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    Würzburg

    Konzerte, Wirtschaft, Masken: So könnte es in der Region weitergehen

    Heute sprechen Bund und Länder über mögliche Lockerungen. Doch welche Ausstiegsszenarien aus dem Shutdown sind sinnvoll? Wir haben fünf Experten aus der Region befragt.
    Immer mehr Menschen tragen in der Region freiwillig Atemschutzmasken - wie hier in der Würzburger Innenstadt. Kommt bald die Maskenpflicht?
    Immer mehr Menschen tragen in der Region freiwillig Atemschutzmasken - wie hier in der Würzburger Innenstadt. Kommt bald die Maskenpflicht? Foto: Johannes Kiefer

    Corona hat das öffentliche Leben lahmgelegt. Erste Ausstiegsszenarien werden erörtert, doch das Virus hält uns noch im Griff. Aber wie lange? Am heutigen Mittwoch beraten sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit der Kanzlerin. Und dann? Wird es im Sommer Konzerte und offene Restaurants geben? Helfen Schutzmasken in die Normalität zurückzukommen? Wie schützen wir die Risikogruppen? Was kostet der Stillstand? Und wie kann unsere Wirtschaft wieder auf die Beine kommen? Wir haben fünf Experten aus Unterfranken dazu befragt.  

    Das sagt der Virologe Lars Dölken

    Prof. Lars Dölken in einem Labor am Institut für Virologie und Immunbiologie an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg.
    Prof. Lars Dölken in einem Labor am Institut für Virologie und Immunbiologie an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. Foto: Daniel Peter

    "Die Krise wird erst beendet sein, wenn wir einen Impfstoff für alle zur Verfügung haben", sagt Prof. Lars Dölken. Der Würzburger Virologe hält es für nicht ganz unrealistisch, dass wir bereits im Oktober 2020 einen Impfstoff haben werden. Bis aber auch alle geimpft seien, werde es nochmal ein gutes halbes Jahr dauern.

    Solange könnten die jetzigen Beschränkungen allerdings nicht aufrecht erhalten werden. Aber: "Wenn wir jetzt mit den Maßnahmen zurückfahren, tolerieren wir automatisch mehr Infektionen." Ziel müsse laut Dölken sein, dass wir dieses Mehr an Infektionen in Bevölkerungsgruppen mit einem (sehr) geringen Risiko für eine schwere Erkrankung haben. Diese sollten sich dann so verhalten, dass sie nicht wieder die Hochrisikogruppen anstecken. "Deshalb sollten wir dort wieder aufmachen, wo der wirtschaftliche Nutzen am größten und der mögliche Schaden durch Neuinfektionen am geringsten wäre."

    Zugute komme uns jetzt, dass alle vier Coronaviren, die bislang bekannt sind und die beim Menschen vorkamen, laut Dölken eine recht ausgeprägte Jahreszeiten-Abhängigkeit haben. Spätestens nach Pfingsten werde daher seiner Meinung nach auch für Sars-CoV-2 die Weiterverbreitung durch die Witterungsbedingungen stärker eingeschränkt werden. Umgekehrt werde die Weiterverbreitung ab September wieder zunehmen.

    "Wenn wir Maßnahmen zurückfahren, tolerieren wir mehr Infektionen." 
    Lars Dölken, Professor für Virologie in Würzburg

    "Wir müssen jetzt also einen Weg finden, wie wir möglichst viel erlauben, ohne das System abzuschießen, ab Frühherbst aber müssen sehr wahrscheinlich alle Maßnahmen wieder auf den Prüfstand", sagt Dölken. Denn es müsse vermieden werden, dass dann alles wieder von vorne beginne. Hoffnungsvoll stimmt ihn dabei, dass auch in China nach der Öffnung derzeit kein schneller Rückfall aufgetreten ist.

    Dölken kann sich gut vorstellen, dass schon im Mai auch Restaurants wieder öffnen können, wenn man dies auf Außenbereiche begrenze und die Besucherzahlen reguliere, um Abstandsregeln einzuhalten. Auch Geschäfte könnten dann wieder öffnen. Es bleibe aber in gewisser Weise ein Lotteriespiel und man müsse die Entwicklung immer genau im Blick haben. Wahrscheinlich müsse dies dann auch unterschiedlich - je nach Betroffenheit einer Region oder Stadt - entschieden werden. 

    Das Problem bei Großveranstaltungen wie Bundesliga-Spielen sieht Dölken nicht so sehr auf dem Platz und im Stadion. Das wahre Problem trete in den Eckkneipen auf, wo Fußball auf engstem Raum von hundertausenden Fans deutschlandweit am Fernseher verfolgt wird. Dort könnte ein Infizierter nahezu alle anstecken, im Stadion maximal seine unmittelbaren Nachbarn. Zudem wäre die Zahl beteiligter Personen sehr viel größer. Andere Open-Air-Veranstaltungen müssten entsprechend mit weniger Leuten organisiert werden, so dass genügend Abstände möglich seien. 

