• aktualisiert:

    GREUßENHEIM

    In fremde Erde gesät

    Die von-Rümker-Nachkommen leben heut in ganz Deutschland verstreut, doch trifft man sich einmal im Jahr am Familiengrab ... Foto: Elfriede Streitenberger

    Den Betrieb selbst gibt es nicht mehr, und längst wohnen die verbliebenen Mitglieder der von Rümker-Familie heute in Gotha, Berlin, Hannover. Doch einmal im Jahr treffen sie sich am Familiengrab in Greußenheim. Und erinnern sich an die Anfänge. . .

    Die reichen zurück in den Januar 1945, als Margret von Rümker in Schlesien die Koffer packte und sich auf den langen Weg nach Süddeutschland machte – um letztlich in Greußenheim Fuß zu fassen.

    In ärmlichen Verhältnissen, mit Zuchtbüchern und kleineren Mengen „von Rümkers Winterroggen“ und „von Rümkers Frühreifer Dickkopf Sommerweizen“ führte Margret in der neuen Heimat den Saatzuchtbetrieb ihres 1944 gefallenen Ehemannes Arnold fort – unterstützt von Tochter Rosmarie, die gerade mal 19 Jahre alt war.

    Rosmarie hatte das „richtige Händchen“ und die Liebe zur Landwirtschaft und zu Saatzucht von ihrem Großvater Kurt von Rümker (1859-1940) geerbt. Dieser war ein begeisterter und erfolgreicher Forscher in Sachen Weiterentwicklung genetischen Saatzuchtmaterials gewesen. 1919 hatte er mit Unterstützung seines Sohnes Arnold (1895-1944) in der Nähe von Halberstadt in Sachsen-Anhalt einen landwirtschaftlichen Betrieb gepachtet.

    1937 zog man auf eine Domäne in Schlesien im Kreis Strehlen, wo der familiäre Saatzuchtbetrieb fortgeführt wurde.

    Dann kam der Zweite Weltkrieg. Und die 45-jährige Margret von Rümker musste das Zuhause in Schlesien 1945 aufgeben und mit ihren fünf Kindern – Rosmarie (damals 19 Jahre alt), Sibylle (14), Just-Hinrich (zehn), Christiane (sechs) und dem kleinen Arnold (drei) – in der Fremde ein neues Zuhause aufbauen, in Greußenheim.

    Saatzüchter waren nach dem Zweiten Weltkrieg gefragte Leute in Deutschland. Das Volk hungerte, Saatgut stand wenig oder in schlechtem Zustand zur Verfügung. Die Bayerische Bauernsiedlung, Rechtsvorgängerin der Bayerischen Landessiedlung, erhielt vom Wirtschaftsministerium den Auftrag, dem ehemaligen Saatzuchtbetrieb von Rümker, aus dem Besitz der früheren Wehrmacht, Gelände pachtweise zu überlassen. Der Wiederaufbau erfolgte in ärmlichen Verhältnissen, mit viel Willen und Kraft in den Baracken der ehemaligen Luftwaffe, die dieses Gelände als Bombenabwurfplatz benutzt hatte.

    Der Anfang in Greußenheim war schwer, erzählt die heute 77-jährige Christiane Willberg (geborene von Rümker). Wie überall in Deutschland, fehlte es auch am Gut Greußenheim am Notwendigsten. Es gab kaum Maschinen, keine sanitären Einrichtungen in den Baracken. Sie kann sich noch lebhaft an das erste Plumpsklo am Haus erinnern – eine wahre Errungenschaft damals, da es vorher mitten auf dem Hof gestanden hatte.

    Arnold und Christiane, die vier und sieben Jahre alt waren, als sie nach Greußenheim kamen, gingen hier in die Volksschule, Just-Hinrich (damals elf Jahre alt) kam in ein Gymnasium in Würzburg. Der Schulweg war lang. Eine befestigte Zufahrt, zum gut drei Kilometer entfernten Hof, gab es in den Anfangsjahren nicht. An Regentagen war der Weg schlammig und rutschig, nicht immer kamen die Kinder pünktlich zum Unterricht.

    Zudem war der Kontakt zu den Greußenheimern in den Anfangsjahren schwierig“, erinnern sich Christiane Willberg und ihr Bruder Arnold. Zu weit war der Hof vom Dorf und dem aktiven Dorfleben entfernt. Das änderte sich jedoch nach wenigen Jahren, als der Saatzuchtbetrieb Arbeitgeber für viele Menschen aus den umliegenden Dörfern wurde.

    Die Familie fasste Fuß, die Bayrische Landessiedlung überließ ihr 1950 den Hof mit circa100 Hektar auf 99 Jahre in Erbpacht. Die älteste Schwester Rosmarie war lange Zeit der Motor der Familie und hat sich schon früh der Saatzucht verschrieben. Bereits mit 23 Jahren promovierte sie als Diplom Landwirtin.

    Mutter Margret lebte nur bis 1956 in Greußenheim – dann riss ein Verkehrsunfall sie aus dem Leben und machte die fünf Kinder zu Vollwaisen. Als ältester Sohn und Hofnachfolger musste Just-Hinrich darum gerade einmal 21 Jahre alt Verantwortung übernehmen. Zusammen mit dem Freund und Berater der Familie, Oskar Werkshagen, und dem Gutsverwalter Herrn Bartelmann führte Just-Hinrich noch während seines Landwirtschaftsstudiums in Weihenstephan den Betrieb.

