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    WÜRZBURG

    Mit Mama und Papa im Hörsaal

    „Mama & Papa ante portas!“: Müjdat und Aydan Polat sowie Andreas und Conny Böhme erkunden mit ihren Kindern Aileen (19) ... Foto: Melanie Jäger

    Über 6000 Erstsemester haben in Würzburg mit ihrem Studium begonnen. Eine davon ist Sarah (19). Sie büffelt an diesem trüben Samstagvormittag in ihrem WG-Zimmer im Stadtteil Lengfeld Bio-Chemie. An der Uni ist sie heute nicht. Ihre Mutter Annette, die in der Nähe von Frankfurt lebt, schon.

    Sie sitzt zusammen mit anderen Eltern im riesigen Hörsaal im modernen Gebäude Z6 am Würzburger Hubland und lauscht Gerald Reusch, Gremienservice-Leiter im Präsidialbüro der Universität, was ihre Tochter Sarah im Studium in Würzburg so alles geboten bekommt. Zehn Fakultäten gibt es, 2000 Studenten können allein in diesem mit dem Petrini-Architekturpreis ausgezeichneten Gebäude zeitgleich unterrichtet werden. Sarahs Mutter staunt, schaut sich fast ehrfürchtig um.

    Elterntage sind ein Dauerbrenner

    Neue Gebäude, so sagt Reusch, seien notwendig, denn die Zahl der Studierenden habe sich im Vergleich zu den 1990er Jahren verdoppelt. Der Gremienservice-Leiter zeigt Bilder, erklärt, was sich am Hubland schon alles verändert hat und sich in den nächsten Jahren im neuen Stadtteil noch verändern wird.

    Führungen über den Campus und durch Hörsaalgebäude sind in Würzburg nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist heute das Publikum: Mamas und Papas aus ganz Deutschland sind an diesem Wochenende angereist. Nicht, um mal die Wohnung durchzuputzen oder Körbe mit Lebensmitteln in die WG-Küche zu stellen, nein. Sie sind gekommen, um zu bleiben. Drei Tage lang.

    „Mama & Papa ante portas!“ heißt das von der Stadt Würzburg konzipierte Programm, das in Kooperation mit der Julius-Maximilians-Universität (JMU), der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) und der Hochschule für Musik seit sieben Jahren ein Dauerbrenner ist. Ob Besichtigungen an den Hochschulstandorten, Busrundfahrten, geführte Altstadtrundgänge, Abendprogramm – mit dem obligatorischen Elternbesuch von anno dazumal, wo Mutti im Schnelldurchlauf das WG-Zimmer aufhübschte und die schmutzige Wäsche einpackte, hat das nichts mehr zu tun.

    „Ich finde das sehr gut, ich habe das in anderen Städten noch nicht gehört“, sagt Annette, die sich am frühen Abend mit Sarah treffen wird. Ihre Tochter habe ihr das Angebot weitergeleitet. „Früher wäre so etwas ganz unmöglich gewesen, aber heute ist man viel näher am Leben der Kinder dran. Da ist schon noch viel Sorge, ob sie wirklich alleine zurechtkommen.“

    Auch bei der schwierigen wie langwierigen Zimmersuche sei man als Eltern heute von Anfang bis Ende voll dabei. „Insofern ist es doch schön zu wissen, wie das neue Lebensumfeld aussieht, in dem die Kinder sich die nächsten Jahre bewegen werden.“

    Wo feiern die Kinder?

    Dass ihre zurückhaltende Tochter, die im Hochschulorchester Geige spielt, sich für die Kneipenstraßen interessieren könnte, durch die die Eltern vorhin im Bus gefahren wurden, bezweifelt sie allerdings. Andere Eltern indes zeigten sich sehr interessiert an den Feiermeilen der Stadt.

    „Wie heißt die Straße hier noch mal?“, rief ein Papa vorhin quer durch den Bus. „Sanderstraße“, rief Gästeführerin Sandra zurück und er nickte zufrieden. Ja, so meinte der Vater aus dem Rheinland dann, das sei schon spannend, das mal alles so direkt zu sehen. In welchen Räumen wohnen die Kinder, wo lernen sie, in welchen Kneipen feiern sie?

