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    Addis Abeba / Würzburg

    Haile Gebrselassie: "Wir haben zu viel Technologie im Sport"

    Er ist das äthiopische Vorbild, eine lebende Lauflegende und heute erfolgreicher Geschäftsmann. Haile Gebrselassie über Erfolge, Armut, seinen Sport und Hass aus dem Netz.
    Äthiopiens Lauflegende Haile Gebrselassie im September 2006 nach seinem Sieg beim Berlin-Marathon.  Foto: Wolfgang Kumm, dpa

    Er hat 26 Weltrekorde aufgestellt, war zweifacher Olympiasieger, vierfacher Weltmeister und hat in den 90er Jahren die Langstrecken der Leichtathletik dominiert: Haile Gebrselassie, lebende äthiopische Lauflegende.  In Deutschland wird er seit seinen Berliner Marathonsiegen und Weltrekorden geliebt, in Äthiopien als große Persönlichkeit verehrt. Selbst über eine Kandidatur als Staatspräsident wurde schon spekuliert.

    Gebrselassie ist mit neun Geschwistern in einfachsten Verhältnissen auf dem Land aufgewachsen, seine aktive Karriere als Langstreckenläufer beendete er 2015. Heute ist er erfolgreicher Geschäftsmann, der vor allem im Immobilienbereich mit seinem Unternehmen Haile & Alem International in großem Stil im eigenen Land investiert. Seit einigen Jahren unterstützt er als Ehrenbotschafter die Äthiopien-Stiftung "Menschen für Menschen". Beim Gespräch in seinem Büro in Addis Abeba zeigt sich der 46-Jährige herzlich, locker und nahbar – aber auch nachdenklich und kritisch, was die Lage in seinem Land und Entwicklungen im Sport angeht.

    Frage: Heute schon gelaufen?

    Haile Gebrselassie: Selbstverständlich.

    Das heißt, Sie trainieren noch immer täglich?

    Gebrselassie: Das ist ein Muss. Ich komme morgens nicht ins Büro, ohne vorher gelaufen zu sein. Das ist mein Frühstück.

    Wieviele Kilometer machen Sie noch pro Woche?

    Gebrselassie: Ach, natürlich weniger als früher, als ich für Wettkämpfe bis zu 40 Kilometer am Tag gelaufen bin. Jetzt sind es noch zehn bis zwölf Kilometer – am Wochenende gern etwas mehr, bis zu 20 Kilometer.

    Weltmeister, Olympiasieger, Marathon-Weltrekordler: Haile Gebrselassie beim Main-Post-Interview in seinem Büro in Addis Abeba. Foto: Henning Neuhaus

    Immer noch beachtlich für einen erfolgreichen Geschäftsmann und Familienvater. 

    Gebrselassie: Ja, meine älteste Tochter ist schon 22. Sie macht nächstes Jahr ihren Abschluss an der Universität in Atlanta. Meine beiden anderen Töchter sind 20 und 18, mein Sohn ist 14.

    Laufen Ihre Kinder auch?

    Gebrselassie: Nein. Immerhin, mein Sohn spielt Fußball.

    Traurig, dass die Kinder so gar nicht dem Vater nacheifern?

    Gebrselassie: Ja, klar hätte ich es mir gewünscht. Aber die Lust aufs Laufen muss von innen kommen, da hilft kein Druck.

    Sie haben den äthiopischen Traum verwirklicht, wurden Laufstar und reich. Was sagen Sie den Läufern der nächsten Generation, wie sie das auch schaffen können?

    Gebrselassie: Ach, heute geht es immer nur um IT, Computer, Technologie. Viele von ihnen meinen, über Abkürzungen zum Erfolg zu kommen - ohne zu schwitzen, ohne hart zu arbeiten. Sie denken ans schnelle Geld. Ich halte das für eine gefährliche Entwicklung, weltweit. Ich versuche den jungen Athleten klarzumachen: Ohne Schweiß und ehrliche, harte Arbeit geht gar nichts. Viele von ihnen halten sich für schlau. Aber sie sind es nicht. Wer eine Abkürzung nimmt, wird später Probleme haben. Denken Sie an die Doping-Geschichten, die vor zwei, drei Jahren die Leichtathletik getroffen haben. Ich sage den jungen Leuten: Wenn ihr gute Sportler sein wollt, macht euren Job mit Disziplin und harter Arbeit. Nur das zählt. 

