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    Würzburg

    Hat die Kirche bei jungen Menschen noch eine Chance?

    Viele junge Menschen kamen im August 2011 nach Madrid, um den Papst zu sehen und den Weltjugendtag zu feiern.
    Foto: Javier Lizon, dpa

    Starre Strukturen, unverständliche Texte und altbackene Lieder: So sehen viele junge Menschen die Kirche. 32 Prozent der Jugendlichen, die sich selbst als religiös bezeichnen, sagen laut einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschland: Die Kirche muss sich ändern, wenn sie eine Zukunft haben soll. Und 38 Prozent meinen: Mein Glaube hat nichts mit Kirche zu tun. Wie kann die Kirche diese Menschen erreichen?

    Sophia-Theresa Rasch engagiert sich in der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) in Würzburg. Drei Semester lang war sie Sprecherin der KHG, heute betreut sie deren Instagram-Kanal. Wie kann die Kirche junge Menschen ansprechen? Rasch sagt, neben Gottesdiensten gehe es um punktuelle Angebote. "Dabei fühlt sich jeder angesprochen und trotzdem nicht verpflichtet, ständig zu kommen."

    80 bis 100 Menschen bei Gottesdiensten der KHG

    Die KHG veranstaltet Workshops, zum Beispiel zur Rolle der Frau in der deutsch-türkischen Kultur. "Es gibt ganz viel, was mit Kirche erst mal gar nichts zu tun hat. Da kommen auch viele, die mit Kirche nichts am Hut haben." Im Gottesdienst gehe es um die Umsetzung: Musik, politische Stellungnahmen, eine andere Auslegung der Bibel. Zu den Gottesdiensten der KHG – eine der größten Hochschulgemeinden in Deutschland – kämen 80 bis 100 Menschen, neben Studenten viele Familien. Gottesdienste dort würden sich von denen in klassischen Gemeinden unterscheiden: "Es sind nicht die Gottesloblieder, es ist nicht der schimpfende Zeigefinger, sondern Botschaften aus dem Alltag."

    Rasch ist selbst in einer klassischen Gemeinde aufgewachsen. Die 24-Jährige stammt aus einem Dorf in der Nähe von Augsburg. "Außer Feuerwehr, Musik und Kirche gibt es da nichts", sagt Rasch. Der christliche Glaube war in ihrer Jugend "schon präsent, aber nicht so, dass ich streng katholisch erzogen worden wäre". 

    Freikirchen: "Zuwachs ohne Ende"

    Brauchen junge Menschen die Kirche, um ihren Glauben zu leben? "Mein jugendliches Ich dachte, es braucht keine Kirche, und die Kirche aus meiner Heimat habe ich nicht gebraucht", sagt Rasch. Bei der KHG und Taizé sei das anders, Glaube in Gemeinschaft zudem einfacher. "Das merkt man ja an den ganzen Freikirchen, die haben einen Zuwachs ohne Ende."

    "Es funktioniert nicht, dasselbe zu machen wie bei den Menschen vor 200 Jahren."
    Sophia-Theresa Rasch von der Katholischen Hochschulgemeinde Würzburg

    Woran scheitert es also bei der katholischen Kirche? "Wenn die Kirche an Ostern, wo sich viele aufraffen, nicht voll ist, dann läuft was falsch", sagt Rasch. Aus Sicht der 24-Jährigen ist die Kirche zu einem großen Teil selbst dafür verantwortlich. "Die Kirche hat den Absprung verpasst, die Menschen in ihrer globalen, pluralistischen Gesellschaft abzuholen. Es funktioniert nicht, dasselbe zu machen wie bei den Menschen vor 200 Jahren." Stellenweise erkenne die Kirche das Problem. In ihrer aktuellen Form sei sie nicht zeitgemäß. "Das fängt bei der Rolle der Frau an und geht bis zur Meinung zu politischen Themen wie der Anerkennung sexueller Identitäten. Da gibt es viel Nachholbedarf."

    Die Strukturen in der Kirche werden oft kritisiert, wie in Freiburg bei einer Protestaktion von Maria 2.0 im Juni dieses Jahres.
    Foto: Patrick Seeger

    Ein Angebot für Jugendliche hat auch die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Stephan in Würzburg mit dem Gottesdienst "Auszeit". Es sei kein typischer Gottesdienst, ein Studentenpfarrer helfe bei der Vorbereitung, sagt Pfarrer Jürgen Dolling. "Wir tragen zum Beispiel keine liturgischen Gewänder. Natürlich kommen biblische Texte vor, aber eine klassische Viertelstundenpredigt gibt es nicht." Der Gottesdienst werde zwar nachgefragt, "die Massen" kämen aber nicht.

