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    Thüngersheim

    Kahlschlag in Thüngersheim: Rechtsstaat kontra Naturschützer

    5,7 Hektar Wald hat die Firma Benkert in Thüngersheim für die Erweiterung ihres Steinbruchs gefällt. Foto: Herbert Ehehalt

    Später Freitagnachmittag im Landratsamt. Normalerweise ist zum Wochenende hier kaum noch jemand anzutreffen. Aber die Behörde hat 2009 der Firma Benkert die Genehmigung erteilt, den Steinbruch in Thüngersheim zu erweitern und dafür darf das Baustoffunternehmen 9,8 Hektar Wald roden. Die Erlaubnis ist umstritten und wirft viele Fragen auf. Das Amt will aufklären. "Wir wollen Transparenz in das Verfahren bringen", sagte Landrat Eberhard Nuß, der zwischen den Stühlen sitzt. "Wir bräuchten eigentlich mehr Wald, um die Klimaziele zu erreichen", sagt er. Aber: "Es gibt aber auch den Rechtsstaat und seine Prinzipien", stellt er klar und lässt seine Mitarbeiter und Vertreter anderer Fachbehörden das immissionsschutzrechtliche Verfahren erklären.

    "Die haben uns nichts geschenkt und das eins zu eins gerodet." 
    Landrat Eberhard Nuß über seinen "Kompromiss" mit der Firma Benkert

    Eine Reaktion, die nicht von ungefähr kommt. Seitdem bekannt ist, dass in Thüngersheim ein wertvoller Laubmischwald gefällt werden soll, hat der Landrat viele Briefe und Forderungen erhalten. Unter anderem auch von Umweltverbänden und Initiativen, wie "Keinhamehr" (Kein Hektar mehr), Greenpeace, dem Bund Naturschutz, der Grünen Jugend, besorgten Bürgern und von Kollegen aus der Politik. Die Grünen-Abgeordnete Kerstin Celina hat darüber hinaus eine Anfrage an die Bayerische Staatsregierung gestellt. 

    Protest im Thüngersheimer Wald.  Foto: Daniel Peter

    Der Kahlschlag in Thüngersheim - er wühlt Umweltschützer auf. Es gibt aber auch die andere Seite, die Verständnis aufbringt für die Interessen des Baustoffunternehmens. Sie argumentieren mit Arbeitsplätzen und dem Muschelkalk aus der Region, der nicht aus Asien importiert werden muss. Bei der Diskussion im Landratsamt sind die Befürworter der Rodungen allerdings nicht vertreten. Auch die Chefs der Firma Benkert sitzen nicht am Tisch, was vor allem die Naturschützer enttäuscht. "Wir würden gerne mit dem Unternehmen in Kontakt kommen, haben es auch schon oft versucht, aber wir bekommen keine Chance", sagt eine Vertreterin von "Keinhamehr". 

    Artenschutzrechtliches Gutachten hatte Mängel

    Stein des Anstoßes sind die jeweiligen Verlängerungen der immissionsschutzrechtlichen Genehmigung aus dem Jahr 2012 und 2015. Für die Kreisgruppe Würzburg im Bund Naturschutz (BN) ist es ein Versäumnis der Behörde, dass das Landratsamt hier nicht noch einmal komplett die Genehmigungsvoraussetzungen geprüft hat. Denn, das räumt auch das Landratsamt ein, die artenschutzrechtliche Prüfung, die 2008 erstellt wurde, weist Mängel auf. "Aber sie war nach der damaligen Sach- und Rechtslage in Ordnung", sagt Roland Möschle, Leiter der unteren Naturschutzbehörde. Heute würde seine Abteilung ein tiefer gehendes Gutachten verlangen, das auch eine Bestandserhebung und eine Potenzialanalyse für die betroffenen Tierarten enthalte. 

    Steinbruch Thüngersheim Foto: Main-Post-Grafik

    "Hätte man nicht spätestens bei der Verlängerung hellhörig werden müssen und eine neue artenschutzrechtliche Prüfung verlangen können", fragen die Vertreter des BN. "Und liegt ein Tötungsverbot nach dem Bundesnaturschutzgesetz vor, weil streng geschützte Tierarten nicht umgesiedelt wurden?"

