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    Würzburg

    Hep-Hep-Unruhen: Krawalle gegen Juden starteten in Würzburg

    In Würzburg kam es 1819 zu den antijüdischen "Hep-Hep"-Unruhen. Wie sich die Krawalle verbreiteten und was sie mit dem Antisemitismus von heute zu tun haben.
    Stephan Laux von der Universität Trier hält am Donnerstag,  24. Oktober, einen Vortrag über die Hep-Hep-Unruhen. Foto: Laura Leskien

    Am Donnerstag, 24. Oktober kommt Prof. Dr. Stephan Laux, Geschichtsprofessor der Universität Trier, nach Würzburg. Im Shalom Europa hält er um 19.30 Uhr einen Vortrag als Veranstaltung des Johanna-Stahl-Zentrums über die Hep-Hep Unruhen von 1819. Im Vorfeld erklärt Laux, wie die Krawalle in Würzburg begannen, sich ausbreiteten und was sie mit dem Nationalsozialismus zu tun haben.

    Frage: Wo begannen die "Hep-Hep"-Krawalle?

    Stephan Laux: Ab dem 2. August 1819 randalierten Würzburger Bürger im Bereich des Doms. In den nachfolgenden sechs Tagen breiteten sich die Krawalle übers gesamte Stadtgebiet aus. Auch in Heidingsfeld und Rimpar wurden Juden unter "Hep-Hep"-Rufen bedroht.

    Gegen wen richteten sich die Unruhen?

    Laux: Die Menge griff jüdische Geschäfts- und Wohnhäuser an. Sie warfen Fensterscheiben ein und plünderten Läden. Juden wurden unter Gewaltanwendung aus der Stadt getrieben. In Heidingsfeld wurden Juden massiv bedroht, in Rimpar die Synagoge beschädigt. 

    Kamen dabei Menschen ums Leben?

    Laux: Im weiteren Verlauf griff die Menge Soldaten und Polizisten an. In Würzburg wurden ein Soldat und ein Bürger erschossen. Der Soldat wurde aus der Menge erschossen und der Bürger durch einen Polizisten.

    Was bedeutet der Ausspruch "Hep-Hep"?

    Laux: Das ist nie geklärt worden. Möglicherweise ist es eine Kreuzfahrerlosung aus dem Mittelalter. Der einprägsame Ausspruch sollte die Massen mobilisieren. Es war klar, dass mit dem Schlachtruf "Hep-Hep" Juden drangsaliert werden sollten.

    Warum begannen die Krawalle in Würzburg?

    Laux: Würzburg wurde ab 1814 bayerisch regiert. Die Wittelsbacher wollten ein allgemeingültiges Gesetz für die neuen Landesteile, Franken und Schwaben, erlassen. Die antijüdischen Proteste richteten sich wohl auch gegen die neue Regierung. Zu diesen wirtschaftlich unsicheren Zeiten entlud sich der Frust an den Juden. 

    Warum richteten sich die Krawalle gegen Juden?

    Laux: Man kann die Proteste nicht rein rational erklären. Sicherlich gab es einzelne Akteure, die gezielt Stimmung gegen die Regierung machten. Der Großteil der Krawallmacher berief sich auf tief verankerte antijüdische Ressentiments. Die Situation war hitzig, viele waren alkoholisiert und in Krawallstimmung. Der Volkszorn entlud sich am "Judenedikt" von 1813. Obwohl es eigentlich ziemlich restriktiv war, verbesserte es die rechtliche Stellung der jüdischen Bevölkerung. Christliche Geschäftsleute befürchteten Konkurrenz durch Juden, denen nun auch bürgerliche Berufe erlaubt waren. Man wollte auch verhindern, dass Juden der Hausierhandel erlaubt wurde.

    Welche politischen Gruppen und sozialen Schichten beteiligten sich an den Krawallen?

