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    WÜRZBURG

    Jörg (CSU) oder Friedl (Grüne): Hochspannung in Würzburg

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    Barbara Stamm, Spitzenkandidatin der CSU in Unterfranken. Foto: Daniel Peter

    Dieser Wahlabend könnte ein historischer werden – in vielerlei Hinsicht. Kein politischer Beobachter kann sich erinnern, dass die CSU irgendwann einmal nicht alle Direktmandate in Unterfranken gewonnen hätte. Glaubt man den Experten von wahlkreisprognose.de und ihrer Modellrechnung, in die neben Umfragezahlen auch Daten zur Sozialstruktur einfließen, könnte es an diesem Sonntag soweit sein: Demnach hat Patrick Friedl, der Grünen-Kandidat, gute Chancen, den Stimmkreis Würzburg-Stadt zu gewinnen.

    Für den CSU-Abgeordneten Oliver Jörg, der Würzburg seit zehn Jahren im Landtag vertritt, wäre ein Mandatsverlust bitter. Der 46-jährige Hochschulpolitiker war zuletzt immer wieder auch als Kandidat fürs Kabinett gehandelt worden. Anfang der Woche sah die Prognose der Berliner Wahlforscher den grünen Klimaschutz-Experten knapp vorn.

    CSU

    Für die Unterfranken-CSU zeichnet sich insgesamt ein Debakel ab. 35,5 Prozent weist wahlkreisprognose.de in seinem „Gesamtstimmentrend“ aus. Das wären noch einmal weniger als die 40,6 Prozent bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr. Bei der Landtagswahl 2013 waren es noch 50,1 Prozent.

    Oliver Jörg, Direktkandidat der CSU im Stimmkreis Würzburg. Foto: Pat Christ

    Für etwas Trost bei der CSU könnte derweil der Gewinn der übrigen neun Direktmandate sorgen. Die Abgeordneten Winfried Bausback (52, Stimmkreis Aschaffenburg-West), Sandro Kirchner (43, Bad Kissingen), Steffen Vogel (44, Haßberge/Rhön-Grabfeld), Thorsten Schwab (42, Main-Spessart), Berthold Rüth (60, Miltenberg), Gerhard Eck (58, Schweinfurt) und Manfred Ländner (59, Würzburg-Land) dürfen fest mit ihrem Wiedereinzug ins Maximilianeum rechnen. Gleiches gilt für Judith Gerlach (32), die bislang Listenabgeordnete war, nun aber im Stimmkreis Aschaffenburg-Ost als Nachfolger des Haushaltsexperten Peter Winter (64) antritt. Einziger Neuling unter den unterfränkischen CSU-Abgeordneten wird Barbara Becker (49) sein. Sie ist im Stimmkreis Kitzingen als Direktkandidatin die Nachfolgerin von Otto Hünnerkopf (67).

    Egal, ob die CSU nun neun oder zehn Direktmandate gewinnt, für einen zusätzlichen Sitz über die Unterfranken-Liste wird es mit ganz großer Wahrscheinlichkeit nicht reichen. Leidtragende wäre Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Trotz schlechter Aussichten kämpft die 73-Jährige dieser Tage unermüdlich weiter – für ein gutes CSU-Ergebnis. Stamms Ausscheiden aus dem Parlament wäre ein Zäsur: Seit 1976 ist sie Mitglied des Landtags, von 1994 bis 2001 war sie bayerische Sozialministerin, von 1998 bis 2001 außerdem stellvertretende Ministerpräsidentin.

    Kerstin Celina (Bündnis 90/Die Grünen)
    Kerstin Celina, Spitzenkandidatin der Grünen in Unterfranken. Foto: Daniel Peter

    Grüne

    Großer Wahlgewinner auch in Unterfranken werden voraussichtlich die Grünen sein. Glaubt man der Prognose, werden sie ihr Ergebnis auf 17,5 Prozent fast verdoppeln. Rückgrat sind die Städte Würzburg und Aschaffenburg – und deren Umland. Spitzenkandidatin Kerstin Celina (50, Würzburg-Land) wird auch künftig im Landtag sitzen.

    Patrick Friedl, Direktkandidat der Grünen im Stimmkreis Würzburg. Foto: Patty Varasano

    Ihr bisheriger Mitstreiter, der frühere Grünen-Fraktionschef Thomas Mütze (52, Aschaffenburg-West), hört nach drei Perioden auf. Als sicher gilt, unabhängig von der Entscheidung um das Direktmandat in Würzburg, dass Patrick Friedl (48), Platz im Maximilianeum findet. Ein drittes grünes Mandat ist angesichts der gegenwärtigen Stimmungslage wahrscheinlich, infrage kommt dafür Stefan Wagener (47), Fraktionschef der Grünen im Stadtrat von Aschaffenburg. Derweil träumen einige unterfränkische Grüne schon von einem vierten Sitz für die Region.

