• aktualisiert:

    GAUKÖNIGSHOFEN

    Jäger durchforsten Wiesen nach Rehkitzen

    Auf einer gemähten Wiese blickt eine Rehgeiß zu Boden, über ihr kreisen zwei Greifvögel und ein Rabe: Wenn Gerhard Klingler aus Gaukönigshofen im Vorbeifahren solche Szenen beobachtet, weiß er, was leider wieder passiert ist: Beim Mähen kam ein Rehkitz zu Tode, zerhäckselt von einem Kreiselmähwerk. Klingler, Vorsitzender der Ochsenfurter Jäger-Kreisgruppe, hat diesen Anblick satt. Er setzt sich für die Rettung von Kitzen und Hasen ein, die in landwirtschaftlich genutzten Wiesen Schutz suchen und dabei allzu oft den Tod finden. Dazu allerdings braucht Klingler die Hilfe der Landwirte.

    Der Bayerische Jagdverband richtet einen dringenden Appell an die Bauern, die für gewöhnlich Anfang bis Mitte Mai ihre Wiesen mähen, um Silage als Futter für ihre Tiere zu gewinnen. Die Landwirte, so der Jagdverband, sollen sich vor der Mahd bei den örtlichen Jägern melden, damit diese die Flächen nach eventuell versteckten Rehkitzen und Niederwild absuchen können. Klingler unterstützt den Appell dringend.

    Zwei Hasen rannten weg

    Einer, der dieses Vorgehen seit Jahren vorbildlich praktiziert, ist Landwirt Klemens Busch. In Sonderhofen hält er rund 50 Milchkühe. Vor wenigen Tagen entschloss sich Busch, eine mit Luzerne bewachsene, drei Hektar große Fläche zu mähen, die er in Sächsenheim bewirtschaftet. „Das ist immer recht kurzfristig, da das Wetter passen muss“, erklärt der Landwirt. Ein kurzer Anruf bei Gerhard Klingler, und die Rettungsaktion konnte anlaufen. Klingler und seine Frau kamen nach Sächsenheim und durchforsteten in anderthalb Stunden die Wiese, immer in etwa fünf Meter breiten Streifen.

    Mit Erfolg. „Zwei Hasen rannten weg und eine Rehgeiß, die kurz vor dem Setzen war“, sagt der Jäger. An dem prallen Euter konnte Klingler erkennen, dass die Geburt der Rehkitze kurz bevor stand. Wäre die Geiß nicht entdeckt worden, hätte sie ihre zwei Kitze in dem Luzerne-Feld zur Welt gebracht und tagsüber dort allein gelassen. Rehe verhalten sich instinktiv so. Die Geiß platziert ihre Jungen im Abstand von etwa 40 Metern voneinander, damit nicht beide verloren sind, wenn ein Raubtier ein Versteck findet.

    Manchmal muss der Jäger das Kitz töten

    Auch die Kitze folgen ihrem Instinkt. Droht Gefahr, rühren sie sich nicht vom Fleck und ducken sich auf den Boden – ebenso wie Hasen. Dieses Verhalten mag vor den Nachstellungen von Raubtieren schützen. Ist jedoch eine moderne Erntemaschine im Anmarsch, bedeutet es den sicheren Tod. Den muss manchmal auch der Jäger herbeiführen, wenn das Mähwerk das Tier nicht gleich tötet, sondern ihm „nur“ die Beine abtrennt. „Tausende Kitze werden jedes Jahr im Grünland verstümmelt“, sagt Klingler mit hörbarer Emotion in der Stimme. „Es ist grauenhaft.“

    Das Problem: Die Hauptsetzzeit der Rehe und die erste Mahd des Grünlands fallen zeitlich in etwa zusammen. Klemens Busch weiß das, und er bemüht sich aus mehreren Gründen um die Rettung der Tiere. Zum Einen will der Landwirt nicht, dass Wildtiere leiden müssen. Er weiß außerdem, dass er gegen das Tierschutzgesetz verstoßen würde, wenn er keine Maßnahmen ergreifen würde, um die Wildtiere vor dem Tod durch das Mähwerk zu schützen. Und zu guter Letzt verderben mitverarbeitete Leichenteile die Silage. „Das kann zu Botulismus führen“, erklärt Klingler, und Busch ergänzt: „Die Kühe können davon Fehlgeburten erleiden.“

    Drohnen lohnen sich im Gau nicht

    In Sonderhofen, erzählt Klemens Busch, gingen alle Landwirte so vor wie er. Dort kennen die meisten Bauern die für sie zuständigen Jäger. Und was tut Gerhard Klingler, wenn er in einer hohen Wiese ein kleines Kitz findet? „Ich hebe es mit einem Haufen Klee oder Gras auf und trage es an eine sichtgeschützte Stelle außerhalb der Wiese“, erklärt er. Das kleine Reh darf nicht direkt angefasst werden, da der menschliche Geruch die Mutter abschreckt. Diese findet ihr Junges übrigens problemlos auch an anderer Stelle wieder: Mit einem Fiepen ruft sie das Kitz und folgt dann dessen Antwort.

    Der Bayerische Jagdverband weist auf eine weitere Möglichkeit hin, versteckte Kitze aufzufinden: In Kooperation mit einem oberbayerischen Unternehmen wurde eine Drohne entwickelt, die per Wärmebildkamera Tiere entdecken kann. Wäre das nicht etwas auch für Bauern aus dem Ochsenfurter Gau? „Die müsste einer kaufen und bedienen können“, gibt Klemens Busch zu bedenken. Gerhard Klingler glaubt, dass sich die Anschaffung einer solchen Drohne in seiner Heimat nicht lohnt. Denn dort mache das Grünland nur einen geringen Anteil an der landwirtschaftlich genutzten Fläche aus.

    Musik aus dem Radio verscheucht Tiere

    Dann erzählt Klingler noch von einer anderen, technisch weniger aufwendigen, aber ebenfalls effektiven Methoden der Wildtier-Vergrämung: Man stellt am Vorabend der Mahd am Rand der Wiese ein Radio auf und lässt es eine ganze Weile lang ordentlich laut dudeln. Vermutlich wird die Mehrzahl der Landwirte von dieser musikalischen Methode keinen Gebrauch machen. Aber engagierte Jäger nehmen gern die Mühe der persönlichen Kitzsuche auf sich und freuen sich über jeden Anruf, der sie von einer geplanten Mahd in Kenntnis setzt.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (1)

      Kommentar Verfassen

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!