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    Würzburg

    Katastrophenfall wegen Corona: Was das für Unterfranken bedeutet

    In Bayern gilt ab sofort der Katastrophenfall. Kann damit die Corona-Pandemie gestoppt werden? Und wann herrscht wieder Normalzustand? Das sagen unterfränkische Experten.
    In Bayern gilt ab sofort der Katastrophenfall (Symbolbild).
    In Bayern gilt ab sofort der Katastrophenfall (Symbolbild). Foto: Bernd Wüstneck, dpa

    Bayern hat wegen der Ausbreitung des Coronavirus ab sofort den Katastrophenfall ausgerufen. Das hat vor allem organisatorische Folgen und "bedeutet, dass zusätzliche Kapazitäten zur Verfügung stehen, die gesammelt koordiniert werden und deren Einsatz somit zielgerichteter erfolgt", sagt Prof. Peter Bradl, Leiter des Institutes für Katastrophenmanagement an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS). Beispielsweise kann nun die Bundeswehr mit ihren Krankenhäusern in die Krisenpläne einbezogen werden. Auch könnten Grundrechte eingeschränkt werden, es gelte aber "der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit".

    Generell erkläre keine Behörde leichtfertig den Katastrophenfall, so Bradl. Aber das ursprüngliche Ziel, eine großflächige Ausbreitung zu verhindern, sei "klar nicht mehr erreichbar". Es gehe deshalb aus gesundheitspolitischer Sicht darum, die Auswirkungen für die Bevölkerung in Europa zu minimieren. Je langsamer sich das Virus ausbreitet, desto mehr Kapazitäten stünden für die Versorgung der Erkrankten zur Verfügung.

    Experte: Panik ist nach wie vor nicht angebracht

    Ab Dienstag sollen Bars, Kinos und Schwimmbäder im Freistaat geschlossen werden. Von Mittwoch an müssen auch ausgewählte Geschäfte, die nicht zur Grundversorgung notwendig sind, ihre Pforten dicht machen. Schulen, Kitas und Kindergärten bleiben bis zum 20. April zu. Das Leben kommt immer mehr zum Stillstand.

    Die Maßnahmen der Regierung seien sachgerecht, sagt Prof. Peter Bradl, Leiter des Institutes für Katastrophenmanagement an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS).
    Die Maßnahmen der Regierung seien sachgerecht, sagt Prof. Peter Bradl, Leiter des Institutes für Katastrophenmanagement an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS). Foto: Bradl

    Diese Anordnungen "wirken im 21. Jahrhundert möglicherweise irritierend und sind klar eine Einschränkung für jeden", sagt Bradl. Trotzdem sind sie aus seiner Sicht "sachgerecht und dienen der Gesundheit aller Menschen in unserem Land". Panik sei "keinesfalls angebracht": "Die derzeit in Bayern und Deutschland zur Verfügung stehenden Ressourcen und Kapazitäten geben keinen Anlass zur Sorge". Einen Engpass erwarte er aktuell nicht, so Bradl. Gleichzeitig appelliert er an die Bürger, Vorräte nur "in Maßen" anzuschaffen. "Denn je weniger Ware in den Regalen vorzufinden ist, umso stärker ist der Anreiz für Nachfolgende, noch mehr zu kaufen. Dies führt zu einer Spirale und dient keinem."

    Das Robert-Koch-Institut meldete am Sonntaggabend deutschlandweit 4838 Infizierte.  In Unterfranken haben sich nachweislich bis Montagmorgen mindestens 132 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, in Würzburg gab es zwei Todesopfer.

