschland und ist seit Juli 2016 Ehrenpräsident. 1944 auf Rügen geboren, war Drenckhahn als Initiator einer Umweltbewegung wesentlich an der Gründung des Nationalparks Wattenmeer in den 70er und 80er Jahren beteiligt. Sein beruflicher Weg führte den Mediziner 1990 nach Würzburg, wo er zum Inhaber des Lehrstuhls für Anatomie berufen wurde. Für seine Verdienste im Naturschutz wurde Drenckhahn 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Den Spessart kennt er gut: Seit 15 Jahren beschäftigt er sich mit der Kartierung der heimischen Pflanzenwelt und der Entdeckung neuer Pflanzenarten.

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