    Kontakt zu Jugendlichen ist wichtig

    Dolling sagt, es gehe um mehr als die "Fixierung" auf den Gottesdienst: "Im Leben der Menschen war es noch nie der Mittelpunkt und das muss man akzeptieren." Für Jugendliche seien andere Dinge wichtig. Die Menschen seien zudem "institutionenkritisch" geworden. "Am wichtigsten ist, dass die Jugendlichen das, was sie religiös wollen und brauchen, bekommen. Vielleicht brauchen sie die Kirche eine Zeit lang gar nicht."

    Mit den Bedürfnissen der Jugendlichen setzt sich auch Dekanatsjugendreferent Frank Grohmann auseinander. Für die Evangelische Jugend Würzburg arbeitet er mit den Mitarbeitern in Gemeinden und unterstützt beim Konfirmantenunterricht. Der Kontakt zu den jungen Menschen sei wichtig, viel funktioniere über Beziehungsarbeit, glaubt er.

    "Wir wollen vorleben, dass Kirche jugendgerecht geht", sagt Grohmann. Im Stadtgebiet Würzburg organisiere die Evangelische Jugend dazu Jugendgottesdienste, oft an Freitag- oder Sonntagabenden. "Das funktioniert ganz gut, wir sind bis Ende des nächsten Jahres ausgebucht." Je nach Gemeinde kämen zu den Gottesdienstem zwischen 40 und 100 junge Menschen.

    "Jugendliche nehmen Kirche oft als sehr antiquarisch und verstaubt wahr und gehen sehr ungern in die Kirche", sagt Grohmann. Die meisten Gottesdienste fänden zu einer "nicht gerechten Zeit" statt. "Die stehen in der Woche jeden Tag um 5 oder 6 Uhr auf, um zur Schule zu kommen." Oft habe Kirche zudem mit Auswendiglernen, Zwang und Verpflichtung zu tun. "Die Jugendlichen klinken sich dann aus, weil sie die Schnauze voll haben, und sagen: Ich brauche die Kirche nicht, um meinen Glauben zu leben, beten kann ich auch zuhause."

    Kinder und Jugendliche gehen in Deutschland nur noch selten zur Kirche.
    Foto: Getty Images

    In den Jugendgottesdiensten gebe es deshalb keine Vorschriften und keinen festen Ablauf. "Die Jugendlichen überlegen sich selbst, was ihnen wichtig ist. Ob es ein Kyrie gibt oder jemand vorne steht und was zum Thema sagt, ist denen vollkommen wurscht." Oft gehe es um Themen, die auf den ersten Blick nichts mit dem Glauben zu tun haben, oder um eine modernere Version der christlichen Grundfragen. "Mittlerweile gibt es jugendgerechte Übersetzungen der Bibel und nicht solche, bei denen man nach dem dritten Mal immer noch nicht weiß: Was heißt das jetzt?", sagt Grohmann.

    Ein Eisgutschein fürs Ministrieren

    Bei den Ministranten der Kuratie Hl. Dreifaltigkeit und von St. Vitus in Veitshöchheim (Lkr. Würzburg) ist die Kirche auch als Institution präsent. Samstagabends organisieren sie die "T-Stube" mit gemeinsamen Aktionen, im Sommer findet ein Zeltlager statt. "Es ist nicht so, dass wir nur christliche Sachen machen. Die Leute stellen es sich, glaube ich, christlicher vor, als es ist", sagt Luca Petzlitz von St. Vitus. "Da kommen auch Kinder, die keine Ministranten oder nicht katholisch sind", ergänzt Katharina Schmitt von der Kuratie. Das Ministrieren gehöre natürlich trotzdem dazu, genau wie das Beten vor dem Essen im Zeltlager.

    Die Veranstaltungen seien je nach Angebot besser oder schlechter besucht. "Wenn wir einen Casino-Abend machen, kommen schon einige. Wenn wir Pizza backen, dann sind es vielleicht fünf Kinder", sagt Schmitt. In der Kirche sei das ähnlich. "Bei Vorabendmessen sind 20 Leute da und die sind dann 70 oder älter, beim Gartenfest ist die Kirche komplett voll."

    Es komme immer darauf an, wie viel Werbung die Ministranten machen. "Wenn wir sagen: Kommt alle Sonntag in die Kirche, es wird richtig cool, dann kommen auch viele." Außerdem haben die Ministranten ein Belohnungssystem etabliert. Nach fünf Diensten bekommen die Kinder einen Eisgutschein. "Kinder gehen ja meistens nicht zum Ministrieren, weil die sagen: Ministrieren, voll cool, sondern man muss denen was bieten."

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