    Startschuss zum 19. Great Ethiopian Run am 17. November 2019 in Addis Abeba mit Gründer und Organisationschef Haile Gebrselassie. Foto: Vintage Pixels Studio

    Welchen Stellenwert hat Laufen in Äthiopien? So hoch wie Fußball in Deutschland?

    Gebrselassie: Ja, definitiv. Es gehört einfach zu unserem Land. Im Laufen sind wir erfolgreich wie in keiner anderen Sportart.

    Mit dem Great Ethiopian Run haben Sie 2001 den größten Straßenlauf Afrikas geschaffen, 2019 waren es 46 000 Teilnehmer. Was war die Motivation?

    Gebrselassie: Die Idee kam über den Big North Run, ein großer Lauf in Newcastle. Ich war als Olympiasieger dorthin eingeladen und man fragte mich, ob so ein Lauf nicht auch in Addis Abeba denkbar wäre. Da habe ich spontan ja gesagt – und man hat mir ein Team zur Unterstützung bei der Organisation ein Jahr später geschickt. Der Anfang war nicht leicht, aber jetzt sind wir gut aufgestellt.

    Wie groß kann dieser Zehn-Kilometer-Lauf noch werden?

    Gebrselassie: Ich weiß es nicht. 50 000 Teilnehmer sollten möglich sein. Das Hauptproblem sind ein paar Engstellen auf der Strecke.

    Stolz und Freude nach dem Zieleinlauf beim Great Ethiopian Run in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Foto: Sisay Endale

    Das stimmt, schon heute staut sich das riesige Feld. Schnell zu laufen ist da schwierig.

    Gebrselassie: Ihr Europäer denkt immer an schnelle Zeiten. Aber 90 Prozent der äthiopischen Läufer beim Great Run wollen den Lauf einfach genießen, mit Musik, mit Tanz, mit Gesängen. Ein Teilnehmer ist erst nach dreieinhalb Stunden ins Ziel gekommen. Natürlich haben wir auch ihn noch mit einer Medaille empfangen.

    Mein Eindruck als Teilnehmer war: Dieser Lauf verbindet die Menschen gleich welcher Herkunft, welcher Ethnie.

    Gebrselassie: Ganz genau. Wir haben in Äthiopien ethnische Spannungen. Aber wenn die Leute zum Great Ethiopian Run kommen, dann sind sie alle gleich. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Läufern, egal welcher Partei, welcher Religion oder Volksgruppe sie angehören. Sie alle kommen und freuen sich – das schafft nur der Sport.

    Rund 46 000 Teilnehmer gingen bei der 19. Auflage des Great Ethiopian Run in Addis Abeba auf die Strecke - ein fröhliches, ausgelassenes Lauffest nicht nur für schnelle Athleten.  Foto: Natnael Fikru

    Außerdem sammeln Sie mit  dem Lauf noch Geld für soziale Projekte.

    Gebrselassie: Das ist mir sehr wichtig. Wir wollen mit dem Lauf und dem Geld der Teilnehmer zwei Schulen bauen, soziale Verantwortung zeigen.

    Wieviel haben Sie in diesem Jahr eingenommen?

    Gebrselassie: Am Ende werden es über zwei Millionen Birr sein (ca. 60 000 Euro, Anm. d. R.). Das ist fantastisch.

    Und Sie unterstützen auch persönlich soziale Projekte.

