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    Würzburg / Schweinfurt

    Jäger-Förster-Streit: Müssen mehr Rehe geschossen werden?

    Symbolfoto aus Greußenheim (Lkr. Würzburg): Der Jäger Berthold Kirchner demonstriert mit seiner Mauser M03 den Zielvorgang. Kirchner ist ein sehr aktiver Jäger - zeitweise fünf Nächte pro Woche ist er in der Natur unterwegs.  Foto: Nicolas Armer, dpa

    Unser heimischer Wald ist vom Klimawandel bedroht. Nicht nur die Fichten vertrocknen. Gerade in Unterfranken stoßen viele weitere Baumarten an ihre klimatischen Grenzen.

    Eine bayernweite Schätzung des Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten beziffert das Ausmaß des Schadens durch Insekten, Trockenheit, Sturm und Schneebruch allein im ersten Halbjahr 2019 auf vier Millionen Festmeter Holz. Im ganzen Jahr 2018 waren es 6,5 Millionen. Eichen wurden von den Raupen des Schwammspinners kahl gefressen,  Kiefern starben flächig ab (100 000 Festmeter Holz) und sogar die als klimastabil geltenden Buchen vertrockneten vielerorts. Rund 84 000 Festmeter der insgesamt in Bayern angefallenen 130 000 Festmeter Schäden an der Buche wurden im ersten Halbjahr 2019 aus Unterfranken gemeldet. 

    Dazu kommt, dass die Knospen, Blätter und Zweige der jungen Bäume auf der Speisekarte der Rehe und Hirsche ganz oben stehen. Ist es deshalb nötig, mehr Tiere zu schießen, Nachtsichtgeräte auch bei der Rehwildjagd zuzulassen und die Winterfütterung generell zu verbieten? Darüber wird in Kreisen der Jäger und Förster derzeit heftig gestritten. Zehn Argumente beider Seiten sollen helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden.

    Zehn Gründe dagegen, mehr Rehe zu schießen

    So argumentiert der Bayerische Jagdverband (BJV). In ihm sind etwa 48 000 Jäger, das sind rund 66 Prozent aller bayerischen Jäger, organisiert:

    1. Rehe sind keine Schädlinge. 

    Rehe sind die Urbewohner der heimischen Wälder. Ein Wald ohne Wild ist kein Wald, sondern eine Baumplantage. Die Jagd zur "Wildvernichtung" zu degradieren, widerspricht Tierschutz, Ökologie und Nachhaltigkeit. 

    2. Ursache des Waldsterbens ist eine andere.

    Mehr Rehe zu schießen, löst nicht die Probleme wie Trockenheit, Schädlinge und Krankheiten oder Bewirtschaftungsfehler, an denen der Wald leidet. 

    3. Höhere Abschussquoten und ein Verbot der Winterfütterung bewirken das Gegenteil.

    Höhere Abschussquoten führen dazu, dass sich das Wild ins Dickicht der jungen Bäume zurückzieht und dort frisst. Winterfütterung lockt das Wild von den Bäumen weg. 

    Symbolfoto aus Greußenheim (Lkr. Würzburg): Der Jäger Berthold Kirchner bereitet sich in seiner kleinen Jagdhütte auf die nächtliche Pirsch vor.  Foto: Nicolas Armer, dpa

    4. Fehlender Lebensraum ist das eigentliche Problem.

    Wenn abgeerntete Felder die Hecken und grünen Ackerrandstreifen ersetzen, sind die Tiere gezwungen, sich in kleinen Waldinseln aufzuhalten. Es reichen wenige Rehe aus und der Verbiss ist vorprogrammiert. Zäune, Zwischenfrüchte und wildtiergerechte Freiflächen in und am Wald helfen gegen den Verbiss.

    5. Forstliche Gutachten sind das falsche Instrument für Abschussquoten.

    In Wäldern mit reinen Fichtenmonokulturen haben junge Bäume wenig Chance, nicht verbissen zu werden. Das Gleiche gilt für Regionen mit niedrigem Waldanteil und intensiver Ackerkultur. In Wäldern, in denen der Waldumbau schon fortgeschritten ist und es Brombeer-Dickungen, Gras- und Krautflora zwischen den Bäumen gibt, brauchen Rehe die Knospen der Bäume nicht. Der Verbiss ist dort niedrig. Das zeigen auch die Forstlichen Gutachten.

