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    Würzburg

    Jugendliche setzen sich mit Heimat und Herkunft auseinander

    Der Jugendspielclub des Mainfranken Theaters führte unter der Leitung von Theaterpädagogin Marlies Hagelauer und Schauspieler Martin Liema das Stück "Less Home" auf. Foto: Thomas Obermeier

    "Raus" steht blinkend an der Bühnenrückwand. "Raus" schreien auch Karsten (Vincent van Slageren), Alex (Katharina Riel) und Michi (Antonia Grimm). Schon zu Beginn kündigt sich die emotionale Stärke der Aufführung von "Less Home" an. "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" ist eine der hetzerischen Parolen, die das Trio seinem Publikum entgegenbrüllt.

    Drängende Fragen ohne feste Vorlage diskutiert

    Der Jugendtheaterspielclub "TheX" entwickelte das Stück in seinen wöchentlichen Treffen. Premiere feierte es am 6. Juni. In der Kammer des Würzburger Mainfranken Theaters fand am 16. Juli die Dernière statt. Seit Oktober hatten 13 Jugendliche, geleitet von Theaterpädagogin Marlies Hagelauer und Schauspieler Martin Liema, das Stück bewusst ohne Vorlage erarbeitet.

    Nach der bayerischen Landtagswahl und im Gefühl, einen politischen Umschwung zu erleben, diskutierten die Teilnehmer ihre drängenden Fragen: Was bedeutet Heimat für mich? Wie stehe ich zu meinem Land? Das führte sie zur Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Herkunft. "Ein Schauspieler stellte die Frage, ob man Deutschland eigentlich lieben dürfe", berichtete Hagelauer.

    Jugendliche Nazis landen nach Angriff vor Gericht

    Die Rahmenhandlung des Stücks dreht sich um Karsten, Alex und Michi, drei Jugendliche, die in dunklen Bomberjacken an einem Bahnhof herumlungern. "Obwohl es nicht explizit genannt wird", betont Hagelauer, "gehen wir davon aus, dass diese Jugendlichen eine von Nazismus und Rassismus geprägte Einstellung haben." Die entlädt sich in einem tätlichen Angriff auf einen Immigranten, weshalb Karsten, Alex und Michi vor Gericht landen.

    Nur darauf legte sich der Jugendspielclub zu Beginn der Proben fest. Doch dieser Handlung wird immer wieder von kleineren Szenen unterbrochen, in denen die Jugendlichen über die Debatte und über die Heimat reflektieren, dass sie sich aus hasserfüllten YouTube-Kommentaren ausklinken wollen, aber ebenso über skurril anmutende Produkte "made in Germany".

    Michi (Antonia Grimm), Alex (Katharina Riel) und Karsten (Vincent van Slageren) stehen im Theaterstück "Less Home" vor Gericht, weil sie einen Immigranten verprügelt haben. Foto: Thomas Obermeier

    Das Hansaplast als Pflaster, das besonders reißfest sei, die Wärmeflasche, die zwei Jahre Garantie auf Wasserdichtigkeit besäße, oder der Leitzordner, der auf typisch deutsche Eigenschaften hinweisen könnte: Stabilität, Zuverlässigkeit und Sicherheit durch Ordnung.

    Dumpfe laute Parolen erschrecken die Zuschauer

    Mit seinem schlichten Bühnenbild, das hauptsächlich aus einer rotbraunen Couch besteht, setzt das Theaterstück "Less Home" vor allem auf visuelle und akustische Reize. Karsten, Alex und Michi verschaffen sich mit ihren dumpfen Parolen immer wieder lautstark Gehör und lassen das Publikum durch ihr Gegröle zusammenzucken.

    "Für alle hat sich der Begriff Theater weiterentwickelt."
    Marlies Hagelauer, Theaterpädagogin

    Der volle Körpereinsatz der Spieler, die geschickt eingespielten Chatnachrichten und der Einsatz schneller Lichtblitze stellen die Intensität dieser politischen Debatte dar. Nicht nur die sensorischen Effekte, sondern auch die Darsteller selbst überzeugen  auf ganzer Linie, indem sie Wut und Angst vermitteln, die in der Diskussion über Zuwanderung mitschwingen.

    Düstere Stimmung löst sich am Ende teilweise auf

    Aber diese düstere Stimmung löst sich zumindest teilweise auf. "Raus" brüllen die Spieler auch am Ende von der Bühne ins Publikum. Diesmal richtet sich der verbale Angriff  gegen Kieferorthopäden, die den Jugendlichen das Leben mit Zahnspangen schwer machen, und Menschen, die Bananen essen, weil das Obst halt einfach eklig sei. Darüber lacht das Publikum. Es soll  zeigen, dass man die Debatte, wer dazu gehört und wer nicht, bis ins Absurde treiben kann.

    Unter der musikalischen Leitung von Tyron Kretzschmar gibt der Jugendspielclub den Schlager "Heimweh" von Freddy Quinn zum Besten. Foto: Thomas Obermeier

    Die Aufführung am 16. Juli war zwar erst die zweite, aber auch die letzte Vorstellung in Würzburg. An diesem Wochenende fährt der Jugendspielclub nach Bamberg zum 13. Treffen der bayerischen Theaterjugendclubs, wo er sein Stück am dortigen Stadttheater aufführt.

    Erfolg wird nicht nur am Kartenverkauf gemessen

    Obwohl auch der Kartenverkauf "Less Home" als einen vollen Erfolg ausweist, legt Marlies Hagelauer einen anderen Maßstab an: "Ein Projekt war erfolgreich, wenn es mit den Teilnehmern etwas macht. Nicht nur mit den Schauspielern, auch mit denen, die im Hintergrund beteiligt sind. Ich glaube, für alle hat sich durch das Stück der Begriff Theater weiterentwickelt."

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