    Im Jahr 1961 heiratete er Anna-Dorothee, geborene von Uthmann, mit der er drei Kinder bekam: Mortimer (1964), Benigna (1966) und Ariane (1969). 1961 bezog man in ein neues Wohnhaus wenige hundert Meter von den Baracken entfernt. Für den Bau und die Erschließung erhielt der Saatzuchtbetrieb je zur Hälfte Kredite von Bund und Freistaat Bayern, neben den Eigenleistungen gab es Aufbaudarlehen und Umsatzsteuerrückvergütung. Durch Zupacht von Ackerland der Gemeinden Leinach, Hettstadt und Greußenheim erweiterte Just-Hinrich die landwirtschaftlich genutzte Fläche auf schließlich 400 Hektar. 1980 wurden Hof und Wirtschaftsgebäude an die Fernwasserleitung angeschlossen. Vorher wurde die Wasserversorgung durch eine Pumpanlage ermöglicht und ganz zu Anfang durch den täglich ins Dorf Greußenheim fahrenden Wasserwagen.

    Die Saatzucht wurde stetig weiterentwickelt – seit 1963 in enger Zusammenarbeit mit den beiden unterfränkischen Saatzuchtwirtschaften Theo Pfeuffer und Babette Müller, Buchbrunn. Entwickelt und vertrieben wurden insgesamt elf Getreidesorten. Darunter Winter- und Sommerweizen, Winter- und Sommergerste und Luzerne. Es wurden neue Wege gesucht, um erfolgreich und zukunftsorientiert arbeiten zu können.

    Als Arbeitgeber und Bauern waren Just-Hinrich und seine Frau Dorothee im Dorf sehr angesehen. Das macht nicht zuletzt die Wahl Dorothee von Rümkers Wahl in den Greußenheimer Gemeinderat deutlich – in einer Zeit, in der es nicht selbstverständlich war, dass Frauen im Ortsrat eine Stimme hatten.

    1991 dann wurde der gesamte Betrieb in Greußenheim verkauft. „Es ist uns nicht leicht gefallen“, erinnert sich der heute 52-jährige Mortimer von Rümker deutlich an die Entscheidung, den Standort Greußenheim aufzugeben. Grund hierfür war, dass hier kein Flächenzugewinn mehr möglich war. Die Fränkische Realteilung führte trotz Flurbereinigung in den 50er Jahren, für den Bedarf eines Saatgutes, zu zu kleinen Flächen. Mit der Öffnung der ehemaligen DDR standen dann plötzlich riesige landwirtschaftliche Flächen zur Verfügung.

    Mit der Übernahme des Volkseigenen Gutes „Saatzucht Gotha-Friedrichswerth“ mit 800 Hektar bestand für die Familie die Möglichkeit, die Betriebsfläche deutlich zu vergrößern und zwei Saatzuchtbetriebe zu fusionieren. Eine Bewirtschaftung der beiden Betriebe Greußenheim und Friedrichswerth erschien der Familie Rümker zu unsicher und also entschied man sich zum Verkauf von Gut Greußenheim.

    Heute werden in Friedrichswerth 1100 Hektar Ackerland mit dem Schwerpunkt Saatgutproduktion und Getreidevermehrung bewirtschaftet. Die Pflanzenzüchtung allerdings wurde 1999, nach dem Tod von Just-Hinrich von Rümker, aufgegeben, denn durch den Gentransfer bei Pflanzen wurden neue Möglichkeiten zur Nutzung genetischer Informationen über Artengrenzen hinweg eröffnet. Damit wurde die Forschung für Einzelbetriebe nicht mehr wirtschaftlich.

    Verkauf des Guts „an die Sekte"

    Die Nachricht vom Verkauf von Gut Greußenheim „an die Sekte“ schlug Ende 1991 in umliegenden Gemeinden ein wie eine Bombe. Gutsbesitzer Just-Hinrich von Rümker, der in der evangelischen Kirche Ehrenämter bekleidete, hatte das Hofgut für einen hohen Millionen-Mark-Betrag an Anhänger der Gemeinschaft Universelles Leben (UL) verkauft.

    Der traditionelle Landwirtschaftsbetrieb wurde von den „Christusfreunden" beziehungsweise „Urchristen“ unter Führung ihrer Prophetin Gabriele Wittek alsbald ausgebaut und mittels Zäunen und Überwachungskameras systematisch von der Außenwelt abgeschottet.

    Heute ist „Gut Terra Nova“, wie es die „Christusfreunde" nun nennen, die von eigenem Wachpersonal kontrollierte Zentrale für das „Friedensreich für Natur und Tiere“ unter Führung der „Gabriele-Stiftung“.

    Beobachter der umstrittenen Gemeinschaft sind sicher, dass die mittlerweile 83-jährige UL-Prophetin Wittek zusammen mit weiteren Führungskräften hier gelebt hat beziehungsweise noch lebt und wesentliche Entscheidungen für den „Sektenkonzern“ hier fielen beziehungsweise noch fallen. tito

    Elfriede Streitenberger

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!