    6. Der Verbiss ist ein ökonomisches, kein ökologisches Problem.

    Am Leittrieb verbissene Bäume sind nicht automatisch tot. Sie wachsen langsamer, bilden Seitentriebe und das Holz ist weniger wertvoll. Dies hat ökonomische, aber kaum ökologische Folgen.

    7. Der Zusammenhang zwischen Abschuss und Verbiss ist marginal.

    Vor 30 Jahren gab es aufgrund der sehr hohen Wildbestände einen kausalen Zusammenhang zwischen Abschuss und Verbisszahlen. Heute ist der Zusammenhang nur noch marginal.

    8. Schwerpunktbejagung ist wirkungsvoller als höhere Quoten.

    Schwerpunktbejagung an Orten, an denen neue klimatolerante Baumarten gepflanzt werden, ist wirkungsvoller als höhere Abschussquoten.

    9. Wildunfälle sagen nichts über die Größe der Wildpopulation.

    Die Zahl der Wildunfälle sagt nichts über die Größe der Wildpopulation, sondern dass die Tiere durch Landwirtschaft und das Freizeitverhalten der Menschen in ihren Rückzugsräumen aufgeschreckt werden. Wichtigster Grund für zunehmende Wildunfälle ist die Zerschneidung der Lebensräume durch immer mehr Versiegelung der Landschaft durch Straßen und der zunehmende Verkehr.

    10. Die Zeit begrenzt den Jagderfolg.

    Der Jäger kann nur schießen, wenn sich keine Spaziergänger, Jogger, Mountainbiker oder Pilzsammler in der Nähe aufhalten. Außerdem treten viele Tiere erst mit Eintritt der Nacht aus ihrer Deckung. Dann ist es für den verantwortungsvollen Schuss oft zu spät. Der Jäger könnte einem Kitz die Geiß wegschießen, weil er nicht erkennt, dass es sich um ein Muttertier handelt. Tiere nur abzuschießen, um die Quote zu erfüllen, verbietet zudem das Tierschutzgesetz.

    Zehn Gründe dafür, mehr Rehe zu schießen

    So argumentieren zahlreiche Förster sowie die Jäger des Ökologischen Jagdvereins Bayern (ÖJV), dem sich etwa 1000 Jäger in Bayern angeschlossen haben.

    1. Dem heimischen Wald geht es so schlecht wie nie.

    Der heimische Wald ist nach den Trockenjahren 2003, 2015 und 2018 extrem geschwächt. Er leidet an Schädlingen und Krankheiten und braucht dringender denn je Nachwuchs, der sich ungestört entwickeln kann. Man spricht bereits vom Waldsterben 2.0.

    2. In der Hälfte aller bayerischen Wälder verhindern Rehe größtenteils den natürlichen Aufwuchs.

    Die Verjüngung des Waldes funktioniert nicht, wenn Rehe die Triebe und Knospen der jungen Bäume fressen. Laut der forstlichen Gutachten gelten 47 Prozent aller bayerischen Hegegemeinschaften (in Unterfranken sogar 48 Prozent) als rote Gebiete, in denen es nur wenige junge Bäume schaffen, ohne zusätzlichen Schutz wie Zäune in die Höhe zu wachsen.

    3. Bayerisches Jagdgesetz verpflichtet Jäger gegenüber Waldbesitzern.

    Standortgemäße Baumarten sollen sich ohne Schutz natürlich verjüngen können. Dieses Ziel - verbunden mit der Zusage an die Waldbesitzer - ist im Bayerischen Jagdgesetz (Artikel 1) verankert. Auch im Bayerischen Waldgesetz (Artikel 1) ist der Grundsatz "Wald vor Wild" definiert.

    4. Naturverjüngung ist besser als Neupflanzungen.

    Bäume, die sich mit Hilfe ihrer Samen selbst ausbreiten und ungestört wachsen, sind widerstandsfähiger und kommen mit den sich  verändernden Standortbedingungen durch den Klimawandel besser zurecht als neu gepflanzte Bäume, die viel leichter vertrocknen.

