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    Würzburg

    Hochwasser 1970: Mit dem Schlauchboot durch Würzburg

    Vor 50 Jahren gab es die letzte "große Flut" in der Domstadt. Vorab war eine Katastrophenwarnung herausgegeben worden - doch der Main stieg schneller als erwartet.
    Das Hochwasser vom Februar 1970: Mit Kaffee und Kuchen durch die Fluten in der Würzburger Karmelitenstraße.
    Das Hochwasser vom Februar 1970: Mit Kaffee und Kuchen durch die Fluten in der Würzburger Karmelitenstraße. Foto: Hans Heer

    Wer heute entlang der Mauer des im Jahre 2012 vollendeten Hochwasserschutzes am Würzburger Willy-Brandt-Kai schlendert, dem fallen die Hochwassermarken vergangener Jahre und Jahrhunderte auf. Eine fehlt: Die des Magdalenenhochwassers vom 21. Juli 1342. Denn dafür ist die Mauer nicht hoch genug. Auch die Markierung des Frühjahrshochwassers vom 30. März 1845 am oberen Rand ist eher symbolisch, denn damals erreichte der Main am Pegel Würzburg eine Höhe von 8,34 Meter - die Mauer schützt jedoch nur bis zu einer Höhe von 8,05 Meter. Im Notfall könnten laut dem Pressesprecher der Stadt, Christian Weiß, heute weitere 20 Zentimeter mit einem Alufreibord abgefangen werden.

    Während 1342 als tausendjähriges Hochwasser angesehen wird, also als ein Hochwasser, wie es statistisch gesehen nur alle 1000 Jahre vorkommt, gilt das von 1845 als einhundert- bis zweihundertjähriges Hochwasser. Diese Marke wurde zwar schon seit 1834 in Würzburg nicht mehr erreicht, allerdings steigen die Mainpegel durch bauliche Veränderungen entlang des Flusslaufs und seiner Zuflüsse auch nicht mehr so hoch wie in früheren Jahren. Den Hochwasserschutz auf der rechten Mainseite hatte die Stadt bereits im Jahr 1971 beantragt, wohl unter dem Eindruck des Frühjahrshochwassers von 1970, das vielen älteren Würzburgern noch gut in Erinnerung sein wird.

    Hochwasser 1970: Mit Schlauchbooten durch die Karmelitenstraße.
    Hochwasser 1970: Mit Schlauchbooten durch die Karmelitenstraße. Foto: Röder

    Ende Februar 1970 regnete es in Süddeutschland lang und anhaltend. Allerorten traten Flüsse über die Ufer. Und immer wenn solche Regenfälle auf gefrorenen Boden und gleichzeitiges Tauwetter im Einzugsgebiet des Mains und seiner Zuflüsse zusammentreffen, läuten auch in Würzburg die Alarmglocken. Anhand der Pegel entlang des Mains konnte man das Herannahen der Hochwasserwelle deutlich verfolgen. Doch sie fiel höher aus als vorausgesagt.

    Der 25. Februar 1970 war ein Mittwoch. Weil vorab bereits eine Katastrophenwarnung für ganz Bayern herausgegeben worden war, war man in Würzburg gerüstet - dachte man. Sandsack-Barrieren wurden errichtet und in den gefährdeten Straßen Stege aufgestellt, damit die Anwohner trockenen  Fußes ihre Häuser erreichen konnten. Mit Ton wurden Kellerfenster und sonstige Ritzen abgedichtet. Rund 300 Männer des Tief- und Hochbauamtes der Stadt, der Stadt- und Bayerischen Bereitschaftspolizei, des Technischen Hilfswerks, der Feuerwehren, der DLRG und der Wasserwacht waren pausenlos seit den frühen Morgenstunden im Einsatz.

    "Statt zu jammern, greift man zu Eimern und Besen"
    Zeitungsbericht vom Februar 1970

    Im Laufe des Mittwochs war die Flut langsam aber stetig angestiegen, berichten zeitgenössische Chronisten. Donnerstagmorgen gegen 2.30 Uhr stieg der Pegel aber unerwartet schnell auf 6,69 Meter an, normal sind 1,78 Meter.  Die Wassermassen durchbrachen die Sandsack-Barrieren und überschwemmten die Büttnerstraße und das damals noch unbebaute Schwan-Grundstück, wo heute das Kaufhaus Wöhrl steht. Auch hinter der Alten Mainbrücke und am unteren Kranenkai brach der Main durch. So standen binnen kürzester Zeit die Kärrnergasse, die Karmelitenstraße bis in die Rückermainstraße, ein Teil des Inneren Grabens, die untere Juliuspromenade und die Gerberstraße unter Wasser. Auch Heidingsfeld war stark betroffen, dort mussten Wohnungen per Schlauchboot geräumt werden. Die Straßenbahnlinie 2 in die Zellerau wurde eingestellt und durch Busse ersetzt.

    Sorglos in den Straßen abgestellte Autos mussten aus dem Wasser gezogen werden - die Parkflächen direkt am Main waren vorher bereits geräumt worden - und die Männer des Tiefbauamtes sicherten die Hauseingänge ab. Die Stege waren nun nutzlos, denn sie halfen nur bis zu einer Wasserhöhe von sechs Meter. Ein innerstädtischer "Fährbetrieb" mit Schlauchbooten und Kähnen wurde eingerichtet.

    In die Keller vieler Geschäfte in der Domstraße stieg das Wasser meterhoch durch die Kanalschächte, in der Karmelitenstraße schwammen den Geschäftsleuten die Waren davon. In einem Elektrogeschäft in der Turmgasse vor dem heutigen Hotel Maritim dümpelten die Fernseher und Stereoanlagen in der braunen Brühe. Weil niemand mit einem so schnell und so hoch steigenden Wasser gerechnet hatte, waren Waschmaschinen und Fahrräder in den Kellern geblieben, auch konnte nicht jedes Auto schnell genug geborgen werden. Auf 3,62 Millionen DM bezifferte Würzburgs Oberbürgermeister Klaus Zeitler im Stadtrat Anfang März 1970 die vorläufigen Schäden.

    Wer nicht von den Wassermassen betroffen war, pilgerte als Gaffer bis an die Absperrungen heran. Die Alte Mainbrücke musste wegen der Schaulustigen für den motorisierten Verkehr gesperrt werden. Bei 6,69 Metern verharrte der Pegel, bis er langsam wieder zu sinken begann und das große Aufräumen anfing. Alle packten mit an, Nachbarschaftshilfe wurde groß geschrieben. "Statt zu jammern, greift man zu Eimern und Besen", hieß es in der Zeitung.

    Allein gelassen wurden die Geschädigten übrigens nicht, es gab staatliche Hilfen, auch wenn die auf sich warten ließen. Und auch bis zur Fertigstellung des Hochwasserschutzes für die Würzburger Altstadt dauert es dann doch noch über 40 Jahre. 

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