    Gebrselassie: Ja, über meine beiden Unternehmen. Eine Schule haben wir schon gebaut, eine zweite wird jetzt im Januar fertig. Als Bürger dieses Landes und aus einer Verantwortung heraus fühle ich mich dazu verpflichtet. Ich habe über 3000 Leute in meinen Firmen. Die Schule, die wir gerade bauen, ist in der Nähe meiner Kaffeeplantage und für die Kinder meiner Arbeiter gedacht. Also ich habe hier auch ein eigenes Interesse.

    Haile Gebrselassie umringt nach seinem Weltrekord über 5000 Meter beim Grand Prix in Helsinki im Juni 1998. Foto: dpa

    Kaffeeplantage, Transportunternehmen, Hotels, Immobilien, Baufirma - der Geschäftsmann Haile Gebrselassie expandiert. Wie viele Sport-Resorts in Äthiopien haben Sie mittlerweile?

    Gebrselassie: Sechs sind fertig und in Betrieb, vier weitere werden gerade realisiert. Und erst kürzlich haben wir 300 Apartments und acht Villen gebaut.

    Erwarten Ihre Landsleute von Ihnen als reicher Geschäftsmann da nicht mehr Wohltaten?

    Gebrselassie: Hmmmm, ja, einige Leute hätten das gerne. Ich selbst komme aus einer armen Bauernfamilie und denke immer darüber nach, wie sich das Leben der Leute nachhaltig verbessern lässt, nicht nur vorübergehend, indem man etwas Geld gibt. Davon halte ich nichts. Ich finde, man sollte den Leuten Gelegenheiten geben. Wenn jemand Hände und Füße hat, warum sollte er nicht arbeiten? Jobs für die Leute zu schaffen, hat für mich höchste Priorität. Als Athlet habe ich das Preisgeld aus den Wettkämpfen zurückgelegt und mit der Baufirma angefangen - und damit Chancen eröffnet. Heute arbeiten 3200 Leute in der Firma. Ich bin darüber sehr glücklich.

    Auch etwas stolz?

    Gebrselassie: Jedenfalls nicht auf das Geld, das ich spende. Wirklich stolz bin ich auf die Jobs, die ich für diese Menschen geschaffen habe. Das ist mein größter Erfolg.

    Die Bürohäuser mit Kino und Fitnessclub von Haile Gebrselassie und Ehefrau Alem in der Bole Road in Addis Abeba. Foto: Andreas Jungbauer

    Auch "Menschen für Menschen" will nachhaltige Perspektiven gemeinsam mit den Leuten erarbeiten. Unterstützen Sie die Organisation deshalb?

    Gebrselassie: Es gibt ja viele Hilfsorganisationen in Äthiopien. Die allermeisten kommen und liefern nur die Spenden ab. Oder sie bringen Nahrungsmittelhilfe im Kampf gegen den Hunger. Ich war immer gegen diese Praxis. Vor Jahren habe ich dann von "Menschen für Menschen" gehört. Dass sie Schulen bauen, Gesundheitsstationen. Dass sie Fortbildungen für die Bauern machen für eine bessere Landwirtschaft. Als sie mich eines Tages in ihr Projektgebiet Midda eingeladen haben, war ich beeindruckt von der Arbeit. Sie ist sehr wertvoll für mein Land. Ich halte nichts von Hilfslieferungen. Statt jemandem einen Fisch zu geben, ist es besser, ihm das Angeln beizubringen. Das ist Prinzip bei "Menschen für Menschen". Wenn die jungen Leute eine gute Ausbildung bekommen, helfen sie sich selber. Wie viele Schulen hat "Menschen für Menschen" eigentlich schon gebaut?

    Über 400.  Die hundertste war die Main-Post-Schule in Wolkebela, eröffnet im Februar 2005 nach einer großen Spendenaktion in unserem Verbreitungsgebiet.

    Gebrselassie: Das ist großartig. Ich habe natürlich viel zu tun mit meinen Geschäften. Aber ich unterstütze "Menschen für Menschen", wann immer sie mich bitten. Wenn Sie mich fragen, ist das die beste Nichtregierungsorganisation hier im Land. Und Karlheinz Böhm ist für die Leute wie ein Vater Äthiopiens.

