• aktualisiert:

    Würzburg

    Historiker beklagt: Studenten sind unpolitisch geworden

    Was war die 68er Studentenrevolte wirklich? Und was bleibt 50 Jahre danach? Historiker Horst Möller war hautnah dran - und sagt, was die AfD mit der APO zu tun hat.  
    Ostermarsch in Stuttgart, wenige Tage nach dem Mordanschlag auf Studentenführer Rudi Dutschke.  Der Zorn der Demonstranten richtete sich gegen alle Staatsgewalt und einen Teil der Presse, vor allem gegen den Axel-Springer-Verlag ('Enteignet Springer!').
    Ostermarsch in Stuttgart, wenige Tage nach dem Mordanschlag auf Studentenführer Rudi Dutschke.  Der Zorn der Demonstranten richtete sich gegen alle Staatsgewalt und einen Teil der Presse, vor allem gegen den Axel-Springer-Verlag ("Enteignet Springer!"). Foto: Reiss, dpa

    Vor 50 Jahren zogen sie lautstark durch die Straßen: Studenten demonstrierten für Reformen an den Hochschulen, gegen eine gesellschaftliche Verkrustung, für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Prof. em. Horst Möller hat die 68er Bewegung miterlebt – zunächst als Student in Berlin, dann als Dozent und Feindbild der Aufständischen. Der heute 75-jährige Historiker war von 1992 bis 2011 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München und wirft einen kritischen Blick auf die Studentenrevolte. Wir sprachen mit ihm vor einem öffentlichen Vortrag am Donnerstag, 29.November, in Würzburg.

    Prof. em. Horst Möller, langjähriger Leiter des Instituts für Zeitschichte (München).
    Prof. em. Horst Möller, langjähriger Leiter des Instituts für Zeitschichte (München). Foto: Alexander Klotz

    Frage: Herr Möller, wie haben Sie 1968 als Noch-Student an der Freien Universität Berlin die Proteste erlebt?

    Horst Möller: Es gab unterschiedliche Formen. Protestversammlungen, bei denen wirklich diskutiert wurde – ideologisch aufgeladen, aber durchaus mit Sachkenntnis. Das andere waren Proteste, die zunehmend gewalttätig wurden. Inhaltlich würde ich drei Aspekte unterscheiden: Die Forderung nach einer Reform der Universität, ein allgemeinpolitischer Anspruch, und drittens schaukelten sich Proteste an bestimmten Ereignissen hoch, wie etwa dem Schah-Besuch oder der Erschießung von Benno Ohnesorg.

    Waren Sie beteiligt oder haben Sie sich ferngehalten?

    Möller: An Diskussionsveranstaltungen habe ich öfters teilgenommen, weil alle interessanten marxistischen Theoretiker auftauchten, von Herbert Marcuse bis Theodor W. Adorno. Bei Protestkundgebungen war ich nur nach der Erschießung von Benno Ohnesorg. Ich stand in Distanz zu den Inhalten und Formen. Die zunehmende Gewalttätigkeit hat mich abgestoßen. Trotzdem war der intellektuelle Anspruch, politische Alternativen zu diskutieren, zumindest in der Anfangszeit nicht uninteressant, obwohl ich die Ziele nicht geteilt habe.

    Was war Ihnen suspekt?

    Möller: Ich war grundsätzlich Antimarxist. Trotzdem hat es mich gereizt, mich mit dem Marxismus auseinanderzusetzen. Ein wesentlicher Punkt in Berlin war die Entdeckung der Marx’schen Frühschriften, wo es weniger um die Ökonomie als um philosophische Theorien der Entfremdung ging, also die Rolle des Individuums in der Gesellschaft.

    Die 'Kommunarden' (von links): Dieter Kunzelmann, Antje Krüger, Rainer Langhans und Fritz Teufel Anfang FEbruar 1968 in Berlin in der Vollversammlung der so genannten 'kritischen Universität'. Die Studenten saßen in der Vorhalle des Auditoriums maximum der Technischen Universität auf dem Boden, da der Rektor die Genehmigung für die Benutzung des Auditoriums maximum zurückgezogen hatte. 
    Die "Kommunarden" (von links): Dieter Kunzelmann, Antje Krüger, Rainer Langhans und Fritz Teufel Anfang FEbruar 1968 in Berlin in der Vollversammlung der so genannten "kritischen Universität". Die Studenten saßen in der Vorhalle des Auditoriums maximum der Technischen Universität auf dem Boden, da der Rektor die Genehmigung für die Benutzung des Auditoriums maximum zurückgezogen hatte.  Foto: sv/h, dpa

    Welche Haupt-Antriebskräfte der 68er Revolte haben Sie damals wahrgenommen?

    Möller: Das war die Debatte um neue Strukturen in den Hochschulen, die Debatte um den Vietnamkrieg und speziell in Deutschland die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und Faschismustheorien.

    Was die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit angeht, werfen Sie den 68ern Legendenbildung vor. Warum?

