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    Grippe: Impfstoff-Not in Bayern

    Grippe: Impfstoff-Not in Bayern
    Eine Spritze mit Vierfach-Grippeimpfstoff liegt in einer Arztpraxis auf einem Tisch. Grippeimpfstoffe sind in Bayern und vielen Teilen Deutschlands bereits knapp geworden. Foto: dpa

    In vielen Arztpraxen und Apotheken im Freistaat gibt es keinen Grippeimpfstoff mehr. "Wir versuchen jeden Tag, mehrmals Impfstoff zu bestellen und würden gnadenlos zuschlagen", sagt Bernward Unger, unterfränkischer Bezirksvorstand im Bayerischen Apothekerverband. "Aber im Moment ist nichts zu bekommen." Damit ist Unger kein Einzelfall. Aktuell könne über den Großhandel bayernweit nichts bezogen werden, bestätigt der Apothekerverband in München. Nur Restbestände seien teils noch vorhanden. Was heißt das für die Patienten? Kann man sich nicht mehr impfen lassen?

    Fünf Prozent mehr Impfungen bisher in Bayern

    Doch, sagt der Giebelstädter Hausarzt Dr. Christian Pfeiffer. Noch. Wenige Impfdosen habe er noch im Kühlschrank, ähnliche sehe es bei Kollegen in der Region aus. "Aber danach bekommen wir nichts mehr." In seiner Praxis hätten sich deutlich mehr Patienten als im Vorjahr impfen lassen, so der unterfränkische Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Und noch immer sei die Nachfrage groß.

    Das bestätigt das Landesamt für Gesundheit in Erlangen. Allein bis Ende Oktober 2018 hätten sich im Freistaat rund fünf Prozent mehr Menschen gegen Grippe impfen lassen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Wo deshalb nun Engpässe bestünden, werde derzeit ermittelt.

    Insgesamt sind bundesweit 15,7 Millionen Impfdosen verfügbar – rund eine Million mehr als 2017 genutzt wurden. Trotzdem herrscht aktuell nicht nur in Bayern, sondern auch in anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Hessen regional Impfstoff-Not. Woran liegt das?

    "Ursache ist, dass die Grippeschutzimpfung in der laufenden Saison in höherem Maß nachgefragt wird", heißt es vom Landesamt. Die schwere Grippewelle im vergangenen Winter zeige Wirkung. Zudem wird heuer erstmals auch Kassenpatienten ein Vierfachimpfstoff bezahlt.

    Grippe: Impfstoff-Not in Bayern
    Der Impfstoff-Mangel trifft nicht nur Bayern sondern zahlreiche Bundesländer. Foto: dpa

    Daneben könnte zu vorsichtige Kalkulation eine Rolle spielen, sagt Bernward Unger, der selbst eine Apotheke in Dettelbach betreibt. Schon im Februar und März müssten Vorbestellungen für die nächste Saison abgegeben werden. So früh sei das schwierig. Zudem sei der Preisdruck der Krankenkassen spürbar, "es geht keiner mehr ins Risiko". Er selbst habe im Vorjahr "ein deutliches Minus gemacht". Diese Angst vor Rückforderungen kennt auch Christian Pfeiffer. Überraschend kommt der aktuelle Mangel für den Hausarzt nicht, in den vergangenen Jahren habe es immer wieder Probleme gegeben. Aber: "Es ist sehr zeitig, dass der Impfstoff weg ist. Normalerweise kann man auch im Januar oder Februar noch etwas beziehen."

    Vertragskonstellationen zwischen Kassen und Apothekern befeuern Engpässe

    Auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie kritisiert, das aktuelle Versorgungsproblem sei vorhersehbar gewesen. Schuld seien Vertragskonstellationen zwischen Krankenkassen und Apothekern, die "fast rabattvertragsähnliche Situationen schaffen", sagt der stellvertretende Pressesprecher Andreas Aumann. Wenn etwa ein Impfstoff nur bis zu einem bestimmten Preis von den Kassen erstattet werde, schließe das teurere Hersteller aus. So laste die Impfstoff-Versorgung eventuell auf den Schultern von nur einem oder wenigen Herstellern und bei Ausfällen oder unerwartet hoher Nachfrage entstünden Engpässe. Wichtig sei es deshalb, die Marktbedingungen zu verändern.

    Kurzfristig weitere Impfstoffdosen zu produzieren, ist hingegen nicht möglich. Die Herstellung dauert rund sechs Monate. Um die aktuelle Situation zu verbessern, will die Bayerische Landesarbeitsgemeinschaft Impfen nun vorhandene Bestände im Freistaat ermitteln und besser verteilen - etwa über eine Tauschbörse, die der Bayerische Apothekerverband eingerichtet hat. Zudem sollen etwa 20.000 Impfdosen aus Frankreich importiert werden.

    Als Ersatz für die Grippeimpfung gibt es keine alternative Impfung

    In Unterfranken stoßen diese Bemühungen auf Skepsis. "Wenn ein Kollege noch 50 Impfdosen im Kühlschrank hat, glaube ich nicht, dass er diese jetzt hergibt und tauscht", sagt Christian Pfeiffer. "Denn auch im Januar kommen noch Patienten und wollen geimpft werden." Und das könnte schwierig werden.

    Bisher gibt es in Bayern 72 Grippefälle. Geringfügig mehr als im Vorjahr, so das Landesamt. Wie eine Saison verlaufe, lasse sich aber nicht vorhersagen. Einen Ersatz oder Alternativen zur klassischen Grippeimpfung gebe es jedenfalls nicht, sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut auf Anfrage. Der Impfstoff müsse immer den zirkulierenden Viren angepasst werden, "da hilft auch keine alte Impfung". Für Ungeimpfte gelte: Hände desinfizieren und Abstand zu Grippekranken halten.

    Grippe und Impfung
    Die Erreger der Influenza sind Viren, die Wissenschaftler in die Typen A, B und C unterteilen. Für Menschen sind die saisonal auftretenden Influenza A- und B-Viren besonders relevant. Sie können durch winzige Tröpfchen – ein Niesen reicht schon – übertragen werden. Tückisch ist vor allem, dass Grippeviren einzelne ihrer Gensegmente schnell verändern können. So entstehen beim Typ A unterschiedliche Subtypen, beim Typ B neue Linien. 
    Für diese Grippesaison gibt es von der Ständigen Impfkommission erstmals eine Empfehlung für einen Vierfachimpfstoff – mit jeweils zwei A- und B-Komponenten. Von der "Aufrüstung" profitieren nun auch Kassenpatienten. Zuvor hatten häufig nur Privatpatienten Vierfach-Dosen angeboten bekommen. Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Grippeimpfung generell Menschen ab 60 Jahren, Bewohnern von Alten- oder Pflegeheimen und Patienten mit chronischen Krankheiten oder Grundleiden jeden Alters. Eine Empfehlung gibt es auch für Schwangere. 
    Impfen lassen sollte sich auch medizinisches Personal. Grippeimpfungen sind im Oktober und November sinnvoll. Nach dem Pieks dauert es zehn bis 14 Tage, ehe sich der Impfschutz vollständig aufbaut. Die Grippewellen starten meist im Dezember oder Januar. (dpa)
     

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