    Das sagt der Wirtschaftswissenschaftler Peter Bofinger

    Peter Bofinger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und gehörte bis 2019 den sogenannten Wirtschaftsweisen an. 
    Peter Bofinger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und gehörte bis 2019 den sogenannten Wirtschaftsweisen an.  Foto: Tobias Schwarz, afp

    Die durch die Corona-Krise ausgelösten Einschränkungen für die Wirtschaft seien mit einem künstlichen Koma zu vergleichen, sagt Peter Bofinger, Würzburger Professor für Volkswirtschaftslehre, der von 2004 bis 2019 dem Sachverständigenrat der fünf Wirtschaftsweisen angehörte. Entscheidend sei, wie gut man den Patienten in dieser Situation am Leben erhält.

    Das Kurzarbeitergeld entlaste da schon erheblich. Andere Zahlungsverpflichtungen, wie Mieten, Zinsen, Pachten und Leasing-Raten würden aber bleiben. Je länger die Situation anhalte, desto schlechter würden die Bilanzen. Die Verschuldung steige, die Kapitaldecke werde dünner. Die Politik helfe den ganz Kleinen, die jetzt bis zu 15 000 Euro Soforthilfe bekommen und den Großen zum Beispiel durch Beteiligungen.

    "Aber wir haben eine riesige Lücke im Mittelstand", sagt Bofinger. Die großen Summen an Bürgschaften, die die Politik derzeit gerne ins Schaufenster stellt, würden umso weniger helfen, je länger das Koma andauere. Denn die Verschuldung der Unternehmen wachse, die Eigenkapitalbasis werde aufgefressen. Das Ergebnis sei die Insolvenz von immer mehr Unternehmen. 

    "Die Wirtschaft liegt im künstlichen Koma"
    Peter Bofinger, Professor für Volkwirtschaftslehre 

    Wenn der Patient nach dem Koma wieder auf die Beine kommen soll, dürfe die Politik nicht nur auf Liquiditätshilfen setzen. Die Politik müsse jetzt helfen, die Eigenkapitalbasis zu erhalten. Bofinger: "Ich plädiere deshalb für ein Modell negativer Steuern. Sprich, die Unternehmen bekommen einen Teil der 2019 bereits im Voraus bezahlten Steuern schlicht zurück." Sollte sich bei der Steuererklärung 2020 herausstellen, dass es zu keinem signifikanten Gewinnrückgang gekommen ist, muss das Geld wieder ans Finanzamt zurückgezahlt werden.

    Ein Monat mache ungefähr acht Prozent der Jahresleistung einer Volkswirtschaft aus. "Nehmen wir einmal als grobe Schätzung 25 Prozent Ausfall in der aktuellen Situation, dann kann man sagen, jeder Monat Shutdown kostet zwei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik Deutschland." Aber auch der Folgemonat werde noch nicht wieder normal laufen, das koste noch einmal ein Prozent der Wirtschaftsleistung.

    Der Wirtschaftsprofessor empfiehlt die Verschuldungswelle wie eine Infektionskette frühzeitig zu unterbrechen. Denn der Worst Case wäre, erst gehen die Unternehmen Pleite, dann bricht der Gewerbe-Immobilienmarkt zusammen, und dann bekämen die Banken Probleme. Die hätten mittlerweile zwar eine deutlich bessere Eigenkapitalquote, dennoch würde es für den Staat dann richtig teuer. Da sei es einfacher und finanziell auch durchaus möglich, diese Welle am Anfang zu stoppen. Die jetzt von der Politik in Aussicht gestellten Liquiditätshilfen seien zwar wichtig, aber man könne sich nicht darauf ausruhen.

    Das sagt der Infektionsforscher  Jörg Vogel

    Prof. Jörg Vogel leitet das Zentrum für Infektionsforschung der Uni Würzburg und das Helmholtz-Zentrum für RNA-basierte Infektionsforschung.
    Prof. Jörg Vogel leitet das Zentrum für Infektionsforschung der Uni Würzburg und das Helmholtz-Zentrum für RNA-basierte Infektionsforschung. Foto: Patty Varasano

    "Wir haben die Krise bislang sehr gut gemeistert", sagt Prof. Jörg Vogel, Leiter des Würzburger Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung. Dies liege am guten Zusammenspiel zwischen Gesellschaft und Politik. "Und wir haben eine starke Wissenschaft, wir stehen nicht wehrlos vor dieser Pandemie." Dabei dürfe man aber die nicht vergessen, die durch die Beschränkungen an den Rand ihrer wirtschaftlichen Existenz gebracht würden. 

    Es sei deshalb legitim, über mögliche Ausstiegsszenarien nachzudenken. Dies würde dann am Leichtesten fallen, wenn wir einen Impfstoff hätten und Medikamente, um die schwersten Verläufe abfangen zu können. Noch könnten wir einem unkontrollierten Ansteigen der Infektionszahlen medizinisch nichts entgegensetzen. Auch Vogel rechnet für den Herbst mit einem getesteten Impfstoff, der dann im nächsten Jahr flächendeckend zur Verfügung stehen könnte.