    Möller: Es herrscht noch heute die weit verbreitete Auffassung, die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit habe erst mit der 68er Bewegung begonnen. Das ist objektiv falsch. Nehmen Sie die juristische Aufarbeitung: Da beginnt eine erste Welle in den 40er Jahren mit den Nürnberger Prozessen und Verfahren vor deutschen Gerichten. Sie flaut dann ab, um 1958 – also zehn Jahre vor den Protesten – ganz virulent zu werden. In Ulm wurde damals ein Prozess gegen Mitglieder einer so genannten Einsatzgruppe der SS durchgeführt, SS-Massenmördern, woraufhin die Justizminister 1958 die Zentrale Erfassungsstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg gründeten. Der Auschwitz-Prozess fand 1963 bis 1965 in Frankfurt statt. Was die 68er tatsächlich neu bzw. viel intensiver thematisierten, war die Rolle einzelner Hochschuldisziplinen bzw. Professoren in der NS-Zeit.

    Studenten demonstrieren nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 16.April 1968 in Bonn gegen die Springer-Presse. 
    Studenten demonstrieren nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 16.April 1968 in Bonn gegen die Springer-Presse.  Foto: Peter Popp, dpa

    Aber haben die 68er nicht zurecht darauf hingewiesen, dass etliche Funktionsträger trotz ihrer NS-Verstrickungen wieder in Amt und Würden kamen?

    Möller: Ja, Theodor Oberländer etwa war so ein Fall. Er war vor 1945 überzeugter und zumindest ideologisch sehr aktiver Nationalsozialist und wurde trotzdem der erste Vertriebenenminister der Bundesrepublik, weil man seine Partei für die Regierungsbildung brauchte. Insgesamt kamen jedoch kaum ideologisch bzw. strafrechtlich belastete ehemalige  Nationalsozialisten zurück in die erste politische Reihe der Parteien oder in die Bundesregierung. Die wenigen Ausnahmen waren einfache Parteimitglieder, die sich darüber hinaus nicht für das Regime engagiert hatten.

    Trotzdem wird den 68ern attestiert, sie hätten mehr Offenheit erstritten und – was die NS-Zeit angeht – einen kritischen Diskurs erst angestoßen…

    Möller: Und das stimmt eben nicht. Die 68er haben den Anspruch erhoben, sich als Erste objektiv mit den NS-Verbrechen und ihrer Wirkung auf die deutsche Gesellschaft auseinanderzusetzen. Aber kaum einer hatte Kenntnis von den Debatten zuvor. Es ist ja nicht so, wie landauf landab behauptet wird, dass man über den Holocaust und die Konzentrationslager nicht geredet habe. Das erste wichtige Buch dazu erschien 1946: „Der SS-Staat“ von Eugen Kogon. Auch das Tagebuch der Anne Frank wurde nicht erst 1968 veröffentlicht, sondern bereits 1949 und erreichte Auflagen, die in die Hunderttausende gingen.

    Forderten mehr Transparenz und Mitsprache: Protestierende Studenten vor der Sitzung des großen Senats an der Uni Würzburg am 16.Juli 1968.
    Forderten mehr Transparenz und Mitsprache: Protestierende Studenten vor der Sitzung des großen Senats an der Uni Würzburg am 16.Juli 1968. Foto: Röder

    „Nolte wird entführt, Möller wird liquidiert“, skandierten Studenten Anfang der 70er Jahre. Was hat Sie zum Feindbild gemacht?

    Möller: Ich habe mich als wissenschaftlicher Assistent an der Freien Uni Berlin gegen Gewalttätigkeit in der politischen Auseinandersetzung gewehrt und mich mit den Inhalten beschäftigt. Die Proteste fanden ja nicht nur auf der Straße statt, sondern auch direkt in der Uni als quasi  „rechtsfreiem Raum“. Bei mir, Nolte und anderen wurden Lehrveranstaltungen ständig gestört oder verhindert, auch Prüfungen. Ich gehörte zu jenen, die sich entschieden dagegen zur Wehr gesetzt haben und hatte mich auch hochschulpolitisch engagiert. Hinzu kam: Ich hatte für ein Seminar zu Revolutionstheorien als Einziger die grundlegenden Werke von Lenin und Rosa Luxemburg tatsächlich gelesen – die Studenten dagegen, wenn überhaupt, nur Schulungshefte. Sie wollten eine Propagandaveranstaltung daraus machen.

    Wie sind Sie damit umgegangen?

    Möller: Ich habe Lehrveranstaltungen verlegt oder sie bei Störungen mit eigenem Mikrofon weitergeführt. Und ich habe Leuten, die nicht regelmäßig im Seminar waren oder keine zureichenden Arbeiten abgeliefert haben, auch keinen Schein gegeben – wogegen es dann wieder neue Proteste gab.

    Und Ihre Verbindung zu Ernst Nolte? Er war später im Historikerstreit der 80er Jahre zur NS-Vergangenheit höchst umstritten. Als Sie eine Laudatio auf ihn hielten, bekamen Sie Rücktrittsforderungen als Leiter des Instituts für Zeitgeschichte.

