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    Würzburg

    Kindertafel: Wenn ein Kind ohne Essen zur Schule gehen muss

    Die ehrenamtlichen Helfer der Kindertafel schmieren schultäglich rund 200 Brote für Kinder, die kein Pausenbrot von zu Hause mitbekommen. Foto: Thomas Obermeier

    10 323 Kinder haben in Unterfranken am Dienstag ihren großen Tag. Den Tag, auf den sie schon seit Wochen hinfiebern, denn dann ist Schluss mit dem Kindergartenleben und los geht der Schulalltag. Ausgestattet mit Schulranzen, Federmäppchen und Pausenbrot treten die ABC-Schützen an diesem Tag zum ersten Mal ihren Schulweg an. So zumindest die Theorie. In der Praxis sieht dies leider anders aus, denn mit einem Pausenbrot werden nicht alle Kinder zu Hause ausgestattet. 

    Etwa zehn Prozent der Grundschüler verlassen in Deutschland morgens ohne Frühstück das Haus – das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unter Eltern im Auftrag des Discounters Lidl. Hochgerechnet auf die knapp drei Millionen Grundschüler in Deutschland sind rund 300 000 Kinder betroffen. Wie wichtig aber ein Frühstück und Pausenbrot für Kinder ist, das weiß die Würzburger Kindertafel. Seit 2012 engagiert sie sich für Kindergarten- und Schulkinder im Würzburger Stadtgebiet, die ohne Frühstück und Pausenbrot in die Schule geschickt werden.

    Die Kindertafel versteht sich als "Pausenbrot-Catering"

    "Wenn der Magen knurrt, kann man sich einfach nicht konzentrieren", weiß Kindertafel-Mitbegründerin Ute Kremen. Und tatsächlich belegen Studien, dass die Nährstoffaufnahme am Morgen essentiell ist, um am Tag produktiv zu sein. "Doch leider ist es auch noch so, dass die meisten Kinder, die von uns Pausenbrote bekommen, auch schon kein Frühstück hatten." Hier greift die Kindertafel dann ein. Sie versteht sich als "Pausenbrot-Catering". Die ehrenamtlichen Mitarbeiter kümmern sich darum, dass bedürftige Kinder mit einem gesunden Pausenbrot versorgt werden. Hierfür stehen schultäglich freiwillige Helfer in einem kleinen ehemaligen Ladenlokal in Grombühl bereit und schmieren rund 200 gesunde Pausenbrote. Hinzu kommen noch Getränke und Rohkost. Anschließend werden die Pakete dann an die jeweiligen Schulen geliefert.

    "Vielen Eltern fehlt schlichtweg das Geld, dann denken viele, gesunde Ernährung sei teuer."
    Ute Kremen, Würzburger Kindertafel

    Die Gründe, weshalb so viele Kinder keine Pausenbrote bekommen, seien vielfältig, meint Kremen. "Vielen Eltern fehlt schlichtweg das Geld, dann denken viele, gesunde Ernährung sei teuer." Teilweise haben es Eltern in ihrer Kindheit aber auch selber nicht gelernt, oder durch Schichtarbeiten seien sie morgens einfach nicht zu Hause. "Und oftmals sind auch psychische Belastungen der Eltern Schuld daran, dass sie nicht in der Lage sind, ihren Kindern ein vernünftiges Brot zu schmieren."

    Besteht dann aber nicht Gefahr, dass Eltern, die ihren Kindern bislang immer Brote geschmiert haben, nun auch nicht mehr dafür bereit sind? Schließlich gibt es den Service für diese Fälle. Nein, meint Kremen, die selber Mutter eines 13-jährigen Jungens ist. "Bislang hatten wir dieses Problem nicht." Im Gegenteil: "Oft ist es so, dass die Eltern dann wieder anfangen, ihren Kindern Brote zu schmieren."

    Sozialreferentin Düber ist der Kindertafel dankbar

    Auch Sozialreferentin Hülya Düber kennt das Problem mit den fehlenden Pausenbroten. "Auch in Würzburg gibt es aus den unterschiedlichsten Gründen Familien, bei denen die finanziellen Mittel für ein Schulfrühstück und eine ausgewogene Ernährung fehlen oder die Notwendigkeit dafür nicht gesehen wird", sagt sie. Sie sei der Kindertafel für ihre Arbeit dankbar, auch "wenn ich eigentlich hoffe, dass in der Zukunft Angebote wie diese nicht mehr notwendig sein werden."

    Neben geschmierten Broten gibt es für die Kinder auch Rohkost und Getränke. Foto: Thomas Obermeier

    Das Arbeitsprinzip der Kindertafel Würzburg ist bundesweit selten. Die Kindertafel im benachbarten Schweinfurt war hier der Vorreiter. Wer ein Pausenbrot bekommt, entscheiden Erzieher und Lehrer. Sehen sie, dass ein Kind regelmäßig ohne vernünftiges Pausenbrot zum Kindergarten oder in die Schule kommt, können sie dies ihrer Leitung melden. Diese wiederum meldet sich bei der Kindertafel und bestellt dementsprechend die Brote. Die Mitarbeiter der Kindertafel erfahren hierbei nicht, für wen sie die Brote schmieren – alles läuft anonym ab.

    80 000 Euro kosten die Pausenbrote für ein Schuljahr

    Die Kindertafel finanziert sich alleine durch Spenden. 80 000 Euro werden laut Kremen pro Schuljahr für die Pausenbrote benötigt. Für das kommende Schuljahr 2019/20 sieht es gut aus: "Die Kosten sind gedeckt", sagt Kremen. "Zumindest, wenn nicht wesentlich mehr Schulen dazu kommen." Denn melden können sich die Schulleitungen das ganze Schuljahr über. Oft komme aber auch zwischendurch die Nachricht, dass an einer Schule wieder weniger Brote benötigt werden, da die Eltern nun selber Brote schmieren.

    Dies ist auch ein weiteres Ziel der Würzburger Kindertafel. "Dass ein gewisser Lerneffekt für alle Beteiligten da ist", so Kremen. Einerseits sollen die Kinder merken, wie wichtig eine gesunde Ernährung ist, wenn man im Leben weit kommen möchte, andererseits sollen die Eltern begreifen, dass ihre Kinder erfolgreicher sein können, wenn die Ernährung stimmt. "Wir möchten einfach nur, dass sich die Kinder gut konzentrieren können und dass die Aggressivität auf den Schulhöfen nachlässt", hofft Kremen. Und natürlich: "Dass die Kinder keinen Hunger haben, das ist für uns das Wichtigste."

    Würzburger Kindertafel e.V.
    Damit sich die Würzburger Kindertafel weiterhin finanzieren kann, ist sie ständig auf ehrenamtliche Mitarbeiter und Sponsoren angewiesen.
    Kontakt: Tel.: (0931) 707007; Mobil: 0170 7938316; E-Mail: info@wuerzburger-kindertafel.de
    Spenden: Unicredit Bank AG, Würzburg; IBAN: DE25 7902 0076 0018 8631 11; BIC: HYVEDEMM455, Stichwort: Würzburger Kindertafel

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