    Das Landratsamt und die Regierung von Unterfranken haben sich "intensiv" mit diesen Fragen beschäftigt, sagt Benedikt Kaufmann, stellvertretender Leiter des Umweltamtes. Sie kommen überein, dass das damals durchgeführte Verfahren korrekt gewesen sei. "Das Gesetz sieht ein komplettes Prüfungsprogramm bei einer Verlängerung der Genehmigung nicht vor", so Kaufmann. Und es wäre auch dem Antragssteller gegenüber schwierig zu begründen, ein rechtskräftiges Genehmigungsverfahren komplett neu aufzurollen. 

    Bund Naturschutz wirft dem Landratsamt Versäumnis vor

    "Mit einer obeflächlichen artenschutzrechtlichen Prüfung hätte man sich nicht zufrieden geben dürfen, zumal dieses Gebiet ursprünglich auch den Schutz eines Flora-Fauna-Habitat-Gebietes (FFH) erhalten sollte", hält der Bund Naturschutz dagegen. Roland Möschle räumt ein, dass bei der Ausweisung der Schutzgebiete im Thüngersheimer Wald dieser Waldbereich den Begehrlichkeiten für den Steinabbau weichen musste. So beginnt das FFH-Gebiet erst nach der im Regionalplan festgeschriebenen Zone zur Gewinnung von Bodenschätzen. Möschle stellt aber auch klar, dass die vom Betreiber in einer Pressekonferenz genannte Fläche von 30 Hektar, die er auf die nächsten Jahrzehnte hin abbauen möchte, so nicht tragfähig ist. Erst einmal hat die Firma Benkert 5,7 Hektar gerodet und freiwillig darauf verzichtet, die komplette Fläche von 9,8 Hektar zu roden. Doch der Kompromiss gibt Rätsel auf. Das gibt mittlerweile auch Landrat Nuß zu. "Die (Firma Benkert, Anm. d. Red.) haben uns nichts geschenkt und das eins zu eins umgesetzt." 

    "Wäre Armin Amrehn vor Beginn der Rodungen auf mich zugekommen: Ich wäre los und hätte um jeden Baum gekämpft."
    Landrat Eberhard Nuß

    Bis 20.30 Uhr sitzen alle beisammen. Alexandra Schnitzer, Leiterin des Fachbereichs Immissionsschutz erklärt immer wieder geduldig die Einzelheiten des Genehmigungsverfahrens und erläutert alle 14 Fragen, die das Aktionsbündnis "Keinhamehr" im Vorfeld gestellt hat. Bis kurz vor Schluss bleibt es eine sachliche Diskussion. Als dann aber vom Bund Naturschutz der Eindruck geäußert wurde, dass es bei der Genehmigung nicht nur um Sachzwänge ging und von "Keinhamehr" der Hinweis kam, dass Landrat Nuß und Unternehmer Helmut Benkert im Verwaltungsrat der Sparkasse Mainfranken sitzen, wurde Nuß deutlich. Denn in seiner Funktion als staatlicher Landrat sei er im Genehmigungsverfahren außen vor. "Deswegen kann ich auch keinen Rodungsstopp anordnen", stellte er klar. 

    Rund 180 Demonstranten protestierten am 20. Oktober in Thüngersheim gegen den Kahlschlag.  Foto: Daniel Peter

    Und an die Adresse des BN gerichtet, übt Nuß deutliche Kritik am Verhalten des Kreisvorsitzenden Armin Amrehn. Mehrmals in der Woche treffen die beiden aufeinander. Denn Amrehn ist einer von Nuß' Stellvertretern. "Wäre er im September, vor Beginn der Rodungen zu mir gekommen, ich wäre los und hätte um jeden Baum gekämpft." Diesen Vorwurf äußerte Nuß bereits in der jüngsten Sitzung des Kreistages. Amrehn hat sich daraufhin bei ihm entschuldigt. Der Landrat selbst hat erst durch die Berichterstattung dieser Redaktion vom Vorhaben der Firma Benkert erfahren. Eine E-Mail, in der  BN-Geschäftsführer Steffen Jodl bereits Mitte September die untere Naturschutzbehörde im Landratsamt über den Beginn der Rodungen informiert hatte, wurde an den Chef der Behörde nicht weitergegeben, teilt die Pressestelle auf Nachfrage dieser Redaktion mit. Begründung: "Es handelt sich um ein Verfahren der laufenden Verwaltung. Eine Information des Landrats war daher nicht nötig." 

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