    Möller: Ich hatte ein gutes persönliches und kollegiales Verhältnis zu Ernst Nolte, der ursprünglich Philosoph und Altphilologe war und immer als Außenseiter in der Historikerzunft galt. Er hat sogar über Marx promoviert und  kam also nicht von der intellektuellen Rechten, sondern Linken. Als Geschichtsdenker hatte er große Bedeutung und war Autor mehrerer herausragender historischer Werke. Und schließlich war ich überzeugt: Es würde kein anderer außer mir diese Laudatio halten. Anderen fehlte der Mut, sich mit einer umstrittenen Persönlichkeit zu verbinden.

    Nolte wurde vorgeworfen, deutsche Schuld zu relativieren und den Holocaust klein zu reden...

    Möller: Natürlich gibt es Thesen von Nolte, die ich ebenfalls ablehne – etwa seine These, es bestehe ein ‚kausaler Nexus‘ zwischen Auschwitz und den schon lange vorher installierten sowjetischen Gulag. Aber Nolte wurde zu Unrecht diffamiert: Er war weder ein Revisionist noch ein Holocaust-Leugner, auch wenn er sich in manchen Punkten verrannt hat. Seine Kritiker haben zu wenig zwischen fragwürdigen Thesen und seinen bedeutenden Leistungen und intellektuellen Anregungen  differenziert.

    In der Nacht auf den 13.Juli 1968 flogen Steine und Ziegel gegen die verglasten Eingangstüren der Neuen Uni am Sanderring. 
    In der Nacht auf den 13.Juli 1968 flogen Steine und Ziegel gegen die verglasten Eingangstüren der Neuen Uni am Sanderring.  Foto: Röder

    Schlagen wir die Brücke zur Gegenwart: Was sehen Sie heute als die nachhaltigste Wirkung der 68er?

    Möller: In Deutschland kam es zu Veränderungen in der Gesellschaft, in ihren Normen und Werten, die bis heute spürbar sind. Es gab Umbrüche in ganzen Lebensbereichen. Denken Sie an die so genannte sexuelle Befreiung, wobei auch diese nicht allein den 68ern zuzuschreiben ist. Hierarchien und Konventionen wurden aufgelöst, neue pädagogische Ansätze kamen auf den Weg, darunter fragwürdige. Und Reformen an den Universitäten waren objektiv notwendig: Sie haben sich von einer elitären Veranstaltung gewandelt zum Massenbetrieb. Dafür brauchte es neue Strukturen.

    Und politisch: Ist noch mehr geblieben außer der späteren Gründung der Grünen?

    Möller: Die Grünen sind sicher ein spätes Erbe der 68er – so wie es auch der Terrorismus der RAF ist. Im Grunde gibt es drei Stränge: Eine gesellschaftliche Reformbewegung mit der Veränderung von Normen und Konventionen, zum Zweiten die Gründung der Grünen als Umwelt- und Protestpartei und drittens die Radikalisierung und Militanz im mörderischen Terror der ‚Roten-Armee-Fraktion‘.

    Wenn Sie den politischen Diskurs heute mit 1968 vergleichen: Leben wir in einer entpolitisierten Gesellschaft?

    Möller: Da würde ich zustimmen. Ich beobachte eine Entpolitisierung, die ich nicht als positiv empfinde. Das betrifft auch die Universitäten. Während die Debatten damals zu politisiert waren, haben sich viele Studenten in der Folge immer mehr ins Unpolitische zurückgezogen. Zahlreiche Kontroversen betreffen marginale Themen Eine Demokratie braucht aber politische Debatten. Der Politisierungsgrad  wurde durch die 68er Bewegung  höher, und das war jenseits problematischer Inhalte positiv.

    Aktuell hat man das Gefühl, dass eine Politisierung eher durch rechte Zuspitzung forciert wird. Ist die AfD ein Stachel im gesellschaftlich-politischen Fleisch wie die APO (Außerparlamentarische Opposition) vor 50 Jahren?

    Möller: Ja, die AfD provoziert mit bestimmten Stereotypen politische Debatten. Allerdings hat sie bei weitem nicht den inhaltlichen Impetus wie damals die APO. Allerdings sind manche Themen, die die AfD forciert, durchaus zentral: Die anderen politischen Parteien reagieren meist reflexartig, das halte ich für einen Fehler. Natürlich muss man nach den Ursachen fragen, warum eine solche Partei auf 15 Prozent kommt. Und die Parteien sollten überlegen, ob sie bestimmte Themen vernachlässigt haben, die gesellschaftlich beunruhigend wirken. Die APO war ebenfalls eine Protestbewegung, aber mit konstruktiven Inhalten – auch wenn man diese nicht gutheißen muss.

    "Woher kam und wohin führte die Studentenrevolution von 1968?" Darüber spricht Prof. Horst Möller am Donnerstag, 29.November, von 19 bis 20.30 Uhr in der Akademie Domschule (Burkardushaus) in Würzburg. Der Eintritt ist frei.

    Drei Mal wöchentlich bequem per E-Mail:
    Abonnieren Sie jetzt den kompakten Würzburg-Newsletter!

    Kommentare (1)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!