    Volkmar Halbleib, Spitzenkandidat der SPD in Unterfranken. Foto: Patty Varasano

    SPD

    Die Grünen-Erfolge gehen auf Kosten vor allem auch der SPD. Lediglich 12,5 Prozent verspricht die Prognose den Sozialdemokraten. Wenn es am Sonntag schlecht läuft, könnten nur zwei der bisher vier Abgeordneten ihren Sitz im Maximilianeum behalten. Spitzenkandidat Volkmar Halbleib (54, Würzburg-Land), der Parlamentarische Geschäftsführer der Landtagsfraktion, dürfte seinen Sitz behalten. Er ist seit 2008 Abgeordneter. Um Platz zwei rangeln Martina Fehlner (58, Aschaffenburg-West), die tourismus- und medienpolitische Sprecherin der Fraktion, sowie der frühere Würzburger Oberbürgermeister Georg Rosenthal (71, Würzburg-Stadt), der zuletzt europa- und hochschulpolitischer Sprecher der SPD war. Für die Sozialpolitikerin Kathi Petersen (62, Schweinfurt) auf Listenplatz vier sieht es hingegen nicht allzu gut aus.

    Gerald Pittner, Spitzenkandidat der Freien Wähler in Unterfranken. Foto: Gerhard Fischer

    Freie Wähler

    Stabil in allen Umfragen sind die Freien Wähler. Neun Prozent sagt die Prognose für Unterfranken voraus. Amtsrichter Gerald Pittner (58, Haßberge/Bad Neustadt) werden als Listenführer die besten Chancen fürs Maximilianeum eingeräumt. Um ein mögliches zweites Mandat kämpft fast ein halbes Dutzend Kandidaten. Mit dabei ist der amtierende Abgeordnete Hans-Jürgen Fahn (66, Aschaffenburg-Ost), den seine Parteifreunde allerdings nur auf Listenplatz sechs gestellt haben. Manfred Dülk (65, Würzburg-Stadt), Bernd Schötterl (50, Miltenberg), Ulrike Schneider (51, Schweinfurt) und Anna Stolz (35, Main-Spessart) haben ebenfalls Chancen. Stolz, die Bürgermeisterin von Arnstein, hat womöglich den Vorteil, dass sie in einer Freien-Wähler-Hochburg antritt, auch wenn ihre Parteifreunde dort noch unter den Nachwehen der Betrugsaffäre um den früheren, zuletzt fraktionslosen Abgeordneten Günther Felbinger (56) leiden.

    Christian Klingen, Spitzenkandidat der AfD in Unterfranken. Foto: Harald Meyer

    AfD

    Premiere im Landtag feiert die AfD, in Unterfranken werden ihr zehn Prozent vorhersagt. Und damit werden voraussichtlich gleich zwei Kandidaten ins Parlament einziehen. Listenführer ist Christian Klingen (53, Kitzingen). Bislang ist der Bezirksvorsitzende vor allem Insidern bekannt. Er gilt als Vertreter des rechten Flügels um den umstrittenen Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, gab sich in Interviews vor der Wahl hingegen zuletzt eher soft. Nummer zwei auf der AfD-Liste ist der Polizeihauptkommissar Richard Graupner (55, Schweinfurt), früher Mitglied bei den Republikanern. Bereits seit 1990 ist Graupner Stadtrat in der Kugellagerstadt. Groß aufgefallen mit Wortbeiträgen ist er dort bislang aber nicht, sagen Beobachter.

    Helmut Kaltenhauser, Spitzenkandidat der FDP in Unterfranken. Foto: FDP

    FDP

    Für die Liberalen wäre schon die Rückkehr in den Landtag ein Erfolg. Derzeit sieht es so aus, als könne man die Fünf-Prozent-Hürde auch in Unterfranken schaffen. Ins Maximilianeum wird dann vermutlich Spitzenkandidat Helmut Kaltenhauser (58, Aschaffenburg-Ost) einziehen. Außenseiterchancen hat dank seines prominenten Namens Karl Graf Stauffenberg (47, Haßberge/Rhön-Grabfeld), der Enkel des Hitler-Attentäters. Zuletzt saß bis 2013 Bezirkschef Karsten Klein (40, Aschaffenburg-West) für die Liberalen im Landtag, er ist mittlerweile Bundestagsabgeordneter.

    Robert Striesow, Spitzenkandidat der Linken in Unterfranken. Foto: Gerd Landgraf

    Linke

    Auch für die Linke wäre schon der Einzug ins Parlament ein großer Erfolg. Letzte Umfragen sehen die Partei knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde. Allerdings schaffte man auch bei der Bundestagswahl im Endspurt noch bayernweit über sechs Prozent. Robert Striesow (31, Schweinfurt) wäre der erste Anwärter auf ein Mandat in Unterfranken.

    Sonstige

    Neben den erwähnten Parteien schicken auch die Bayernpartei, die ÖDP, die Piratenpartei, die Partei für Franken, mut, die Tierschutzpartei, die V-Partei³ und die Satire-Partei „Die Partei“ Kandidatinnen und Kandidaten aus Unterfranken ins Rennen. Realistische Chancen auf Mandate haben sie nicht. Dabei setzt mut, die Neugründung der zuletzt fraktionslosen, früheren Grünen-Landtagsabgeordneten Claudia Stamm, mit Matthias „Matuschke“ Matuschik (53, Würzburg-Stadt), auf einen bekannten Radiomoderator als Spitzenkandidat in Unterfranken. Piraten-Kandidat Benjamin Wildenauer (33, Bad Kissingen) sorgte mit der Ansage, er wolle statt Markus Söder Ministerpräsident werden, für Schlagzeilen. „Die Partei“-Kandidatin Andrea Kübert versuchte derweil, Söder mit einem eher geschmacklosen Plakat zu provozieren.

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