    Laux: Es ist belegt, dass christliche Kaufleute unter den Rädelsführern waren. Die Masse der Tumultuanten waren wohl einfache Leute und Handwerker. Die treibende Kraft aber bildeten Kaufleute, die um ihre Privilegien fürchteten. Die Studenten haben wohl eine geringe Rolle gespielt.

    Wie reagierte der Rest der Gesellschaft auf die Pogrome? Gab es so etwas wie zivilgesellschaftlichen Widerstand?

    Laux: Der Rest der Bevölkerung reagierte teilnahmslos. So etwas wie zivilgesellschaftlichen Widerstand gab es nicht. Jedoch traten zwei Angehörige der Universität Würzburg, Seuffert und Brendel, auf dem Landtag in München für die Liberalisierung der rechtlichen Stellung der Juden ein. Als sie zurück nach Würzburg kamen, wurden sie dafür angefeindet.

    Wie verbreiteten sich damals die Krawalle weiter?

    Laux: Durch Zeitungsberichterstattung und Flugblätter. Die oft mit Zerrbildern von Juden versehenen Flugblätter wanderten von einem Ort zum nächsten. Von Würzburg aus verbreiteten sich die Unruhen über Bayreuth und Bamberg, Hessen und Baden. Ein weiterer bedeutender Ort war Hamburg.

    Warum verbreiteten sich die Krawalle?

    Laux: Es gab in Deutschland einen populären Antijudaismus. In Lust- und Lachspielen wurde die Herabsetzung der Juden zur komödiantischen Belustigung genutzt. Die einprägsame Parole "Hep-Hep" half ebenfalls bei der Verbreitung. Sobald eine Gruppe eine Losung hat, hat sie ein einigendes Band.

    Wie reagierte die herrschende Politik und was waren die Konsequenzen für die Täter?

    Laux: In Würzburg wurden 23 Menschen festgenommen. Sie wurden teilweise verurteilt, aber meines Wissens nach nicht zu schweren Strafen. Über die Urteile wurde wenig gesprochen, um ein erneutes Aufflammen der Krawalle zu verhindern. Vor allem sollte der Eindruck vermieden werden, es habe sich um regierungskritische Proteste gehandelt. Die Zeitungen schrieben von "Dummheiten junger Männer", die Politik reagierte teilweise mit Verständnis. So soll der bayrische Thronfolger Ludwig bedauert haben, dass man den Würzburgern nicht stärker entgegengekommen sei. Er fand das Verhalten der Würzburger nicht duldbar, aber zeigte Verständnis für ihre Forderungen, Würzburg von den Juden zu "verschonen". 

    Wie instrumentalisierten die Nazis die "Hep-Hep"-Unruhen?

    Laux: Im nationalsozialistischen Geschichtsverständnis sollte der Beleg erbracht werden, die Judenfeindschaft sei etwas ursprünglich Deutsches. In den "Hep-Hep"-Unruhen sah man eine Entladung des unverstellten "Deutschen Volksempfindens". Die Nazis sahen sich in einer antisemitischen Tradition und nicht als Erfinder des Judenhasses. Beispielsweise gibt es Hetzschriften etwa aus dem Bad Kissinger Raum, in denen die Judenfeindschaft als "gesundes Volksempfinden" dargestellt wurde. 

    Die Zahl antisemitischer Straftaten steigt aktuell. Kann man die Stimmung von 1819 mit der heutigen Situation vergleichen?

    Laux: Der gemeinsame Nenner ist ein negativ empfundenes Lebensschicksal auf der individuellen Ebene. Man sieht sich selbst als Opfer einer "schädlichen Volksgruppe". In der Vorstellung der Antisemiten sind die Juden Profiteure und Manipulateure. In der Tradition der deutschen Volkskultur ist eine Stigmatisierung der Juden stark verankert. Man könnte also eine antisemitische Traditionslinie ziehen: von den Hep-Hep-Unruhen über die NSDAP bis nach Halle. 

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