    Haben Sie Böhm persönlich kennengelernt?

    Gebrselassie: Aber sicher. Wir haben uns viele Male getroffen.

    Duell zweier Freunde: Haile Gebrselassie (links) jubelt im September 2000 im Olympiastadion von Sydney im Finale über 10 000 Meter über seinen knappen Sieg vor dem Kenianer Paul Tergat. Foto: Oliver Multhaup, dpa

    Zurück zum Sport. Warum sind die Äthiopier generell so stark im Langstreckenlauf?

    Gebrselassie: Beim Laufen machen 50 Prozent die Begabung und die Prägung in der Kindheit aus - also durch die Lebensweise, das Aufwachsen, den Ort, das Wetter. Wenn Sie nach Äthiopien schauen, ist der größte Faktor die Höhenlage mit weniger Sauerstoff. Die Kinder wachsen damit auf. Wer hier oben trainiert, hat einen Vorteil. Und dann eben der Lebensstil. Kinder auf dem Land laufen irgendwie immer. Ich selbst bin jeden Tag zehn Kilometer zur Schule gegangen und zurück. Wer in Äthiopien mit einem ernsthaften Training beginnt, kann sehr schnell erfolgreich sein.

    Die Höhenlagen hat Kenia auch. Wie sehen Sie die ewige Rivalität der beiden Nationen? Sind Sie noch mit ihrem Konkurrenten Paul Tergat befreundet?

    Gebrselassie: Jaaaa! Paul ich sind Freunde. Außerhalb von Wettkämpfen waren wir das immer und nach dem Ende unserer aktiven Laufbahn erst recht. Wir sitzen zusammen und erinnern uns an frühere Wettkämpfe. Wenn Paul nach Äthiopien kommt,  ist er mit mir unterwegs. Wenn ich nach Kenia fliege, brauche ich ihn nur anzurufen. Ich sage den Leuten immer: Ohne die Äthiopier sind die Kenianer niemals gut, und umgekehrt. Wir brauchen uns gegenseitig. Im übrigen, Äthiopien hatte mit allen Nachbarländern Krieg, außer mit Kenia. Das tragen wir im Sport aus. 

    In Deutschland sind Sie der bekannteste und beliebteste Äthiopier, jeder Läufer kennt Haile . . . 

    Gebrselassie: Dankeschön.

    Spüren Sie diese Zuneigung?

    Gebrselassie: Oh ja! Schon wenn ich am Flughafen in Frankfurt ankomme, freuen sich die Leute und sprechen mich an: "Hey, was machst du diesmal hier?" Und viele Autogrammwünsche bekomme ich aus Deutschland.

    September 2008: Haile Gebrselassie gewinnt zum dritten Mal in Folge den Berlin-Marathon und läuft in 2:03:59 einen neuen Weltrekord.  Foto: Wolfgang Kumm, dpa

    Haben Sie eine besondere Beziehung zu Deutschland? Ihren ersten Weltmeistertitel haben Sie 1993 in Stuttgart gewonnen . . .

    Gebrselassie: Da war ich noch sehr jung. Ich bekam einen Mercedes. Ich war froh und stolz, so viel Respekt von einem so großen Land zu bekommen. Ich dachte: Ich bin doch ein Niemand. Ich bin nur ein Läufer aus einem armen afrikanischen Land. Übrigens fragen nicht nur Sie... Wenn so viel Post aus Deutschland bei mir ankommt, höre ich hier: "Haile, wir verstehen das nicht. Die Deutschen scheinen Dich wirklich zu lieben." Ja, und ich liebe die Deutschen auch!  Ihre Mentalität, ihr technisches Knowhow.

    Sie mögen die Deutschen, und die Deutschen geben etwas zurück?

