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    Würzburg

    Hundetrainerinnen: "Aggression ist erstmal nichts Schlimmes"

    Hundetrainerinnen: "Aggression ist erstmal nichts Schlimmes"
    Spaziergang mit American Staffordshire Terrier Hündin (links) und einem Rottweiler. Foto: dpa

    Was tun, wenn der Hund aggressiv wird? Wie soll man als Hundehalter am besten reagieren, wenn man mit seinem Vierbeiner in eine Extremsituation kommt? Die Würzburger Tierärztin und Hunde-Verhaltenstherapeutin Tanja Weigertveranstaltet vom 22. bis 24. März einen Vortrag und Workshop für Hundebesitzer und Trainer. Als Referentinnen kommen die deutschlandweit bekannten Trainerinnen Vanessa Bokr von der "Hellhound Foundation" und Sonja Klugmann aus Frankfurt nach Würzburg.

    Vanessa Bokr ist spezialisiert auf verhaltensauffällige Hunde und kümmert sich in Bispingen in der Lüneburger in ihrer "Auffangstation" um Tiere, die anderswo eingeschläfert worden wären. Auch Sonja Klugmann betreut seit vielen Jahren Hunde aller Rassen, die resozialisiert werden müssen. Beim Workshop bringen sie zwei "Hellhounds" mit - und erklären vorab schon, wie es überhaupt zu Aggression kommt. 

    Was ist „normal“ – was nicht? Was sind die häufigsten Verhaltensauffälligkeiten bei Hunden?

    Vanessa Bokr und Sonja Klugmann: Aggressives Verhalten ist ein normales und wichtiges Kommunikationsmittel von Hunden. Nur wenn es in schädigende Absicht gerät und sich gegen Menschen oder andere Hunde richtet, empfinden wir dies als problematisch. Was derzeit sehr häufig zu beobachten ist, ist die Leinenaggression sowie die statusbedingte Aggression innerhalb der Familie.

    Hundetrainerinnen: "Aggression ist erstmal nichts Schlimmes"
    Vanessa Bokr trainiert mit dem Rottweiler Apollo. Foto: dpa

    Leinenaggression?

    Bokr u. Klugmann: Ganz einfach: Der Hund pöbelt an der Leine. Das war früher einfach nicht so. 

    Wieso nimmt das zu?

    Bokr u. Klugmann: Da kommt viel zusammen. Hunde sind frustrierter als früher, haben weniger Auslauf. Eine halbe Stunde morgens und eine halbe Stunde abends raus, das beschäftigt viele einfach nicht ausreichend. Und viele Leute machen sich keine Gedanken mehr, was für eine Rasse sie haben. Die Idee, dass ein Golden Retriever ein toller Familienhund ist, stimmt einfach nicht. Der wurde für die Jagd gezüchtet.  

    Es heißt ja immer: „Der will nur spielen.“ Wann wird aus Spiel Ernst?

    Bokr u. Klugmann: Bei ausgewachsenen Tieren ist das "Spiel" eher eine Form des Kennenlernens und dient unter anderem dazu, die Grenzen und das Können seines Gegenübers zu testen. Oft wird Spiel auch zweckentfremdet genutzt, um seinen eigenen Status zu klären. Spiel kippt dann, wenn Grenzen überschritten werden die im Vorfeld nicht richtig geklärt wurden.

    Was sind typische Missverständnisse zwischen Mensch und Hund?

    Bokr u. Klugmann: Wenn menschliche Emotionen auf Hunde übertragen werden sollen, diese vom Hund falsch interpretiert werden und es dadurch zu Konflikten kommt.

    Hundetrainerinnen: "Aggression ist erstmal nichts Schlimmes"
    Vanessa Bokr (links) und ihre Mitarbeiterin Swantje Borrmann mit Hunden der "Hellhound Foundation" in Bispingen. Foto: dpa

    Wie kommt es dazu, dass ein Hund aggressiv wird? Wann wird ein Hund aggressiv?

    Bokr u. Klugmann: Aggression ist erstmal nichts Schlimmes. Sie dient der Kommunikation. Der Biss ist quasi die Spitze des Eisbergs. Bevor der Hund tatsächlich zubeißt, zeigt er vorher über sein Ausdrucksverhalten ein ganzes Repertoire an Warnsignalen. Die werden vom Menschen durch Unwissenheit oft aber nicht wahrgenommen. Aggression wird oft mit Gewalt gleichgesetzt. In den Köpfen vieler Menschen ist ein aggressiver Hund der, der seinen Halter beißt und sich auffällig und Zähne fletschend in seinem Umfeld präsentiert oder auch der, der seine Artgenossen angreift. Letztlich ist ein Biss für einen Hund die letzte Instanz seinem Gegenüber zu zeigen, dass er mit der Situation vollkommen überfordert ist.

    Welche Rassen sind besonders aggressiv?