    Um schon vorher Maßnahmen lockern zu können, müsste die Ansteckungsrate deutlich unter 1 fallen. Das heißt ein Infizierter steckt weniger als einen weiteren Menschen an. Die Zahlen würden sich aktuell gut entwickeln, aber wie stabil das sei, müsse man noch ein bis zwei Wochen abwarten.  Zumal es mit Sicherheit bei den Neuinfektionen eine sehr hohe Dunkelziffer gebe.

    "Wir müssen weiter Abstand halten."
    Jörg Vogel, Leiter des Helmholtz-Institut für Infektionsforschung in Würzburg

    Großveranstaltungen seien für ihn in diesem Sommer ausgeschlossen. Denn man müsse vor allem verhindern, dass es wieder von vorne losgeht und wieder drastische Maßnahmen ergriffen werden müssen. Das würde die Bevölkerung mürbe machen und den Schaden für die Wirtschaft noch vergrößern. 

    Um eine neue Welle zu vermeiden, müsse man vor allem Abstand halten. Man nehme mal die Zahl der Infizierten, die nicht getestet seien und das Virus zirka zwei Wochen lang weitergeben könnten. Selbst wenn man diese Zahl sehr hoch ansetze, sei das rund jeder Hundertste. Dies zeige, mit wie vielen Menschen man in engen Kontakt treten müsse, um ein hohes Risiko der Infektion zu haben. Mit ausreichend Abstand könne man die Verbreitung gut im Griff behalten bis ein Impfstoff da sei.

    Das sagt der FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann 

    Andrew Ullmann ist Obmann der FDP im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Der Würzburger Abgeordnete ist Professor für Infektiologie.
    Andrew Ullmann ist Obmann der FDP im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Der Würzburger Abgeordnete ist Professor für Infektiologie. Foto: Silvia Gralla

    Ziel müsse es jetzt sein, die Verdoppelungszahl der Neuinfizierten auf über 28 Tage zu bekommen und dass ein Infizierter weniger als einen zweiten ansteckt, sagt Andrew Ullmann, Gesundheitspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion und Professor für Infektiologie in Würzburg. In diesem Fall und wenn genügend Masken und Desinfektionsmittel zur Verfügung stünden, könnte man die Ausgangsbeschränkungen langsam lockern. 

    "Maskenpflicht auch im öffentlichen Nahverkehr."
    Andrew Ullmann, FDP-Gesundheitspolitiker und Medizin-Professor

    Soziale physische Distanz müsste aber bestehen bleiben, um so weitere Geschäfte wieder zu öffnen. Dies sei nur mit Maskenpflicht auch im öffentlichen Nahverkehr und Desinfektionsstationen im Ein- und Ausgangsbereich der Geschäfte möglich. Auch die Anzahl der Personen in einem Geschäft und im ÖPNV müsste begrenzt werden.

    Große Menschenansammlungen wie bei Fußballspielen oder Konzerten würden nach Meinung von Ullmann noch über den ganzen Sommer nicht möglich sein. Dies sei seine persönliche Einschätzung. Das Virus werde uns noch eine ganze Weile begleiten.

    Das sagt die SPD-Gesundheitspolitikerin Sabine Dittmar

    Sabine  Dittmar ist praktische Ärztin und gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. 
    Sabine Dittmar ist praktische Ärztin und gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.  Foto: SPD

    "Wir fahren auf Sicht, aber es gibt leichte Hoffnungsschimmer", sagt Sabine Dittmar, praktische Ärztin und Gesundheitspolitische Sprecherin der SPD im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages. In den nächsten zwei Wochen müsse sich zeigen, ob wir das Plateau der Neuansteckungen erreicht haben und wie die Kliniken mit dem zu erwarteten Ansturm schwerer Verläufe fertig werden.  

    "Wir fahren auf Sicht."
    Sabine Dittmar, SPD-Gesundheitspolitikerin und Ärztin

    Sabine Dittmar sorgt sich schon jetzt um die Zeiten nach der Pandemie. Vor allem die medizinischen Berufe und Therapeuten, die aktuell nicht arbeiten könnten oder kaum Patienten hätten, seien in Gefahr. Ob Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie oder Diätassistenz. Wie viele Einzelhändler und Selbstständige auch, müssten sie jetzt ihre Kosten weitertragen ohne arbeiten zu können. Hier müsse man helfen, damit diese Versorgungsstruktur nicht zusammenbreche.

    Von einer generellen Maskenpflicht, um früher das öffentliche Leben wieder hochfahren zu können, hält Dittmar nichts. Die Wirkung sei umstritten und es stünden auch gar nicht ausreichend wirksame Masken zur Verfügung. 

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