    Gebrselassie: Ja, nicht nur mir gegenüber, sondern meinem Land. Ich habe nichts für Deutschland getan, aber wir bekommen von dort so viel. Man unterstützt Äthiopien, wie über "Menschen für Menschen". Auch die deutsche Regierung mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Ich habe wirklich Danke zu sagen im Namen aller Äthiopier.

    Will als Unternehmer Jobs in Äthiopien schaffen: Lauflegende Haile Gebrselassie. Foto: Henning Neuhaus

    Berlin ist für Sie als Vierfachsieger beim Marathon mit zwei Weltrekorden ein ganz besonderes Pflaster. Zuletzt hat Ihr Landsmann Kenenisa Bekele den Weltrekord dort um ganze zwei Sekunden verpasst. Haben Sie mitgelitten?

    Gebrselassie: Ja, ich habe es im Fernsehen mitverfolgt. Das Tragische ist: Kenenisa wusste kurz vor dem Ziel selbst nicht, wie dicht er am Weltrekord ist. Sonst hätte er die zwei Sekunden noch geholt. Er hatte es nicht auf den Weltrekord angelegt. Zwei Sekunden auf der Marathonstrecke - das ist einfach nichts! Ich bin beim Zuschauen fast gestorben.

    Glauben Sie, Bekele kann den Weltrekord noch einmal angreifen?

    Gebrselassie: Natürlich hat er jetzt eine große Chance verpasst. Aber man weiß nie. Wenn er gut in Form bleibt... Nur müssen wir beim Marathon immer auf das Wetter schauen. Alles muss an einem solchen Tag zu 110 Prozent passen.

    Beraten Sie Bekele?

    Gebrselassie: Nein. Wir haben ja mit Jos Hermens denselben Manager. Natürlich, wenn wir uns auf der Hochzeit eines Freundes treffen, sprechen wir über das eine oder andere.

    Blick ins Jahr 1995: Haile Gebrselassie läuft im holländischen Hengelo mit 26:43:53 Minuten einen neuen Weltrekord über 10 000 Meter und wird von den Fans gefeiert. Foto: Anp

    Der offizielle Weltrekord bleibt also erstmal bei Eliud Kipchoge. Inoffiziell ist der Kenianer in Wien unter Spezialbedingungen sogar als erster Mensch den Marathon unter zwei Stunden gelaufen. Was sagen Sie zu diesem umstrittenen Nike-Projekt? 

    Gebrselassie: Es ist gut für Kipchoge und hat für Aufmerksamkeit gesorgt. Ich respektiere Kipchoge, er ist ein sehr disziplinierter Athlet, ein harter Arbeiter. Die Frage ist: Kann er auch unter zwei Stunden ohne irgendwelche Hilfen laufen? Was es für den Marathon bedeutet, kann man jetzt noch nicht sagen. Wie werden die Zuschauer reagieren? Ist ein Marathon mit einer Zeit von 2:03 oder 2:05 Stunden nichts mehr wert? Da stellen sich einige Fragen.

    Auch was den von Kipchoge verwendeten, neuartigen Nike-Laufschuh "Vaporfly" betrifft? 

    Gebrselassie: Die internationale Athletenkommission sollte hier Stellung beziehen. In Äthiopien haben wir von Leuten gehört, die die schnelle Nike-Sohle in Schuhe ihres eigenen Ausrüsters einbauen. Wir haben mittlerweile zu viel Technologie im Sport, das finde ich nicht gut. Wissenschaft und Technologie sollten sich aus dem Sport heraushalten. Ich frage Sie: Warum kommen die Leute ins Stadion, um Athletik zu erleben? Nicht wegen Wissenschaft und irgendwelcher Technologien. Im Sport geht es um die Leistung von Menschen. Vielleicht können sie eines Tages eine Maschine in ihr Bein einbauen, springen wie ein Känguru und den Marathon in 1:30 Stunden laufen. Denkbar ist das. Aber eines muss man natürlich sagen: Das Nike-Projekt hat grundsätzlich Werbung für den Marathon gemacht.

    Sie haben vor kurzem deutliche Kritik am sozialen Netzwerk Facebook geübt. Was stört Sie daran?

