• aktualisiert:

    Ochsenfurt

    Kampf den Killerkeimen

    Wenn Chefarzt Manfred Knof einen neuen Patienten nach dessen letztem Urlaubsziel fragt, ist das nicht der Beginn einer netten Plauderei, sondern Teil der Strategie, mit der die Ochsenfurter Main-Klinik gefährlichen Killerkeimen den Kampf angesagt hat. Multiresistente Erreger werden für Krankenhäuser zunehmend zum Problem. Um gewappnet zu sein, hat der erfahrene Anästhesist und Intensivmediziner sogar noch einmal die Schulbank gedrückt. 

    "Der Mensch ist von Milliarden von Keimen besiedelt", sagt Manfred Knof. Die meisten schaden uns nicht,  sie sind sogar lebenswichtig. Einige können Krankheiten auslösen. In der Regel wird unsere Immunabwehr problemlos mit ihnen fertig. Für Menschen, deren Immunabwehr geschwächt ist, können sie allerdings zum ernsten Problem werden, vor allem dann, wenn Antibiotika nicht mehr helfen, weil die Erreger dagegen resistent geworden sind. Der sorglose Umgang mit Antibiotika, unter anderem in der Tierhaltung, gilt als einer der Hauptursachen solcher Resistenzen. Im schlimmsten Fall wird dann aus einem harmlosen Hautkeim ein tödlicher Erreger.

    Bekannte Risikogruppen

    Als "Krankenhauskeime" haben solche multiresistenten Erreger wiederholt Schlagzeilen gemacht. Eine irreführende Bezeichnung, wie Main-Klinik-Geschäftsführer Christian Schell findet.  "Das hört sich an, als ob wir Keime züchten, dabei bringen sie die Patienten mit", sagt er. In der Tat seien es vor allem Patienten aus Risikogruppen, die dafür verantwortlich sind, dass multiresistente Erreger ins Krankenhaus eingeschleppt werden, betont Manfred Knof. Bekanntester Vertreter ist der 
    Methicillin-resistente Staphylococcus aureus , kurz MRSA.

    "Krankenhauskeim hört sich an, als ob wir Keime züchten, dabei bringen sie die Patienten mit."
    Christian Schell, Geschäftsführer der Main-Klinik

    Zu den Risikogruppen gehören Menschen, die erst kürzlich in Südeuropa oder Südostasien unterwegs waren. Nach jüngsten Studien brächten 85 Prozent aller Asien-Reisenden unbemerkt resistent Keime als Souvenir mit, sagt Knof. Aber auch Landwirte, die Tiere halten, geraten in Verdacht, Überträger zu sein, weil in der konventionellen Tiermast häufig Antibiotika eingesetzt werden - vor allem bei Schweinen und Geflügel. Eine weitere Risikogruppe sind Patienten, die in den Monaten vor ihrem Klinikaufenthalt mit Antibiotika behandelt wurden, oder die nässende, schlecht verheilende Wunden haben.

    Getrennte Behandlung

    Anhand eines standardisierten Fragebogens versuchen die Krankenhausmitarbeiter schon bei der Aufnahme des Patienten herauszufinden, ob er einer Risikogruppe angehört. In diesem Fall werden Abstriche des Speichels oder anderer Sekrete gemacht, um sie auf resistente Keime zu untersuchen. In den Niederlanden sind solche Screenings bereits gängige Praxis, in Deutschland noch die Ausnahme, so Knof. Bis der Verdacht ausgeräumt ist, wird der Patient getrennt von den übrigen Patienten untergebracht. Bei der Behandlung und auch für Besucher gelten besondere Maßnahmen wie sterile Schutzkleidung - wenn sich der Verdacht erhärtet hat, sogar bis zum Ende des Klinikaufenthalts. 

    Die Herausforderung für Ärzte und Pflegepersonal besteht dann darin, die Übertragung der resistenten Keime auf andere Patienten zu verhindern. Als es vor Jahren darum ging, die Intensivstation der Main-Klinik zu erweitern, begann Chefarzt Manfred Knof, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Die neue Abteilung sollte so geplant werden, dass Krankheitserreger, keine Chance haben, sich unbemerkt zu verbreiten.

    Bauliche Vorbeugung

    Die medizinischen Geräte wurden an die Decke montiert, statt fest eingebauter Schränke gibt es bewegliche Rollcontainer, damit der Fußboden vollständig und sicher desinfiziert werden kann. Als Hygienefachkraft wacht Ulrike Lenz auch über die übrigen Bereichen der Klinik, versucht Schwachstellen aufzudecken und Risiken zu beseitigen. Zu den wichtigsten Abwehrmaßnahmen gehören die Desinfektionsmittelspender für die Hände, die in großer Zahl angebracht wurden. Die Hände seien der beliebteste Siedlungsplatz für Keime, so Manfred Knof.  Er selbst wollte mehr über das Thema wissen und besuchte über vier Jahre hinweg Seminare und Praktika, um sich zum geprüften Krankenhaushygieniker und zum Antibiotika-Experten weiterzubilden. 

    "Antibiotika sind wichtig, deshalb müssen wir dafür sorgen, dass sie auch wirksam bleiben."
    Manfred Knof, Chefarzt und Krankenhaushygieniker

    Inzwischen greift die Hygienestrategie an der Main-Klinik deshalb noch weiter und versucht, Resistenzen gar nicht erst entstehen zu lassen. Dazu zählt der bewusstere Umgang mit Antibiotika. Statt breit wirkende Medikament zu verordnen, werde nach gezielt wirkenden Präparaten gesucht.  Einen Appell richtet Knof dabei an niedergelassene Hausärzte. Noch immer werde etwa bei Erkältungen häufig ein Antibiotikum verschrieben, obwohl viele Infekte auf Viren zurückzuführen sind, gegen die Antibiotika nicht wirken, und die Erkältung auch mit einfachen Hausmitteln auskuriert werden könnte. 

    Falsch verstandene Hygiene

    Die Folge könnte sein, dass Patienten nicht mehr auf ein Antibiotikum ansprechen, wenn sie es tatsächlich einmal brauchen. "Antibiotika sind wichtig", sagt Manfred Knof, "deshalb müssen wir dafür sorgen, dass sie auch wirksam bleiben." Falsch verstandene Hygiene im Alltag ist dagegen übrigens auch kein geeignetes Mittel. Vielmehr fördere ein unsachgemäßer Einsatz von Desinfektionsmitteln ebenfalls die Bildung von Resistenzen und führe dazu, dass die natürliche Keimflora zerstört wird und gefährliche Keime erst recht leichtes Spiel haben.

    In der Main-Klinik hat man bisher gute Erfahrungen mit der Hygienestrategie gemacht, sagt Ulrike Lenz. Aufgrund der Risikobewertung sei im vergangenen Jahr bei 160 der über 6000 stationär behandelten Patienten eine Laboruntersuchung auf resistente Keime durchgeführt worden. In 13 Fällen wurden dabei resistente MRSA-Keime gefunden. In keinem dieser Fälle wurden Anzeichen festgestellt, dass der Erreger auf andere Patienten übergegangen ist. Und auch wer MRSA-Träger sei, müsse sich in der Regel keine ernste Gedanken machen. Bei gesunden Menschen werde der Keim normalerweise nach einigen Monaten von der normalen Bakterienflora wieder verdrängt, sagt Fachmann Manfred Knof.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!