    Für Hakan (18) aus der Nähe von Heilbronn liegt das alles sehr nah beieinander. „Ich hatte bis Ende September noch kein Zimmer in Würzburg gefunden und mir echt Sorgen gemacht“, erzählt er. Doch dann klappte es doch noch. 15 Quadratmeter, 290 Euro. Mitten in der Sanderstraße! Ein Glücksgriff, den er völlig selbstständig gemacht hat.

    „Das ist schon nicht so einfach, wenn man plötzlich alleine in einer fremden Stadt ist. Man muss sich erst mal mit den Buslinien vertraut machen und hat ständig Angst, dass man irgendwo nicht rechtzeitig sein könnte.“ Hakan lacht. „Und am ersten Vorlesungstag stand ich zwanzig Minuten vorher vor der verschlossenen Hörsaaltür und war total nervös. Aber es wird jeden Tag besser.“

    Mittlerweile, so erzählt der Student der Wirtschaftswissenschaften, fühle er sich sicher in seinem Studentenleben. Dass seine Eltern heute mit ihm die Rundfahrt machen, bedeute ja nicht, dass er ein verhätschelter, unselbstständiger junger Mann wäre. Auch wenn sein Vater Müjdat vorhin schon ein bisschen gelästert hat beim Thema Eltern in der Uni: „Eigentlich voll peinlich, oder?“

    „Also, wir hätten so etwas früher definitiv nicht mit unseren Eltern gemacht!“

    Andreas Böhme, Vater einer Studentin

    Hakan und seine Freundin Aileen (19) haben beim darauffolgenden Gelächter ihrer Eltern fast unmerklich genervt die Augen verdreht. Für beide ist es überhaupt kein Problem, dass sie mit Mama und Papa in ihrer Studentenwelt unterwegs sind. Aileens Vater Andreas betrachtet das Elternprogramm ebenfalls mit Interesse – und einem Augenzwinkern. „Also, wir hätten so etwas damals definitiv nicht mit unseren Eltern gemacht“, erklärt er grinsend.

    Damals, das war 1985. Da hat er in Tübingen studiert. Eine Zeit, in der das Wort Abnabelung von Zuhause kein theoretischer Begriff, sondern Fakt war. Endlich frei sein, endlich selbstständig sein. Niemand, der ständig schaut und beurteilt, wie und wo man lebt. „Und wir sind auch alleine überall hingegangen. In die Mensa, in die Kneipe, das haben wir doch nicht davon abhängig gemacht, ob jemand von den Freunden da mitgeht. Apropos Mensa. Gibt es hier jetzt etwas zu essen?“

    Aileen, die ein WG-Zimmer in Versbach gefunden hat und wie ihr Freund Hakan Wirtschaftswissenschaften studiert, lächelt nachsichtig. „Papa, wir machen jetzt erst die Führung.“ Andreas lacht und läuft neben seiner Tochter aus dem Hörsaal heraus.

    Tochter büffelt

    „Das ist heute hier eine absolute Ausnahme“, verspricht er. „Dann lassen wir die Kinder in Ruhe studieren.“ Seine Frau Conny und Müjdat und Aydan nicken. Und machen gleich mal ein Erinnerungsfoto mit ihren Kindern vor dem Gebäude mit dem gigantischen Hörsaal.

    Annette, die Mutter von Studentin Sarah, ist ebenfalls auf dem Weg zurück zum Bus. Auch sie betrachtet die Stippvisite auf dem Campus als ersten und vermutlich letzten Besuch. „Richtig schön ist es hier oben ja auch nicht“, sagt sie. Deshalb freue sie sich jetzt umso mehr auf den Rundgang durch die Würzburger Altstadt und das Treffen mit ihrer Tochter. Die, die gerade in ihrem Zimmer in Lengfeld Bio-Chemie büffelt, während ihre Mutter ganz selbstverständlich das Studentenleben erkundet.

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