    Symbolfoto aus Greußenheim (Lkr. Würzburg): Der Jäger Berthold Kirchner sucht sein Revier mit Hilfe einer Wärmebildkamera nach Schwarzwild ab.  Foto: Nicolas Armer, dpa

    5. Steuergeld wird verschwendet.

    Naturverjüngung ist gratis. Neue Baumsetzlinge kosten Geld. Wenn diese im Staatswald vertrocknen oder gefressen werden, wird Steuergeld verschwendet. Ferner ist die Kontrolle, Instandhaltung und Reparatur der Zäune und anderer Maßnahmen, mit denen neue Bäume vor Verbiss geschützt werden sollen, zeitaufwändig und kostenintensiv - auch für private Waldbesitzer.

    6. Zäune sind oft wirkungslos.

    Zäune werden oft von Wildschweinen hochgehoben, von Stürmen oder Pilzsammlern beschädigt. Außerdem sind Zäune zu kleinflächig, um ganze Wälder klimatolerant umzubauen.

    7. Wildbiotope halten Wild nicht vom Wald fern.

    Mehr Wildbiotope in der Flur sind ökologisch sinnvoll, ebenso der Anbau von Zwischenfrüchten auf den Feldern in waldarmen Gebieten. Doch beides hält Rehe nicht vom Wald fern.

    8. Winterfütterung ist schlecht.

    Winterfütterung oder so genannte Ablenkfütterungen steigern den Wildbestand. Auch kranke und schwache Tiere überleben. Der Verbiss steigt.

    9. Weniger Rehe bedeutet gesündere Rehe.

    Wenn Tiere aus der Wildbahn genommen werden, bedeutet das für die, die übrig bleiben: Sie haben mehr Lebensraum, sind weniger krank, haben weniger Parasiten und bringen mehr Kitze zur Welt.

    10. Es gibt zu viel Wild.

    Die Zahl der Wildunfälle ist dort hoch, wo es viel Wild gibt und auch die Zahl der befressenen Pflanzen hoch ist. Bei extrem hoher Wilddichte haben junge Bäume kaum eine Chance, alte Bäume werden durch die Folgen des Klimawandels beeinträchtigt (Trockenheit, Hitze, Insekten, Stürme) und es geht über Jahre nichts voran im Wald.

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    Glossar: Was ist Verbiss, Naturverjüngung und Co?
    Wilddichte: Bayern ist mit rund 2,56 Millionen Hektar zu einem Drittel seiner Fläche bewaldet. Es gibt allerdings keine Region, in der das Reh nicht vorkommt. Da man Rehe schlecht zählen kann, wird über die Wilddichte, also die Zahl der Rehe in einer Region, viel gestritten.
    Rehwildstrecke: meint die Zahl der erlegten Tiere. Sie ist messbar. In Unterfranken werden in den waldreichen Landkreisen in der Rhön und im Spessart etwa 4000 bis 6000 Rehe pro Jahr geschossen, in den waldarmen Regionen zwischen 1000 und 4000 Rehe im Jahr. In ganz Bayern sind es rund 324 000 und in ganz Deutschland etwa 1,2 Millionen Rehe.
    Hegegemeinschaften sind Zusammenschlüsse derjenigen, die das Jagdrecht in mehreren benachbarten Revieren ausüben und eine landschaftliche Einheit bilden.
    Forstliche Gutachten: Seit 1986 erstellt die Bayerische Forstverwaltung für die rund 750 Hegegemeinschaften regelmäßige Forstliche Gutachten. 2018 dokumentierten Förster an mehr als zwei Millionen junger Waldbäume, ob die natürliche Verjüngung funktioniert und wie stark die Bäume von Wild verbissen werden.
    Verbiss bezeichnet das Abbeißen von Knospen, Blättern oder Zweigen an land- oder forstwirtschaftlich erwünschten Pflanzen durch Wild- oder Nutztiere. Verbiss kann den Wuchs verzögern oder eine Pflanze ganz absterben lassen. Im Wald ist vor allem der Verbiss durch Rehe, Rot- und Damhirsche das Problem. Sie beeinträchtigt die Naturverjüngung.
    Natürverjüngung gilt im Wald als erfolgreich, wenn sich Altbäume mit Hilfe ihrer Samen selbst ausbreiten und ungestört wachsen können.
    Abschussquoten: Auf Basis der Forstlichen Gutachten entstehen Abschussempfehlungen. Wird eine Fläche als grün eingestuft, ist der Verbiss tragbar. Als rot gilt eine Fläche mit zu hoher Verbissbelastung. In Unterfranken ist der Verbiss, so das Gutachten 2018, in 48 Prozent der Hegegemeinschaften zu hoch und in 15 Prozent sogar deutlich zu hoch.

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