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    Grün für die Rollator-Rennbahn

    Lehrer und Schüler: Hans Günter erklärt Lirak den Rosenschnitt. Im Hintergrund Chris und Karl Kümmeth.

    Thorsten stöhnt: „Das ist die Hölle heute.“ Dutzende Schubkarren Schotter müssen angekarrt werden, um das Fundament für den Pavillon vorzubereiten. Heute sind Kraft und Durchhaltevermögen gefragt. Die Karren der Halbwüchsigen sind nur halb voll, doch es ist ein heißer Tag. So heiß, dass die Dusche aus Maximilians Gießkanne eine willkommene Abkühlung ist. Doch zu viel ist es den Zwölf- bis 14-Jährigen mit schwitzigen Dreckstreifen im Gesicht auch heute nicht.

    „Wir machen das hier ganz alleine“, erklärt Sven stolz und zufrieden. Der Pavillon in der Südost-Ecke der alten Klostermauern wird ihrer sein: ihr Treffpunkt, ihr grünes Klassenzimmer und ihre Imbiss-Bude. Hier ist Schule anders.

    Die Senioreneinrichtung Haus Franziskus am Fuß des Wolfgangsberges ist das Ziel der Mittelschüler – in diesem Schuljahr sind es zehn Jungs – wenn sie jeden Donnerstagnachmittag für eineinhalb Stunden im „Schulgarten“ arbeiten, der genauso Kloster- oder Seniorengarten heißen könnte. Hinter dem Haus, wo die Rollator- oder auch Rollstuhl-Rennbahn den Beetzuschnitt vorgibt, ist der Garten der Schüler. Vier Partner haben diesen Schulgarten entstehen lassen. Ein bayernweit wohl einmaliges Projekt, bei dem die Mittelschule Ochsenfurt die Schüler, das Kommunalunternehmen des Landkreises den Boden, der Obst- und Gartenbauverein Ochsenfurt (OGV) das Wissen und ehrenamtliche Mitarbeiter, so manches Grüngut und Ausrüstung beiträgt. Die soziale Begleitung kommt von der Schulseelsorge der Diözese.

    Die Idee hatte Diakon Markus Giese. Er wusste, dass die Schüler ein Nachmittagsprojekt brauchten, der OGV einen Weg suchte, an junge Leute heran zu kommen und der Klostergarten nach den Neubau-Maßnahmen nur mehr dürftig als Garten zu erkennen war. Er selbst begleitet das Projekt im Rahmen seiner Fortbildung zum Schulseelsorger – nicht ohne jeden Donnerstag selbst Hacke und Schaufel zu schwingen.

    Beim Konzept musste nicht lange überlegt werden. Die alten Klostermauern, einige alte Bäume und die vorgegebenen Wege – alles wurde ins Visier genommen und dann einigten sich die vier Partner: Blumenrabatten an der Hausmauer entlang, in der Mitte Rasen und Rosenbeete mit Buchseinfassung und an der Mauer entlang der Nutzgarten samt Gerätehäuschen und Kräuterterrasse. Damit sind alle Möglichkeiten gegeben, den Schülern Basiswissen für den Anbau von Beeren, Kräutern, Weinreben, Kartoffeln und Gemüse im Nutzgarten sowie die Pflege von Blühpflanzen im Freizeitgarten zu vermitteln.

    „Weil es Spaß macht!“
    Marco Nachwuchs-Gärtner

    Jetzt neigt sich das zweite Projektjahr dem Ende zu und jeder scheint auf seine Kosten gekommen zu sein. Der Garten ist so gut wie fertig angelegt und gibt ein Umfeld ab, das mit den Jahreszeiten wechselt, wo Leben ist, wo es blüht wie früher zu Hause bei den Senioren: Rosen, Tagetes, Strohblumen, Margeriten, Stiefmütterchen und Begonien. Ein gemeinsames Arbeiten ist den Senioren nicht mehr möglich, aber ihr Interesse ist den Schülern sicher, dazu viele Erfahrungen und reichlich Lob.

    Hans Günter, Vorsitzender des OGV ist sich ziemlich sicher, dass sich der ein oder andere seiner Zöglinge für einen grünen Beruf entscheidet. Eltern und Lehrer beobachten mit Erstaunen, welch positive Entwicklung einzelne Kinder und die Gruppe als solche gemacht haben. Etwas zu schaffen, Verantwortung haben, beflügelt scheinbar. Und pflanzen und säen macht richtig Spaß.

    Eine feste Gruppe von Mitgliedern des OGV hat sich im Schulgarten-Team zusammen gefunden. Neben dem Vorsitzenden ist es Stellvertreter Reinhard Fajen, der sich als Berufsschulrektor im Ruhestand um den Theorieteil kümmert, von den Baumarten über die Bodenlebewesen bis zu den Eisheiligen oder die Vögelfütterung. Exkursionen in den Wald, zu den Bienen von Karl-Heinz Strauß oder die Teilnahme an der kleinen Gartenschau in Kitzingen mit Insektenhotels sorgen für Abwechslung. Immer wieder, manchmal schon nach zehn Minuten, wechseln die Jugendlichen ihre Arbeitsplätze. Sie gießen, säen, schneiden verwelkte Rosenblüten aus, lockern die Erde bei den Erdbeeren – wenn es sein muss „auf Augenhöhe“, wie Lukas die Arbeit im Liegen nennt. Nicht mehr als zwei Schüler sind pro Erwachsenem eingeplant, der sie anleitet. Die Schulgarten-Stunden sind straff organisiert – bis zum abschließenden Imbiss – mit eigenen Radieschen, mit Schnittlauch und Erdbeeren.

    Langeweile wäre das Schlimmste, sagt Giese. Gute Planung ist daher wichtig. Aber eineinhalb Stunden die Woche reichen schließlich hinten und vorne nicht, um den Garten gepflegt zu halten. Da springt der OGV ein, der großen Ehrgeiz in dieses Vorzeigeprojekt steckt. Und irgendjemand findet sich immer der in den Ferien Gießdienst übernimmt. Manchmal auch Schüler.

    Einige wollen auch nächstes Jahr wieder dabei sein, dann schon das zweite oder auch das dritte Jahr, wie Marco: „Weil es Spaß macht!“ Und Lirak will „bevor wir was falsch machen“ für den eigenen Garten profitieren, den die Familie gepachtet hat.

    Willkommen: Erfrischung für Thorsten von Maximilian.
    Spaß darf sein: Robert Häußler, Reinhard Fajen, Lirak und Karl Kümmeth.
    Gehört dazu: Brotzeit mit eigener Ernte.

    Von unserer Mitarbeiterin Antje Roscoe

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