    Bokr u. Klugmann: Hunde werden seit Jahrhunderten für gewisse Tätigkeitsfelder gezüchtet. Zum Beispiel für den  Wachschutz, Jagdbereich, Hütebereich, um Lasten zu ziehen. Für die Jagd und den Wachschutz müssen die Hunde eine gewisse Schärfe haben. Ein Deutscher Jagdterrier würde nichts taugen, wenn er sich vom ersten Wildschwein in die Flucht schlagen ließe. Es gibt keine Familienhundezucht auch wenn dies so oft erzählt wird. Per se kann man keine Rasse nennen, die besonders aggressiv ist. Man sollte sich aber bewusst sein, welche Rasse man sich ins Haus holt, welche Anforderungen sie stellt und ob ich diesen gerecht werden kann. Wenn ich ein Couchpotato bin, ist es also keine gute Idee mir eine Sportskanone anzuschaffen. Und als Gutwettermensch kaufe ich mir keinen Allwetterhund.

    Hundetrainerinnen: "Aggression ist erstmal nichts Schlimmes"
    Hundetrainerin Sonja Klugmann. Foto: HTL Fotografie

    Der größte Fehler, den man beim Umgang mit Hunden machen kann?

    Bokr u. Klugmann: Sie zu vermenschlichen. Es gibt klare Richtlinien für den artgemäßen Umgangmit dem Hund. Artikel 1: Der Hund hat das Recht auf einen sachkundigen Besitzer. Artikel 2: Der Hund hat das Recht auf dauerhaften sozialen Kontakt zu Menschen und Hunden. Artikel 3: Der Hund hat das Recht, mit Artgenossen zu spielen. Artikel 4: Der Hund hat das Recht auf Verlässlichkeit in seinen sozialen Beziehungen.

    Der größte Fehler, den man mit aggressiven Hunden machen kann?

    Bokr u. Klugmann: Die Aggression persönlich nehmen und ihnen Schmerz und Leid antun.

    Welche Grenzen muss man den Tieren generell setzen?

    Bokr u. Klugmann: Alle die zu einem harmonischen Leben führen.

    Wie begegnen Sie einem aggressiven Hund? Was tun Sie als erstes, wie gehen Sie vor?

    Bokr u. Klugmann: Man verhält sich deeskalierend und versucht die Situation erstmal so gut wie möglich abzusichern und zu entschärfen. In erster Linie muss die Gefahr, die vom Hund ausgeht abgesichert werden, was je nach Fall Leine oder Maulkorb bedeutet.

    Wie lange dauert eine Therapie im Schnitt?

    Bokr u. Klugmann: Zwischen drei und sechs Monaten, je nach Fall.

    Gab oder gibt es Hunde, bei denen Sie auch nicht mehr weiter wissen?

    Bokr u. Klugmann: Nein.

    Liegt es am Menschen, wenn ein Hund Probleme macht? Oder so gefragt: Gehören zu verhaltensauffälligen Hunden auch verhaltensauffällige Menschen?

    Bokr u. Klugmann: Nicht zwangsläufig. Man muss Dinge wie Aufzucht und Genetik berücksichtigen. Auch Schmerzen und Unfälle können ein Auslöser für Verhaltensauffälligkeiten sein.

    Noch mal zu den Rassen: Gibt’s Hunde für jedermann?

    Bokr u. Klugmann: Ja, aus Plüsch.

    Welche Hunde empfehlen Sie in Familien mit Kindern, Alleinstehenden, Berufstätigen, Senioren?

    Bokr u. Klugmann: Auch hier muss wieder individuell angepasst entschieden werden. Nicht jeder Rentner ist so wie der andere und so ist es eben auch beim Hund. Alleinstehende sind meistens auch nicht dauerhaft allein und Familie kann sich eben auch entwickeln.

    Was tun, wenn gar nichts mehr hilft?

    Bokr u. Klugmann: Wenn ich mir ein Tier kaufe, trage ich sein lebenslang die Verantwortung dafür. Wenn etwas so aus den Fugen gerät, das in einer Beziehung einer auf der Strecke bleibt, gibt es verschiedene Wege. Ich kann mit Hundetrainern, Verhaltenstherapeuten oder Tierärzten daran arbeiten, wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Sehr wichtig ist die Arbeit am Menschen selbst, Selbstreflexion wird oft vergessen und das komplette Paket dem Hund zugeschoben.

    Workshop "Aggression" für Hundehalter
    An Hundehalter und alle, die beruflich mit Hunden zu tun haben, richtet sich der Workshop und Abendvortrag, den Tierärztin Tanja Weigert vom 22. bis 24. März in Würzburg veranstaltet. Referentinnen sind die Hundetrainer Vanessa Bokr von der "Hellhoundfoundation" aus Bispingen bei Hamburg und Sonja Klugmann von "Klugmann - Dein Hund und Du" aus Mörfelden-Walldorf.

    Beim Vortrag am 22. März, 18.30 bis 21.30 Uhr, im "Noxum" in der Beethovenstraße geht es um Aggressionsformen. Am Samstag und Sonntag, 23. und 24. März, gibt es dann einen ganztägigen Praxisworkshop in den Posthallen.

    Kosten für den Vortrag 90 Euro, für Vortrag und Workshop 365 Euro. Infos und Anmeldung bei Tierärztin Tanja Weigert, Tierarzt@VerhaltenstherapieHunde.de.

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