    Gebrselassie: Sie werden gehört haben, was hier in Äthiopien passiert ist. Das meiste davon ist eine Folge von Veröffentlichungen auf Facebook. Da werden Fake News verbreitet. Auf Videos wird gezeigt, wie Menschen abgeschlachtet und geköpft werden. Facebook muss hier eingreifen!

    Nachdenklich mit Blick auf sein Land: Lauflegende Haile Gebrselassie beim Main-Post-Interview in seinem Büro in Addis Abeba. Foto: Henning Neuhaus

    Sie meinen ethnische Unruhen mit zahlreichen Toten.

    Gebrselassie: Glauben Sie mir: Wenn sie nichts unternehmen, droht hier in Äthiopien das Schlimmste, was die Welt je gesehen hat. Hass entsteht, angestachelt durch Facebook. Die jungen Leute sind von den Gewaltvideos nur kurz geschockt und machen es dann nach. Natürlich können wir mit den Menschen reden und für einen sorgsamen Umgang mit Facebook werben. Aber einige Unverantwortliche nehmen keine Rücksicht. Hier muss Facebook seinen Kontrollmechanismus nutzen! Falls nicht, kann ich sie zwar nicht vor ein internationales Gericht bringen. Aber ich werde Facebook anklagen vor den Völkern der Welt. 86 Tote gab es hier in zwei Tagen. Schockierend war die Art und Weise, wie die Menschen dahingemetzelt wurden. Das ist nicht unsere Kultur, nicht unsere Tradition, nicht unsere Religion. Und das meiste entstand durch Facebook.

    Sie genießen so viel Respekt in Äthiopien, Ihre Stimme wird gehört. Erdrückt Sie nicht manchmal die Verantwortung, die Sie für das Land verspüren?

    Gebrselassie: Es ist wirklich schwer. Als Haile Gebrselassie bin ich um die Welt gereist, war in über 100 Ländern. Doch jetzt sitze ich hier und frage mich: Was ist meine Verantwortung? Ein Unternehmen zu gründen und für Jobs Tausender Leute zu sorgen, ist nicht genug. Ich lebe in diesem Land, ich bin hier geboren. Unter 100 Leuten gibt es einen oder zwei schlechte Menschen – die müssen wir herausholen. Dieses Land hat 110 Millionen Einwohner, um so viel mehr als zum Beispiel Syrien. Wenn in Äthiopien etwas passiert, wird die ganze Welt weinen. Deshalb haben wir eine Verantwortung, im Land und international. Manchmal brauchen wir dazu die Hilfe anderer Staaten - wie Deutschland.

    Zum Abschluss des Gesprächs ein Erinnerungsbild unter Läufern: Haile Gebrselassie mit Main-Post-Redakteur Andreas Jungbauer. Foto: Henning Neuhaus
    Im BR-"Fitnessmagazin": Eindrücke vom Great Ethiopian Run
    Main-Post-Redakteur Andreas Jungbauer hat Lauflegende Haile Gebrselassie nicht nur zum Interview getroffen, sondern im November in Addis Abeba auch selbst am "Great Ethiopian Run" teilgenommen, dem größten Straßenlauf Afrikas. Gebrelassie ist dessen Gründer und Organisationschef. Im "Fitnessmagazin" des Bayerischen Rundfunks berichtet Jungbauer von seinen Eindrücken und Erlebnissen - und erklärt im Gespräch mit BR-Redakteurin Christine Kellermann, warum das Laufen in Äthiopien so große Bedeutung hat. Die Sendung auf B5 aktuell ist nachzuhören im Podcast unter: www.br.de/mediathek/podcast/das-fitnessmagazin/677 (Episode vom 12.Januar).
    Main-Post-Redakteur Andreas Jungbauer im November beim Great Ethiopian Run in Äthiopiens Hauptstadt - mit 46 000 Teilnehmern der größte Straßenlauf Afrikas. Foto: Elizaveta Bekmanis

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