    "Ab wann wir wieder auf einen Alltagsmodus umschalten können, lässt sich derzeit nicht seriös voraussagen."
    Thomas Wurmb, Leiter der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin an der Uniklinik Würzburg

    Was aber passiert, wenn plötzlich Zehntausende in der Region erkranken? Die Würzburger Uniklinik sei längst auf den Katastrophenfall vorbereitet, sagt Thomas Wurmb, Leiter der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin. "Wir analysieren stündlich die Lage und leiten davon Maßnahmen ab." Denn wenn Zehntausende erkranken würden, würde das in der Konsequenz auch eine hohe Anzahl an Intensivpatienten bedeuten. Gäbe es zum Beispiel auf einmal 600 kritisch kranke Corona-Patienten, "dann käme sicher eine außergewöhnliche Aufgabe auf die Uniklinik und die Krankenhäuser in der Region zu", so Wurmb. Die jetzt auch deutschlandweit umgesetzten Maßnahmen wie eine Reduktion der nicht notwendigen Eingriffe seien hilfreich. Eine genaue Zahl aber, ab wann die Versorgung kritisch wird, will Wurmb nicht nennen.

    Im Katastrophenfall funktioniere die medizinische Versorgung nach neuen Gesichtspunkten, sagt Prof. Thomas Wurmb, Leiter der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin an der Uniklinik Würzburg.
    Im Katastrophenfall funktioniere die medizinische Versorgung nach neuen Gesichtspunkten, sagt Prof. Thomas Wurmb, Leiter der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin an der Uniklinik Würzburg. Foto: Heiko Becker

    Grundsätzlich, so Wurmb, funktioniere die medizinische Versorgung im Katastrophenfall nach neuen Gesichtspunkten. Im Alltag, im Normalzustand, gelte bei der Gesundheitsversorgung "alles für alle". "Das bekommt man im Katastrophenfall nicht mehr hin", so der Experte. Vorhandene Ressourcen müssten dann eingeteilt werden, das Credo heiße dann "beschränkte Maßnahmen für möglichst viele". Ziel sei dabei schlicht, dass möglichst viele Menschen überleben. Italien sei mittlerweile sogar noch einen Schritt weiter, "jeder, der Arzt ist, macht dort alles".

    Wirtschaftliche Folgen der Pandemie werden laut Experten noch lange spürbar sein

    "Dass es in Deutschland zu einer solchen Situation kommt lässt sich derzeit nicht sicher ausschließen", sagt Wurmb. Allerdings seien die Todeszahlen hierzulande bislang weitaus geringer als in Italien. "Trotzdem bereiten wir uns auch auf eine katastrophenmedizinische Versorgung vor. Indem wir entsprechende Maßnahmen vordenken, können wir die Kapazität steigern." So könnten im Ernstfall Stationen geschlossen und Personal in der Krisenversorgung eingesetzt werden. Auch sei es denkbar, Aufwachräume zu Intensivstationen umzurüsten, um mehr Platz zu schaffen. "Diese Pläne gibt es seit langem für Großschadensereignisse oder Katastrophen – sie wurden nicht extra für das Coronavirus entworfen", sagt Wurmb.

    Ein fast leeres Regal ist in einem Supermarkt. Viele Deutsche legen angesichts der Ausbreitung des Coronavirus Vorräte an.
    Ein fast leeres Regal ist in einem Supermarkt. Viele Deutsche legen angesichts der Ausbreitung des Coronavirus Vorräte an. Foto: Kay Nietfeld, dpa

    Bleibt die Frage, wie lange dauert der Ausnahmezustand an? Wann wird alles wieder "normal"? "Ab wann wir wieder auf einen Alltagsmodus umschalten können, lässt sich derzeit nicht seriös voraussagen", erklärt Wurmb. Eine Verlangsamung der Ausbreitung und ein Abflachen der Kurve wäre "schon ein entscheidender Schritt".

    Auch für Peter Bradl vom FHWS-Institut für Katastrophenmanagement ist eine Rückkehr in den "Normalmodus" kurzfristig nicht zu erwarten. Vor allem warnt er vor den Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft, beispielsweise den Umsatzeinbußen in Gastronomie und Hotellerie. "Sofern die Kosten nicht anderweitig gedeckt werden können, kann dies existenzgefährdend sein", so der Experte. Das gelte auch für Zulieferbetriebe. "Diese Folgen der Corona-Krise werden Unternehmen und Bürger mit Sicherheit länger spüren, als die aktuelle Dauer der tatsächlichen Einschränkungen."

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